Wolfgang Röhl 26.07.2009 13:19 +Feedback
Grand ohne vier. Das Klima-Kartenhaus von Bremerhaven
Investitionsruinen schaffen ohne Waffen, das ist ein beliebtes Hobby unserer Politiker. Einige Fälle: am Nürburgring, so enthüllten Recherchen des Motorjournalisten Wilhelm Hahne kürzlich, gibt es gar keine seriösen privaten Geldgeber für eine 250 Millionen Euro teure „Erlebnis-Welt“. Das Gegenteil war der Öffentlichkeit lange vorgegaukelt worden. Der rheinland-pfälzische Finanzminister Deubel kippte über den Skandal. Die Zeche zahlt der Steuerzahler. In Bremen wurde 2004 der Freizeitpark „Space Center“ eröffnet und wenige Monate später mangels Besucher dicht gemacht. Die Subventionen für das totgeborene Baby waren futsch. Der Kadaver durfte sich noch mal als Kulisse für eine „Tatort“-Folge mit der Bremer Kommissarin Lürssen nützlich machen – nicht viel Gegenwert für 170 Millionen Euro…
Etwas weiter nördlich siecht seit 2002 der „See-Flughafen Cuxhaven“ dahin, auf dem so gut wie nie Flugzeuge landen. Sein Unterhalt kostet den hoch verschuldeten Landkreis jährlich 250 000 Euro, doch schließen kann man die Piste nicht so einfach – man müsste dann EU-Fördergelder für den Bau zurück zahlen. Kurz, es gibt kaum ein Vorhaben, das profilierungssüchtige Lokalmatadore, die mit Staatsknete einen auf Visionär machen, nicht schon in den Sand gesetzt haben.
Jetzt hat Norddeutschland ein neues Multimillionengrab ausgehoben. Für das „Klimahaus“ in Bremerhaven, vor einem Monat unter gewaltigem Medien-Bohei eröffnet – auch die „Tagesschau“ brachte einen Jubelbericht –, musste die notorische Pleitestadt an der Weser 100 Mio hinlegen. Es sieht wie ein riesiges, gestrandetes Greenpeace-Schlauchboot aus und bietet für 12,50 Euro Eintritt (Kinder (8,50) eine virtuelle Reise, auf der kleinen und großen Menschen bei unterschiedlichen Temperaturen porentief das Gehirn gewaschen wird. Weshalb es auch von Umweltminister Gabriel wärmstens empfohlen wird.
Das „Hamburger Abendblatt“: „Die interaktive Wissenschaftsschau Klimahaus Bremerhaven 8° Ost zeigt verschiedene Klimazonen und macht dabei auf die teils verheerenden Auswirkungen der Erderwärmung entlang des 8. Längengrades aufmerksam. In der knapp 12 000 Quadratmeter großen Ausstellung ist zu sehen, welche Auswirkungen die Erderwärmung hat und was jeder Einzelne zum Klimaschutz beitragen kann. Die Betreiber rechnen damit, dass die Präsentation in dem futuristischen Bau aus Glas jährlich etwa 600 000 Besucher anzieht.“
Zur Einweihungsfete mit 800 Gästen war bezeichnenderweise nicht der Präsident des Landesrechnungshofs Spielhoff geladen worden, der die Verschwendungssucht der Bremer Regierenden amtsgemäß kritisch sieht. Eingeladen waren vielmehr der Chef-Apokalyptiker Mojib Latif sowie der berühmte Klimaforscher Bob Geldof. Wes Geistes Kind im Klimahaus mit CO2-Klötzchen spielt, war somit klar. Nicht mit einem Sterbenswörtchen werden Besucher davon in Kenntnis davon gesetzt, dass es zu Ursachen, Ausmaß und Folgen von Klimaveränderungen noch ein paar andere Erklärungsansätze gibt als die Prognosen der IPCC-Angstindustrie. Im Klimahaus ist es wie bei einer katholischem Messe an Ostern: Häretiker haben nichts zu suchen im neuen Tempel der einzig wahren Global-Warming-Religion.
In Bremerhaven, wo Elvis 1958 deutschen Boden betrat, ist auf Steuerzahlers Kosten eine ideologische Berieselungsanlage entstanden, durch welche die strammgrünen Pauker der Republik künftig schon ihre Viertklässler schleusen werden. Abgeholzte Wälder, schmelzende Gletscher, Stürme, Sintfluten und vertrocknete Böden poppen in der Klimageisterbahn an allen Ecken hoch. An den Wänden stehen weises Spruchwerk („Jetzt sind die Bäume tot. Die Landschaft ist leer!“) und bange Fragen („Gehört der Mensch bald auch zu den bedrohten Arten?“). Nein, korrektes Deutsch ist im Klimahaus nicht erforderlich. Die richtige Gesinnung genügt.
Dass die Kosten, die fürderhin auf das Land Bremen (zu dem die Stadt Bremerhaven gehört) zukommen, happig sein werden, ist öko-logisch. Der Bau dürfte zum Fass ohne Boden geraten. Denn das Klimahaus wird sich schwer tun, massenhaft Gäste anzulocken – es ist touristisch Mission impossible.
