05.11.2012   00:46   Leserkommentare (0)*

Gesödert, nicht gestreppt

Unerbetene Anrufe gibt es seit der Erfindung des Telefons, aber jeder kann bezeugen, daß sie zunehmen. Hier ist das Meinungsforschungsinstitut, hätten Sie ein paar Minuten Zeit? Hier ist Ihr Telefonanbieter, wir möchten Ihnen Sie auf einen neuen Tarif hinweisen. Hier ist das Versicherungsbüro XY, haben Sie schon mal darüber nachgedacht, was aus Ihrer Familie wird, wenn Ihnen etwas zustößt?

Auch die Redakteure des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und Fernsehens kennen dergleichen, und diese Erfahrung kann im Umgang mit Anrufen aus Parteizentralen hilfreich sein. Allerdings gibt es einen Unterschied zu den Quengeleien irgendwelcher Call-Center: die Parteizentralen haben Macht. Sie bestimmen, wer im öffentlich-rechtlichen Rundfunk und Fernsehen was wird. Und wer was geworden ist oder noch werden will, bestimmt, was gesendet wird.

Die Fälle Strepp und Söder lassen sich also eher mit den Anrufen unliebsamer Schwiegermütter vergleichen; man kann nicht einfach auflegen, sondern muß sich beim Abwimmeln ein bißchen Mühe geben. Aber Abwimmeln gehört zum Redakteurshandwerk. Das steht zwar bei der Stellenausschreibung nicht im Tätigkeitsprofil, aber hiermit sei es verraten: Abwimmeln ist die allerwichtigste Arbeit überhaupt. Sie kostet mehr Zeit und Kraft als der ganze restliche Redaktionsbetrieb. Allerdings darf man von den gut und dauerhaft bezahlten Kräften des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und Fernsehens eine gewisse Könnerschaft im Abwimmeln erwarten, und zwar vom Intendanten bis hinab zu den kleinsten und gemeinsten Mattscheiben-Funktionären in der Abteilung Politik und Zeitgeschehen.

Daß letztere jetzt aufschreien wie Mainzer Tanzmariechen, die von einem betrunkenen Karnevalisten in den Po gekniffen wurden, ist eigentlich ein unnormaler Vorgang. Das konnten Strepp und Söder ja nicht ahnen. Denn wahrhaftig: Anrufe in Funkhäusern aus Parteizentralen sind in Deutschland Alltag. Auch Journalisten wollen dauernd was von den Politikern; da bildet sich eine informelle Vertrautheit heraus, die von einer hohen ethischen Warte aus betrachtet immer etwas Unzüchtiges hat. Aber die hohe ethische Warte nützt in der professionellen Praxis wenig; dort herrscht das „Do ut des“ von Spießgesellen.

Gerade deshalb ist das Telefon so ein beliebtes Kommunikationsgerät im Verkehr zwischen Mächtigen und Medien. Es hinterläßt kaum Spuren. Schön blöd, wenn man auf ABs spricht oder, wie im jüngsten Falle, simst.

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Kategorie(n): Inland 

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