Dirk Maxeiner 27.11.2008 10:18 +Feedback
Gestern war ich klimaneutral
Es war ein regnerischer, kalter Tag gestern in Berlin. Aus diesem Grund habe ich meinen Zoo-Besuch bei Knut verschoben und den 3. Deutschen Klimakongress aufgesucht. Schließlich waren da auch große Tiere live zu erleben. Nein keine Eisbären, aber immerhin Knuts Adoptivater Sigmar Gabriel. Also nix wie hin. Ausrichter des Events war der württembergische Energiekonzern EnBW, das Publikum erschien zahlreich im Businessanzug oder dem kleinen schwarzen Business-Kleid. Immer mehr Menschen wollen das Klima retten und sie sind immer besser angezogen. Auf dem Büchertisch liegen Titel wie “Die Welt am Scheideweg” oder “Wer im Treibhaus sitzt”. Das Pärchen am Stehtisch daneben unterhält sich über die jeweilige Hotelwahl. Sie logiert im “Marriot”, er bemängelt, dass sie dort “keinen Kaffee aufs Zimmer bringen”. Man trägt in Berlin gerade Schutzschirm und so fordert der EnBW Vorstandsvorsitzende zum Einstieg einen “Schirm für Mutter Erde”. Danach kommt der Baden-Württembergische Minister für Bundes- und Europa-Angelegenheiten. Er spricht lange und detailliert. In der letzten Reihe kommt Müdigkeit auf, aber der Minister bekämpft sie listig. Immer wenn er das Wort “Förderprogramme” ausspricht, sind alle ganz aufmerksam.
Und dann wirds im hell erleuchteten Saal immer finsterer. Der Chef des Potsdam-Institutes verkündet, dass der Klimawandel schneller voranschreite als gedacht. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Mensch fortgesetzte Klima-Gaus produziere liege bereits über 50 Prozent. Das hat er ganz genau ausgerechnet. Um die “normale Betriebsweise des Planeten” wieder herzustellen bedürfe es einer “totalen Transformation” um das Kohelendioxid aus dem “industriellen Metabolismus” auszumustern. Das ist die richtige Vorgabe für Sigmar Gabriel, der ein echter Weltpolitiker geworden ist. Man merkt das schon an seiner Sprache: Beim Klimaschutz handele es sich um eine “Opportunity”, die man roundabout wahrnehmen müsse, um whatever, die “low hanging fruits” zu ernten. Das ganze dauerte by the way etwa 40 Minuten bevor der Strom “short” wurde und Gabriel noch schnell mitteilte was man in “UK” errechnet habe. Im Anschluss daran verkündete der Chefökonom der Deutschen Bank, Norbert Walter, für das nächste Jahr den ökonomischen Weltuntergang. Der dürfe uns aber auf keinen Fall daran hindern, den ökologischen Weltuntergang zu vernachlässigen. Die Moderatorin lobt mehrmals den außerordentlichen Mut der Vortragenden solche Positionen zu vertreten.
Nach dem Mittagessen widmete sich Erhard Eppler dem Thema “Atomenergie und Staatszerfall”. Der Mann hat schon vor sechs Jahren in Le Monde Diplomatique gelesen, dass die Piraten vor der Küste von Somalia “immer frecher werden”. Auf das Publikum gehen Worte wie “Bush, “Gangs"und “Warlords” nieder. Es wird geplündert, vergewaltigt und geraubt und alle fragen sich, was das mit Atomenergie zu tun hat. Macht aber nix, ist schließlich auch eine schöne Apokalypse. Erhard Eppler lobt sicherheitshalber selbst seinen Mut, Le Monde Diplomatique zu lesen.
Danach kommt es zu einer ernsthaften Störung der Weltuntergangs-Party. Patrick Moore tritt auf, einer der Gründer von Greenpeace, der heute zu den größten Kritikern der Organisation zählt, macht sich bei Teilen des Publikums ziemlich unbeliebt. Er erzählt den Deutschen, dass sie heute schon wesentlich mehr Kohlendioxid pro Kopf ausstossen als beispielsweise die Franzosen und dass die Bilanz noch viel schlechter werde, wenn man aus der Atomenergie aussteigt. Zum Entsetzen der anwesenden Herren vom Potsdam-Institut weist er dann auch noch darauf hin, dass die Welttemperatur seit 1998 nicht mehr angestiegen sei. Kopfschüttelnd verlassen einige schwarze Businessanzüge und Businesskleider den Saal.
Am Abend gibts im Tipi-Zelt beim Kanzleramt dann noch eine große Klimaparty. Dort treten in Gestalt baden-württembergischer Schüler auch die künftigen Generationen auf. Sie erzählen wie sie durch “Stoßlüften” und “Lichtausmachen” Energie einsparen. Moderator Chero Jobatey fragt den EnBW-Vorstandsvorsitzenden was er denn vom Vormittag “mitgenommen habe”. Der antwortet erfreut, er habe aus dem Munde des Bundesumweltministers in Richtung der Energiekonzerne erstmals das Wort “Subventionen” gehört. Ich habe übrigens auch was mitgenommen. In der Veranstaltungsmappe steckte ein Zertifikat von “myclimate” für die Kongressteilnehmer. Das versichert mir mit Brief und Siegel: Ich war den ganzen Tag klimaneutral.
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Kategorie(n): Kultur