Erstens liegt Bremerhaven abseits der großen Reiserouten „am Mors der Welt“, wie man im Norden so hübsch sagt. Die wenig befahrene A 27 von Bremen endet schon 35 Kilometer weiter nördlich in Cuxhaven am Meer. Im Westen von Bremerhaven fließt die Weser. Das verbleibende Umland ist schwach besiedelt. Ein Erfolgsrezept jedes größeren Freizeitparks lautet jedoch: er muss in ein Ballungsgebiet oder an ein Autobahnkreuz gestellt werden, sonst funktioniert er auf Dauer nicht. In die 116 000-Einwohner-Stadt Bremerhaven fahren vornehmlich Journalisten, die fehlgeschlagenen Strukturwandel, verwahrloste Wohnghettos, so genannte soziale Brennpunkte, arbeitslose Migranten und bei Wahlen erfolgreiche Rechtsextreme besichtigen möchten.
Zwar liegt Klimahaus am Hafen, wo ein paar touristische Attraktionen („Havenwelten“) wie zum Beispiel das Auswanderermuseum versammelt sind. Was leider nichts daran ändert, dass das Umfeld blanke Tristesse verströmt. Wie ein bodenständiger Kritiker im Internet bemerkte: „Wer nach Verlassen der Havenwelten und des Columbus-Centers gar in nördliche Richtung aufbricht und die verfallenen Häuser und die leer stehenden Geschäfte sieht, wird sich zu Recht die Frage stellen, was er eigentlich in dieser Stadt soll.“
Zweitens hat das Klimahaus ein Marketingproblem. Grün ist zum Kassengift geworden. Deutsche Blätter, die monothematische „grüne“ Nummern herausbrachten („So retten wir die Welt“), blieben wie Blei im Regal liegen. In den USA strich „Vanity Fair“, Hochglanzgazette der grün angehauchten Hollywood-Schickeria, Anfang des Jahres seine geplante dritte „Green Issue“ aus Furcht vor massiven Auflageeinbrüchen. Green doesn´t sell anymore.
Als ich neulich durch Bremerhaven kam, war das Klimahaus gut besucht. Der vergangene Donnerstag war freilich auch ein optimaler Termin – Kernferienzeit, und über die Urlaubsorte der Umgebung fegten kalte Regenböen. Viele flüchten an solchen Tagen in die Freizeitparks.
Woraus aber sollen sich die 600 000 angepeilten Besucher des Klimahauses übers Jahr gesehen generieren? Voll zahlende Gäste, wohlgemerkt, nicht Schulklassen, die für lau durchgehen. 1643 Besucher jeden Tag im Jahr, wo sollen die herkommen? Die Saison im Norden dauert höchstens viereinhalb Monate. Kommt hinzu, dass die Klimahäuslebauer die notwendige Besucherzahl nach Ansicht mancher Beobachter viel zu niedrig angesetzt haben. Nicht 600 000, sagen Skeptiker, sondern minimal 800 000 Ticketkäufer brauche das Projekt, um kostendeckend zu arbeiten.
Das größte Manko am Klimahaus aber ist, drittens, das Klimahaus selbst. Es ist einfach schnarchlangweilig. Anders als das Ozeaneum in Stralsund oder der Hamburg Dungeon oder der Heidepark Soltau (nicht zu reden vom Europapark Rust, dem erfolgreichsten Produkt der Freizeitindustrie), bietet es weder Spaß noch Spiel, weder Träume noch Thrill. Überall nur Belehrendes, Humorfreies, Hochtrabendes von Videoschirmen. Worte wie „Verantwortung“ flimmern bedeutungsschwanger über Leinwände. Aus Lautsprechern quaken Kinderstimmen naseweises Zeug.
All das penetrante Gutgeraschel! Wie etwa der Einfall, am Eingang eine „Klimawaage“ aufzustellen, auf der man die aktuellen Öko-Sünden seines Landes oder der ganzen Welt abrufen kann. Damit man jenes sauschlechte Gewissen kriegt, das die Klima-Priester für ihren Ablasshandel benötigen. Im Klimahaus kann man ein bisschen schwitzen und ein bisschen frieren, Kuhglocken läuten oder über eine kleine Hängebrücke gehen, nicht viel mehr. Wirklich, ich habe kein einziges Kind und keinen Erwachsenen gesehen, der von der „Reise“ (der angeblichen Hauptattraktion des Klimahauses) kam und einen glühenden Kopf hatte vor Aufregung. Keiner da, der „Wow!“ oder „Stark!“ oder „Super!“ gerufen hätte. Der Fun-Faktor im Klimahaus ist nicht mal klein - er ist non-existent. Wer einmal drin war, kommt nie wieder.
Ob der absehbar andauernde Subventionsbedarf der Veranstaltung irgendeinen Politiker irritiert? I wo! Das von den finanzkräftigen deutschen Regionen ausgehaltene Bonsai-Bundesland Bremen wird seit eh und je maßgeblich von Sozialdemokraten regiert. Gegenwärtig sind die Grünen mit am Ruder, was die Sache nicht besser macht. Die Devise an der Weser heißt traditionell: Ober, bring´ Sie mal n´büschen Geld! Wir möchten zahlen.
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Kategorie(n): Inland


