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  08.11.2009   08:14   +Feedback

Gottfried Wagner verbietet den Negerkuss

Ein Fest der Freiheit soll es werden, morgen, auf dem Pariser Platz, am Brandenburger Tor. Und das ist auch gut so, denn um sie, um die Freiheit, ging es damals vor zwanzig Jahren, um die alles berührende Freiheit, nicht um die Gleichheit, die ungefragt zur Realität geworden war, durch Ochs und Esel, Mielke und Wolf, Markus.

In Deutschland aber kann man sich nicht kommentarlos freuen. Man geht vielmehr der Freudenarbeit nach. Man freut sich im Plenum und aufgrund der Tagesordnung. Man freut sich nicht bei Musik, man freut sich bei geordnetem Musikablauf. Bei Lohengrin und Schönberg, damit alle, musikalisch ruhiggestellt, zufrieden sein können.

Einer aber tanzt immer aus der Reihe, und schon ist, trotz aller Umsicht, Manöverkritik fällig. Da das Datum mit dem der Reichspogromnacht zusammenfällt, fühlen sich die Selbsternannten von der FSK, der freiwilligen Selbstkontrolle, wieder einmal zur Mahnung aufgerufen.

Auch das Haus Wagner macht darin keine Ausnahme. Vor Tagen noch quollen die Agentureimer über vom Geständnis der jungen Bayreuth-Erbin Katharina, sie habe bei Beate Uhse Requisite eingekauft. Und jetzt schon wieder Wagner, diesmal aus Köln, und auch keine Vollerbin, sondern der Ausgestoßene, das Schwarze Schaf, Gottfried. Der K-Gruppen-Wagner.

Er warnte angesichts des morgigen Bombasmus, indem er sich zum Programmpunkt Lohengrin-Ouvertüre, rein musikwissenschaftlich, versteht sich, äußerte. „Diese chauvinistische Kriegsaufputschmusik des militanten Antisemiten Wagner“, so der Ur-Enkel des Meisters, möchte er morgen nicht zu Gehör gebracht wissen.

Und, wie zum Beweis, zitiert er auch gleich aus dem Mark: „Für deutsches Land, das deutsche Schwert! So sei des Reiches Kraft bewährt!“ Das bringt natürlich den Kreislauf des Verfassungsmützenpatrioten in Gang. Bei nüchterner Betrachtung vermittelt das Zitat aber nichts anderes als die Bereitschaft zur Landesverteidigung, was letzten Endes auch Auftrag der Bundeswehr ist.

Der Rest ist Vokabular des 19. Jahrhunderts, Reichssehnsucht, Einheitswille, unserem kollektiven Ohr entfremdet wie der Negerkuss. Wenn wir die Paulskirchenversammlung von 1848 an der (selbst)gerechten Sprache von heute messen würden, bliebe nicht viel von ihr übrig. Dabei hat die heutige durchschnittliche europäische Nationalhymne deutlich mehr an „Schwert“ zu bieten als dieser schwermütige Lohengrin. Auch der schöne Götterfunken muss manchmal verteidigt werden.

Gottfried, lass die Paulskirche im Dorf! Es geht um die Freiheit!

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Kategorie(n): Inland  Kultur 

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