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  31.07.2009   14:33   +Feedback

Gil Yaron: Nablus wacht auf

Während der zweiten Intifada war Nablus im Westjordanland Hauptstadt des palästinensischen Terrorismus. Bewaffnete Banden kontrollierten die Straßen, täglich fiel die israelische Armee in die Stadt ein. Jetzt hat sich das ehemalige wirtschaftliche Herz des Landes auf seine Tradition besonnen. Statt zu kämpfen, sollen die Palästinenser einkaufen. Im ganzen Westjordanland kehrt Normalität langsam in den Alltag zurück.

Stundenlang stand man hier in der brennenden Sonne und wartete darauf, dass israelische Soldaten einen durch den Kontrollpunkt lassen. Hawara war eine von mehr als 100 Straßensperren in der Umgebung von Nablus, Sinnbild der Unterdrückung durch die israelische Besatzungsmacht. Die Armee sah Nablus als „Hauptstadt des Terrors“ und hatte sie hermetisch von der Umwelt abgeriegelt. Die Schlangen an der Ausfahrt von Nablus gehören jetzt der Vergangenheit an. Eine neue Strasse führt an den ungenutzten Sperranlagen vorbei, gelangweilt winkt eine israelische Soldatin die palästinensischen Fahrzeuge an einem Betonblock vorbei, ohne auch nur einen Blick ins Innere zu werfen. Seit Juni ist der Zugang frei. Die Regierung von Benjamin Netanjahu räumte Dutzende Straßensperren, Nablus erwacht zu neuem Leben.

Der Wandel ist überall spürbar. Dort, wo noch vor einem Jahr Poster Selbstmordattentäter feierten, werben heute farbige Plakate für amerikanisches Kaugummi. In den schmalen Gassen des alten Suq, in denen sich Palästinenser und Israelis während des bewaffneten Aufstandes erbitterte Gefechte lieferten, drängen Besucher dicht an dicht an überquellenden Markttischen vorbei. Wo früher Banden um die Vorherrschaft rangen und Schutzgelder erpressten, regeln säuberlich gekleidete Polizisten mit auf Hochglanz polierten Stiefeln den Verkehr und achten penibel auf die Sauberkeit in den Straßen. Wo früher straflos Menschen erschossen wurden, erhalten Fahrer heute Strafzettel, wenn sie ohne Gurt fahren. Nablus ist das Paradebeispiel dafür geworden, was im Westjordanland möglich ist.

Der Mann, der an diesem Wandel Teil hatte, ist Dr. Jamal Muhaisen, der Gouverneur des Distrikts. Seine erste Aufgabe war es, das Chaos in der Stadt zu beenden. Der von Präsident Machmud Abbas persönlich eingesetzte Fatah-Funktionär sorgte in seiner Stadt mit eiserner Hand für Recht und Ordnung:„Sogar in meinem Büro saßen Mitglieder der Banden“, erzählt er über den Beginn seiner Amtszeit. Sein Dienstwagen wurde mehrmals in Brand gesteckt, die Gangs trachteten ihm nach dem Leben. Fünf bis an die Zähne bewaffnete Leibwachen schieben deswegen am Eingang seines Büros Dienst.

Es war nicht leicht, die Stadt zu befrieden. Dabei reichte es nicht aus, tausende von den USA ausgebildete Polizisten in die Stadt zu bringen. Er musste auch den rhetorischen Krieg gegen die Banden gewinnen, die sich als Freiheitskämpfer stilisierten:„Die Israelis wollen das Chaos. So können sie mit uns machen, was sie wollen“, sagt Muhaisen. Mit diesem Argument erklärte er jeden Bewaffneten zum Feind der palästinensischen Sache. Die gebeutelte Bevölkerung und die verarmten Geschäftsleute standen Muhaisen in seinem Kampf zur Seite. Nachdem der Gouverneur bewiesen hatte, dass er für Ruhe sorgen kann, macht ihm die israelische Armee Zugeständnisse. Straßensperren wurden geräumt, die nächtlichen Einfälle der Soldaten fast völlig eingestellt.

