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  09.06.2011   08:19   +Feedback

Gurkenkonsens

Von Stefan Theil

Nach EHEC muss man Gurken und Salat einfach anders beurteilen”, sagte die Kanzlerin in einer Pressekonferenz. Beim Gemüse gäbe es eine Zeit vor EHEC und eine Zeit nach EHEC, sagte Merkel. Man könne die Ängste der Menschen nicht einfach ignorieren. Gleichzeitig gab das Adenauerhaus eine neue Kampagne für den Bundestagswahlkampf bekannt, Motto: “Für ein gurken- und salatfreies Deutschland - wählt CDU.” Damit wolle man neue urbane Wählerschichten gewinnen. Grünen-Chefin Claudia Roth nannte den Ausstieg einen Erfolg für ihre Partei: “Wenn sich unser Thema bis in die Mitte der Gesellschaft durchsetzt, haben sich 30 Jahre Kampf der Grünen gelohnt.” Vertreter der SPD ringen noch um eine Position.
Berliner Politikberater lobten Merkels Schritt als “genialen Schachzug”, ihre offene Flanke beim Anti-Gurken-Thema zu schließen. FDP-Generalsekretär Christian Lindner forderte einen noch schnelleren Ausstieg, der auf Kartoffeln erweitert werden müsse. Die Bundesregierung berief sogleich eine Ethikkommission aus Kirchen- und Fleischwirtschaftsvertretern, um den Gemüseausstieg völlig ergebnisoffen bis Ende des Monats zu beschließen. Noch am Abend kündigte Landwirtschaftsministerin Aigner ein Gesetz für die Erzeugung EHEC-resistenten Gemüses (EEG) an. Produzenten von Brennnesseln und Bio-Tofu sollen bis 2031 den 15-fachen Gurkenpreis garantiert bekommen, der über den Einzelhandel auf alle Salatendverbraucher umgelegt werden soll. Mit dem EEG soll der Industriestandort Deutschland gestärkt werden und 500 000 Arbeitsplätze im Brennnessel- und Tofusektor entstehen. In der “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung” lieferte Frank Schirrmacher eine flammende Verteidigung des Gemüseausstiegs. Unter der Überschrift “Sie nennen es Hysterie” schrieb der konservative Großkommentator, mit dem im Ausland verwundert betrachteten Gemüseausstieg verfielen die Deutschen mitnichten der sprichwörtlichen “German Angst”, sondern würden ihrer auserwählten Rolle als “Prometheus” unter den Völkern gerecht.

Der Autor ist Deutschlandkorrespondent von Newsweek

Heute eröffnet eine Ausstellung seiner Fotos vom Tahrir-Platz in Kairo, “Gesichter einer Revolution”, im Mauermuseum am Checkpoint Charlie in Berlin.

Zuerst erschienen in DIE WELT am 9.6.2011

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Kategorie(n): Satire 

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