29.04.2007 04:32 +Feedback
Gestohlen oder gerettet?
Thema No.1 in Australien ist nach wie vor die sogenannte “Stolen Generation”, also die Zwangsadoption von Kindern mit einem schwarzen und einem weissen Elternteil durch den Staat. Zwischen ca. 1915 und 1969 wurden insgesamt etwa 100 000 Kinder ihren Muettern entrissen und in Heime und Erziehungsanstalten gesteckt. Das erklaerte Ziel: Die Gewoehnung an eine “weisse”, d.h. vor allem moderne, aber auch christliche Lebensweise.
Inzwischen besteht nahezu Konsens, dass diese Politik verbrecherisch und rassistisch war. Die Linke spricht sogar von einem Genozid.
“What ya looking for, young Man?” spricht mich ein alter Aborigine an, weisse Haare, breites Laecheln, Basecap, ungewoehnlich gute Kleidung. Ich bin etwas ausserhalb von Alice Springs mit einem Mountainbike unterwegs. Und dann erzaehlt er mir vom harten Leben im Outback, heute ist es hart, damals war es haerter. Die Arbeit war hart, der Alltag war hart, die Frauen rar und das Bier viel zu warm.
“How did you get along with the white fellas?”, frage ich vorsichtig und neugierig.
“Ooh! I was one of them. I grew up like a white Man, ya see?”
Ich bin verdutzt. “So, are you a… you know...?”
‘Was ist eigentlich der politisch korrekte Ausdruck?’, frage ich mich.
“Yeah, I am one of them. They call us the stolen Generation. But I was not stolen. I was saved!”
“Saved?”, jetzt bin ich nicht verdutzt, sondern irritiert.
“Saved! My Mom didn’t care about me. She was always drunk. I met her again later. She didn’t give a shit. My dad was good to me. Most white people treated me well. They really cared. They got me out of the poverty, the crime, the violence and all that. I was educated. I learned to take care of my life. I was not stolen, I was saved. But nobody wants to hear that story. I enjoy living like a white Man. It is better. Much better.”
“But most Kids who were taking away are traumatised and...”
“Oh, I don’t know. Some of them are. Some feel like me. I know a lot of folks who were brought up like me and feel good about it. Maybe some were stolen. But I was saved and I am not the only one. That is my story.”
Etwas spaeter fahre ich in die falsche Strasse und finde mich in einem kleinen Slum mitten in Australien wieder - und wenn ich Slum sage, dann meine ich Slum: der Dreck, die Drogen, der Alkohohl, die Aggressionen, die Verzweiflung. Eine Aborigine eilt auf mich zu: “Get out of here, white boy. You are a nice boy, but this is the wrong way. It is dangerous! Hurry up! Get out! I want to help you...”
Und das lasse ich mir nicht zwei Mal sagen.
Ich moechte die Menschenrechtsverletzungen, die in der Periode der rigorosen Zwangsassimilation begangen wurden, nicht leugnen oder verharmlosen. Aber man muss auch verstehen, warum einige, nicht alle Betroffenen, sogar das Leben in einer fremden und zum Teil rassistischen Gesellschaft dem einer zerbrochenen Stammesgesellschaft vorzogen.
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Kategorie(n): Ausland

