David Harnasch 17.07.2007 21:59 +Feedback
GEZ noch?!
Soeben sah ich auf dem NDR eine launige Reportage in den ”Weltbildern”:
”Mali: Ein Festival zum Flirten
Ein Nomadenleben hat so seine Nachteile: Monatelang sind die Männer im Land unterwegs. Jemanden kennenzulernen, sich zu verlieben - das ist gar nicht so einfach. Auch die Fulani-Frauen in Niger haben es deshalb schwer mit der Familiengründung. Nur einmal im Jahr kommen männliche Heiratskandidaten mit ihren Herden heim in die Stadt. Dann aber ist große Brautschau und es gelten folgende Regeln: Wer viele Rinder hat, ist eine gute Partie, wer Bernsteinohrringe trägt, noch zu haben. Auch die 15-jährige Fatima putzt sich für das Flirtfestival des Jahres heraus - schließlich haben sich dort schon ihre Großeltern verliebt.”
Zunächst mal muß ich klarstellen, daß der Text oben zwar vom NDR stammt, aber schlampig geschrieben ist. Es geht im Filmbeitrag explizit um einen Fulani-Stamm in Mali am Fluß Niger, nicht im gleichnamigen Land. (Woher soll ein öffentlich-rechtlicher Redakteur solche Kinkerlitzchen schon auseinanderhalten können?)
Die Reportage ist süß, goldig, herzallerliebst. Fatima entpuppt sich als aufgeweckter Teenie, in ihren Vorstellungen von der Liebe nicht viel anders als europäische Kids. Um so dringender hätte ich vom gebührenfinanzierten NDR keine bunt-romantische Afrikaverklärungsfolklore erwartet, sondern einen Hinweis darauf, warum ihr sehnlich erhofftes Zusammensein mit einem stolzen Hirtenjungen wahrscheinlich für Bravoleserverhältnisse enttäuschend ausfallen dürfte. Ihr Vater wird als “frommer Mann” bezeichnet, der “genau darauf achtet, was seine Tochter tut und für wen sie sich interessiert.”
Die Wikipedia genieße ich mit Vorsicht, aber dies deckt sich mit meinen Informationen:
“* Infibulation ( ‘pharaonische Beschneidung’ ) : Diese gravierendste Form ist verbreitet in Somalia, in Dschibuti und im Norden des Sudan, in einigen Regionen Ägyptens, Äthiopiens und weiter westlich in Mali. Es werden die Klitoris und die inneren und äußeren Schamlippen entfernt und die beiden Seiten der Vulva so zusammengenäht, dass die verbliebene Haut zu einer Brücke über der Vaginalöffnung und dem Ausgang der Harnröhre zusammenwächst. Indem bei der Wundvernähung ein Strohhalm oder ähnliches eingelegt wird, wächst die Wunde bis auf eine kleine Öffnung zu. Durch diese knapp erbsengroße Öffnung müssen Urin, Menstruationsblut und Vaginalsekrete austreten können, durch die Behinderung dieser Vorgänge kommt es zu zusätzlichen Schmerzen und Infektionsrisiken. Nach dem Eingriff werden die Betroffenen von den Knöcheln an bis zur Hüfte bandagiert, bis die Wunde verheilt ist. Dies kann bis zu vier Wochen dauern.
Der Infibulation folgen die
o Defibulation: die Wiedererweiterung einer infubilierten Vaginalöffnung. Dies ist oft nötig, um den Geschlechtsverkehr zu ermöglichen. Gelingt dem (Ehe-)Mann die Öffnung der Vagina durch Penetration nicht, wird die infibulierte Vagina von ihm – seltener von einer Beschneiderin – mit einem Messer oder einem anderen scharfen Gegenstand defibuliert. Zur Entbindung ist oft eine zusätzliche weitreichendere Defibulation notwendig.
o Reinfibulation (erneute Infibulation): nach einer Geburt wird die Vagina, die für die Geburt defibuliert wurde, in vielen Fällen nach Entfernung der Narbenränder erneut infibuliert. Nach mehreren Wiederholungen ist unter Umständen kein geeignetes Gewebe mehr für eine erneute Reinfibulation vorhanden.
Diese Klassifizierungen dienen lediglich als grobe Unterteilung. In der Realität existieren weitere Varianten. [2] Von einer Beschneidung sind jährlich weltweit etwa drei Millionen Mädchen betroffen. Die Gesamtzahl der Betroffenen wird von Fachleuten auf weltweit 130 Millionen geschätzt. Auch in Europa sind Schätzungen zufolge hunderttausende Frauen betroffen [3].”
Solche Informationen hätten allerdings das idyllische Bild gestört - was ganz genau der Job ist, mit dem die öffentlich-rechtlichen Sender ihre Gebühren rechtfertigen. Eine kritiklose Reisewerbesendung kann sich jeder Produzent schließlich genausogut von Airlines, Hotels und Reiseveranstaltern finanzieren lassen. Ich werde dem NDR hierzu meine Meinung geigen - auf dem Online-Formular, das noch nicht Teil der Online-Offensive ist, die sich die Ö-R ebenfalls vom Gebührenzahler finanzieren lassen wollen.