Nun will Nablus den Ruf des Freiluftgefängnisses loswerden und wieder zum wirtschaftlichen Herz Palästinas werden. Zu diesem Zweck erfanden Muhaisen und Bürgermeister Adly Yaisch das „Einkauffestival“, statt mit dem Gewehr will man jetzt mit dem Geldbeutel Palästina verteidigen. In stiller Koordination mit der Armee strömen die Bewohner der Umgebung wieder in die Stadt, um mit ihren Einkäufen die Innenstadt zu beleben. Selbst Araber mit israelischer Staatsbürgerschaft dürfen wieder nach Nablus. Premier Salam Fayad eröffnete das Festival mit einem Rekord, der es ins Guiness Buch schaffte. Nablus stellte die größte Knafe der Welt her, ein traditioneller palästinensischer Nachtisch, gemacht aus Ziegenkäse:„Sie wog 1700 Kilogramm und war 75 Meter lang. Aber wir haben sie in nur 15 Minuten aufgegessen“, sagt Bürgermeister Yaisch stolz, vielleicht kein Wunder bei schätzungsweise 100.000 Besuchern.

Statt um bewaffneten Widerstand dreht sich in Nablus heute alles ums Geschäft. Jahrelang war die gläserne Fassade des größten Einkaufszentrums von Kugeln durchlöchert. Die „Mall“, wie die Einwohner den Gebäudekomplex im Stadtzentrum nennen, stand leer. Jetzt öffnen hier Läden, sogar ein Kino hat hier aufgemacht. Zum ersten Mal seit neun Jahren kann man amerikanische und ägyptische Filme sehen. „Die Menschen haben das mit Begeisterung aufgenommen“, sagt Nadar Ilawi, der Toningenieur, der seit Juni den einen Saal fünf Mal am Tag öffnet. Die 175 Plätze sind fast immer ausverkauft, die 5 € pro Kopf können sich sogar die jungen Teenagerinnen leisten, die ohne Begleitung ihrer Eltern hier erscheinen. Im lärmenden Suq freut sich auch der Kleiderhändler Nabil über die Menschenmenge:„So gut lief das Geschäft seit neun Jahren nicht!“, sagt er strahlend.

In der vierten Etage eines modernen Bürogebäudes will eine neue Generation ambitiöser Palästinenser auf fortschrittliche Weise Geschäfte machen. Hier sitzt die palästinensische Börse:„Wir sind online, unsere Technik gehört zur modernsten der Welt“, sagt Chefdirektor Achmad Aweidah. Die Anfänge sind noch bescheiden. Siebzig Angestellte kümmern sich um den Aktienverkauf der 38 eingetragenen Firmen, der durchschnittliche Umsatz beträgt gerade einmal 3,5 Mio. € am Tag. Aber Aweidah will nicht nur Investoren anlocken, er will die Mentalität seines Volkes ändern:„Rund 15% des Geldes hier kommt vom Ausland. Aber wir betteln nicht als armes Opfer um Hilfe. Wir wollen für voll genommen werden.“ Der international ausgebildete Banker mit akzentfreiem Englisch spricht von guten Renditen, nicht Entwicklungshilfe: „In diesem Jahr hat unser Index 13% zugelegt, im vergangenen Krisenjahr waren wir die sicherste Börse in der arabischen Welt.“

Männer wie Aweidah haben den Wandel am eigenen Leib erfahren. Noch vor zwei Jahren, als es für die Bewohner Jerusalems wie ihn verboten war, in die Stadt zu kommen, schmuggelte er sich jeden Tag auf abenteuerliche Wege zu seiner Arbeit: „Morgens fuhren wir auf die andere Seite des Berges, suchten ein Loch im Zaun, warteten, bis die Soldaten weg waren, und kletterten dann in unseren Anzügen rüber.“ Von dort ging es in einem Eselskarren bis zum klimatisierten Arbeitsplatz. Abends reiste er auf demselben Weg wieder zurück. Heute kann Aweidah in seinem Luxuswagen ungestört von Jerusalem zu seinem Arbeitsplatz fahren:„Das spart nicht nur viel Zeit, sondern auch Nerven.“

Doch trotz der positiven Atmosphäre sind die Bewohner Nablus mit der neuen Situation nicht ganz zufrieden, nicht nur, weil es eines gewaltigen Aufschwungs bedarf. Das Bruttosozialprodukt Palästinas ist in den vergangenen zehn Jahren um 40% geschrumpft. „Das kann nur ein erster Schritt sein“, sagt Aweidah. Kaufrausch und Normalität rücken die nationalen Ambitionen nur kurzfristig in den Hintergrund, können sie aber nicht vergessen machen. „Unser Problem ist nicht wirtschaftlicher, sondern politischer Natur. Ohne einen Friedensvertrag und einen unabhängigen Palästinenserstaat wird keine Lösung von Dauer sein“, sagt Aweidah.

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Kategorie(n): Ausland 

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