11.12.2012   10:27   Leserkommentare (0)*

Gottes Werk und Martensteins Beitrag

Harald Martenstein findet die Vorstellung bizarr, „dass Gott nichts Besseres zu tun hat, als sich in seinem Himmel über die Landesgrenzen seines Lieblingsvolkes Gedanken zu machen“. Mit diesem Statement feiert er seinen Einstand als Nahostexperte. Aber er tritt dabei nicht alleine auf, sein Sidekick ist der Trotzkist Jakob Moneta. Ein, na klar, israelkritischer Jude, sonst wäre er ja als Kronzeuge völlig uninteressant. Er „konnte viel davon erzählen, wie man den Palästinensern ihr Land abgenommen hat“. Von ihm weiß Martenstein auch das mit den Grenzen und Gott, der nichts Besseres zu tun hat.

Dass Martenstein dieses Insiderwissen nutzt, um einen Artikel draus zu machen, kann man ihm nicht verübeln. Auch nicht, dass er sich zum Nahostexperten erklärt. In einem Land, in dem Jakob Augstein Nahostexperte ist, ist nun einmal jeder Nahostexperte. Der religiöse Wahn „regiert zur Zeit Israel“, stellt er in seiner neuen Funktion fest, „deshalb werden die Grenzen permanent, Schritt für Schritt, mit Gewalt oder ohne, nach vorne geschoben.  Ein Anlass findet sich immer.“  Was das bedeutet, ist klar: „Damit wird jeder Gedanke an einen Staat Palästina zur Illusion.“

Frieden mit Israel kann es ohnehin nicht geben, denn „wo die Grenzen Israels liegen, kann kein Vertrag der Welt regeln, es liegt allein in Gottes Hand“, greift Martenstein noch einmal auf das Gottesstaat-Argument zurück. Außerdem behandelt Israel seine Freunde hochmütig und ihr Gott soll endlich einen zweiten Nelson Mandela schicken. Womit dann auch ganz elegant die Brücke zum Apartheidvorwurf geschlagen wäre. Nicht schlecht für den ersten Artikel.

Was an der deutschen Israel-Fixierung immer wieder erstaunt und auch auf Martensteins Beitrag zutrifft, ist die Kombination aus aggressiver Ahnungslosigkeit und offensiver Empathielosigkeit. Kein Wort zum Raketenterror gegen Israel, stattdessen die Darstellung eines apartheidhaften Gottesstaates, der sich immer mehr Land stiehlt und das auf Kosten seiner Freunde, die er noch dazu schlecht behandelt. Da spricht Martenstein über religiösen Wahn und meint damit nicht die Hamas, die ihren Judenhass religiös motiviert. Da wirft er Israel vor, dem Frieden keine Chance zu lassen und schweigt dazu,  dass Abbas erst vor wenigen Tagen wiederholte, dass in einem künftigen Staat Palästina keine Juden leben dürfen und Israel niemals als jüdischer Staat anerkannt wird.

Auch zu Tel Aviv fällt dem kritischen Journalisten nur ein, dass da ja so viele Orthodoxe (?!?) wohnen würden. Dass es weltweit eine der beliebtesten Städte unter Schwulen ist, könnte einem Beobachter ja theoretisch auch auffallen, zumal in einer Region, in der Homosexualität normalerweise mit Kerkerhaft bestraft wird, mindestens. Auch dass jeder fünfte Israeli Araber/Palästinenser ist, scheint Martenstein nicht zu irritieren. Vermutlich weil ihm Jakob Moneta das nie verraten hat. Oder er hat es sich nicht gemerkt, klingt ja auch nicht so spannend wie die Sache mit Gott und den Grenzen.

Und dann immer diese Angst, dass die Palästinenser ihren Staat nicht bekommen. Warum ist das deutschen Publizisten eigentlich so wichtig? Sie können es offenbar gar nicht abwarten, eine weitere Diktatur auf der Weltbühne willkommen zu heißen. Dabei wäre, sollte es morgen soweit sein, nur die Frage, ob es sich dabei um einen klassischen Failed State (Fatah) oder einen Gottesstaat (Hamas) handeln würde. So oder so wäre das Standardprogramm in beiden Fällen: Unterdrückung von sexuellen und religiösen Minderheiten, Judenhass, Frauenverachtung, keine Meinungs- und Pressefreiheit sowie fehlende Gewaltenteilung.

Aber nur die Ruhe, Herr Martenstein, das mit Free Palestine wird schon noch früh genug passieren. Bis es soweit ist, können Sie sich vielleicht damit trösten, dass es zwar noch keinen Staat, aber immerhin schon den dazugehörigen Bürgerkrieg gibt. Richtig blutig, wie es sich gehört. Hamas- und Fatah-Mitglieder schenken sich da nichts, werfen sich gegenseitig von Hausdächern, schleifen tote Gegner hinter Motorrädern her und vergewaltigen die Töchter ihrer Feinde, was man halt so macht, kurz bevor man sich zur Menschenrechtscharta bekennt und einen liberal-demokratischen Musterstaat ausruft.

Gideon Böss schreibt für DIE WELT den Blog “Böss in Berlin” und twittert unter twitter.com/GideonBoess

Permanenter Link | Druckversion

Kategorie(n): Inland  Ausland  Kultur 

Leserkommentare **

* Leserkommentare werden meist einmal täglich veröffentlicht. Wenn Sie Kommentare vermissen, schauen Sie doch später noch mal vorbei.


Es wurden noch keine Kommentare veröffentlicht.

Kommentar schreiben

Es kann nur innerhalb der ersten drei Tage nach Veröffentlichung eines Artikels kommentiert werden.


** Leserkommentare geben nicht die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Leserkommentare nicht, gekürzt oder in Auszügen zu veröffentlichen. Anonyme Zuschriften werden nicht berücksichtigt. (Bitte Vor- und Nachnamen angeben!) Leserkommentare sollten zusätzliche Argumente, Gedanken oder Informationen zum kommentierten Beitrag erhalten. Bloße Zustimmung oder Ablehnung sortieren wir aus.



Helfen Sie uns Die ACHSE DES GUTEN noch besser zu machen
und auszubauen!

Spendenkonto
Kontonummer: 4801474
Augusta-Bank, Augsburg
Bankleitzahl 720 900 00
Internationale Bankleitzahl BIC GENODEF1AUB
Internationale Konto-Nr. IBAN DE27720900000004801474