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  05.09.2011   16:00   +Feedback

Grüne gegen Grüne

Ach, was war das doch bis vor kurzem eine heile grüne Welt: Schuld an Umweltzerstörung und ökologischem Frevel hatten immer die Anderen. Man selbst gehörte hingegen einer moralisch tadellosen Minderheit an. Die anderen, das waren Missetäter wie „die Industrie“, „die Chemie“, „die Ölmultis“ oder die „Atomlobby“. Wahlweise wurde auch die dumpfen Massen in Haftung genommen, also beispielsweise jene Mehrheit von Ignoranten, die nicht vom eigenen Automobil lassen will. Der aufrechte Grüne schimpfte auf „Massenverkehr“ oder „Massenkonsum“ und fühlte sich wohl in seiner ökologischen Nische. Entsprechend gestalteten Umweltvereine ihre Kampagnen und wurden von den meisten Medien darin freudig unterstützt. Wer auf die Exponenten der Wohlstandsgesellschaft drauf haute, traf immer die Richtigen. Das ging über Jahrzehnte so und die ökologische Dauerbeschallung blieb nicht ohne Wirkung. Heute haben selbst tiefergelegte Fahrzeuglenker Slogans wie „Seveso ist überall“ oder „Atomkraft, nein Danke“ verinnerlicht.

Doch ausgerechnet auf dem Höhepunkt der Bewegung, wird die Lage jetzt unübersichtlich. Nachdem der gesellschaftliche Rest-Widerstand gegen die grüne Idee ermattet am Boden liegt, schimpfen Grüne immer öfter auf Grüne. Krach gibt es beispielsweise in den USA. Kalifornische Naturschützer prangern Windkraftanlagen an, unter deren Flügeln sie immer häufiger zerhackte Weißkopfseeadler finden. Alleine eine Anlage in den Tehachapi Mountains hat nach Beobachtungen in kürzester Zeit sechs der wertvollen und unter strengem Naturschutz stehenden Weißkopf-Seeadler geschreddert. Auch Hunderttausende anderer Vögel und Fledermäuse werden durch Windparks getötet, in Deutschland beispielsweise viele Dutzende Exemplare des geschützten roten Milans. „The Green Killer“ titelte eine Zeitung einen Bericht über den Vogeltod für Ökostrom. „Wenn Du einen Seeadler schießt, dann kostet Dich das 10.000 Dollar Strafe und/oder einen Urlaub zwischen einem und fünf Jahren in einem unserer wunderschönen Gefängnisse“, sagt die kalifornische Vogelschützerin Sue Hammer, „doch in diesem Fall geschieht nichts“.

Die Sache ist deshalb besonders delikat, weil der Weißkopf-Seeadler in den USA nicht nur das Wappentier des Landes sondern auch ein Maskottchen des Umweltschutzes ist. 1962 erschien Rachel Carsons inzwischen weltberühmtes Buch „Der stumme Frühling“. Die amerikanische Biologin warnte darin vor dem übermäßigen Gebrauch von Pestiziden. Tatsächlich gingen die Bauern damals viel zu sorglos mit Pflanzenschutzmitteln um. Vögel starben am Einsatz unzureichend getesteter Agrargifte. Besonders betroffen war der Weißkopfseeadler. Dies war der Zündfunke der globalen Umweltbewegung. Dass die Bestände des schönen Wappenvogels sich erholt haben, ist eines der vielen positiven Ergebnisse des großen Umdenkens, das damals einsetzte. Und jetzt erweist sich ausgerechnet eine grüne Vorzeige-Technologie als neuer Feind des grünen Vorzeige-Vogels: „Windkraft ist überall“, könnte der neue Slogan heißen. Die Tatsache, dass es (noch) keinen grünen Volksaufstand in dieser Sache gibt, liegt an einem einfachen Umstand: Die Umweltbewegung kann niemanden außer sich selbst dafür verantwortlich machen.

Und dies ist bei Weitem nicht das einzige Beispiel dafür, wie die grüne Revolution ihre Kinder frisst. Aus vorgeblichen Klimaschutzgründen werden in Südostasien die Regenwälder abgeholzt, um dort Ölpalmen für die Biodiesel-Produktion zu schaffen. Man könnte auch sagen: Das Waldsterben, Teil 2, diesmal in grün. In Europa entstehen endlose Maisanbauflächen zur Gewinnung von Biogas und E10-Benzin. Monokulturen und Pestizid-Masseneinsatz: Diesmal in grün. Die schönsten Höhen des Schwarzwaldes sollen demnächst für riesige Windkraftwerke frei gegeben werden, selbst der Nationalparks bayrischer Wald für Windrädertürme nicht mehr tabu sein. Landschaftszerstörung und Außer Kraft setzen des Naturschutzgesetzes: Diesmal in grün.

Ein Aufschrei würde durch die Republik gehen, hätte jemand das Naturschutzgesetz in Frage gestellt, um Platz für Industrieschornsteine oder Strassen zu schaffen. Bislang gibt es gegen die Windrad-Schlote lediglich lokalen Protest - oft auch von Naturschützern, die von ihrer Partei enttäuscht sind. Grüne Politiker erklären grünen Naturschützern lapidar, man könne daran im Zeichen des ökologischen Fortschritts leider nichts ändern. Das erinnert an die Autobahn-über-Alles Fraktion der 70er-Jahre. Die Betonköpfe 2.0 sind genauso, nur grün. Selbst die grüne Bürgerbeteiligung soll plötzlich nicht mehr für alle gelten: Protest gegen einen Großbahnhof ist edel, Protest gegen ein Großwindrad ist ignorant. Und das lässt sich weiter durchdeklinieren:  Wer einen Baum für den Stuttgarter Bahnhof fällt ist ein Baummörder, wer ihn in der in der heimischen Pellet-Heizung verfeuert , ist ein Klimaschützer.

Der grünen Ideologie wird es vermutlich gehen, wie einst dem Sozialismus. Die Widersprüche lassen sich eine Zeit lang zudecken, aber nicht auf Dauer. Kaum war der Sozialismus an der Macht, passierte das exakte Gegenteil dessen, was seine Propheten intendiert hatten:  Die Arbeiter wurden immer ärmer, und sie hatten weniger demokratische Rechte. Wie es bei den Sozialisten der Arbeiterklasse erging, so scheint es unter grüner Herrschaft der Umwelt zu ergehen. Grüne Ideologie und praktischer Umweltschutz kollidieren immer öfter. Und auch die Vertretern dieser beiden Richtungen werden zunehmend aneinander geraten. „Get ready for the green Civil War“, orakelt eine britische Zeitung, „machen sie sich auf den grünen Bürgerkrieg gefasst“. 

Erschienen in der Basler Zeitung vom 2.09.2011

(Dirk Maxeiner)


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Kategorie(n): Inland  Ausland  Klima-Debatte  Wissen  Wirtschaft 

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