Hannes Stein 25.03.2009 16:17 +Feedback
Größenwahn und 68
Natürlich habe ich mit dem Link auf den Text von Götz Aly Dich gemeint, lieber Alan, ich kenne ja sonst nicht so viele Ex-68er, mit denen ich gern streite und die ich gern leiden mag.
Ich kann über dieses Thema, wie Du weißt, freilich nicht so richtig mitreden, denn 1. war ich 1968 grade mal drei Jahre alt, und 2. bin ich in Österreich aufgewachsen, wo es ieigentlich keine 68er-Revolte gab (wenigstens gab es keine Apo). Mein grundsätzlicher Verdacht im Hinblick auf die Studentenbewegung: dass es viel weniger wichtig ist, was damals passierte, als die meisten Protagonisten heute wahrhaben wollen—im Guten wie im Bösen.
Viele gesellschaftliche Umbrüche jener Zeit haben, scheint mir, weniger mit Marxengelsleninstalinmao und der Weltrevolution zu tun als mit technischen Erfindungen (Antibabypille, Waschmaschine). Oder?
Im Übrigen möchte ich zum Thema eine kleine Erinnerung beitragen. Irgendwann in den Neunzigerjahren war ich—und das war natürlich die Schuld von Richard Herzinger—bei einem Germanistenkongress in Bad Godesberg zu Gast. Das übergreifende Thema war, wenn ich mich recht entsinne, “Gewalt”. Als Redner eingeladen war unter anderem Bernd Rabehl. Der galt damals noch nicht als Nazi, das heißt, diese netten linksliberalen Germanisten fanden ihn allesamt ziemlich klasse.
Rabehl redete eine Rede, in der er eine geschlagene Stunde lang heroische Anekdoten aneinanderreihte. Unterfüttert war das Ganze von Deutschtümelei: Deutschland als besetztes Land, die Alliierten als Besatzungsmächte usw. Am Ende Beifall und keine einzige kritische Frage. Wenn es nun aber ein Genre gibt, das ich nicht ausstehen kann, dann ist es Veteranengeschwätz.
Also überwand ich meine Schüchternheit, stand auf und wagte die Anmerkung, die 68er hätten mit ihrer Parole “USA—SA—SS!” die Verbrechen ihrer Eltern auf die Amerikaner im Vietnamkrieg projiziert.
Es war atemberaubend: als hätte ich in der Kirche laut gepupst. Du hättest es sehen sollen, lieber Alan. Eigentlich alle außer Richard Herzinger gingen auf mich los. Ich hatte irgendwann wirklich das Gefühl, ich sei in eine Veteranenversammlung geraten. Die Anrede, mit der ich am häufigsten tituliert wurde, war “junger Mann”. Zeigefinger wurden mir entgegengereckt. Wut blitzte aus den Augen. Und Rabehl stand in der Mitte des Raumes und lächelte mild und zufrieden.
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