Gastautor 07.07.2009 12:11 +Feedback
Roza Liechtenstein: Germany’s Best Friend In Israel
Dass die weite Verbreitung modernisierter Formen von Antisemitismus in Deutschland von den Israelis zuwenig wahrgenommen wird, liegt mitunter auch an den israelischen Apologeten, die sich auf dem Gebiet der bilateralen Beziehungen tummeln.
So meldete sich kurz nach dem skandalösen Besuch der deutschen Bischöfe im Heiligen Land, bei dem seitens dieser mehrere Äußerungen gefallen waren, die implizite Analogien zwischen Israel und Nazideutschland gezogen hatten, der ehemalige israelische Botschafter Avi Primor im Interview mit Deutschlandradio zu Wort – einem Sender, der es sich zur obsessiven Spezialität gemacht zu haben scheint, besonders israelkritische jüdische Stimmen zu interviewen - um die katholischen Geistlichen in Schutz zu nehmen. „Das hat weder mit Antisemitismus noch mit Demagogie irgendetwas zu tun“, lautete Primors erstes Fazit, womit er sogleich gebührende Distanz zur Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland Charlotte Knobloch als auch zum amtierenden israelischen Botschafter Shimon Stein herstellte, welche die Äußerungen der Bischöfe als „hart an der Grenze zum Antisemitismus“ bzw. „Dämonisierung Israels“ – letzteres übrigens ein in der seriösen Forschung mittlerweile weithin akzeptiertes Kriterium des modernen Antisemitismus – bezeichnet hatten. Sodann erklärte Primor, der mit den Bischöfen in Israel noch „einen sehr guten Abend, einen sehr sachlichen Abend verbracht“ hatte, in Ausgiebigkeit, wieso derartige Nazi-Vergleiche „Fehler“, „Unsinn“ bzw. „nicht zutreffend“ seien. Eigentlich seien „die meisten Bischöfe, wenn nicht alle, wohlwollend“ und „eigentlich nur aufgebracht“ ob des Leidens der Palästinenser. „Wenn sie dann verstehen, dass sie da oder dort übertrieben haben und dies anerkennen, dann glaube ich nicht, dass es noch etwas benötigt.“
Schließlich komme man mit der katholischen Kirche weitestgehend gut zu Recht und brauche dementsprechend auch keinen Streit mit ihr. Letztere Bemerkung erscheint allerdings Ausdruck einer Opportunitätserwägung zu sein: Aus praktischen Gründen solle man die Sache ruhen lassen. Die Beziehungen zur Kirche seien ansonsten schließlich in Ordnung und eine Distanzierung von den kontroversen Äußerungen habe doch stattgefunden. Am besten also Schwamm drüber.
Der NS-Vergleich somit lediglich eine „Übertreibung“? Laut Primor schon. Und „wenn man es einsieht und versteht, dass man übertrieben hat, dann ist ja alles in Ordnung.“ Fast scheint es so, als seien die Rollen zwischen Stein und Primor vertauscht worden: Ersterer lehnt sich trotz der seinem Berufsstand innewohnenden Zwänge in seiner Kritik verhältnismäßig weit aus dem Fenster, da er die psychologische Dimension des Vorfalls erkannt zu haben scheint, während letzterer – eigentlich Freigeist aber offenbar immer noch ganz Diplomat - mit zur Schau gestellter Oberflächlichkeit die Sache unter den Teppich kehren möchte. Selbstverständlich nicht ohne vorherige Erledigung der bei solchen Skandälchen üblichen Formalitäten, als da wären: Distanzierung von den eigenen Aussagen bzw. Verwahrung gegen die diesen von den Kritikern angeblich zu Unrecht unterstellten böswilligen Intention frei nach Heideggers „Nie und in keinem Falle ist das Gesagte auch das Gemeinte“ sowie obligatorisch-ritualhafte Betonung des Existenzrechts Israels.
Nun könnte man die psychologische Seichtheit von Primors Analyse auch getrost ignorieren, würde sie bei „Germany’s best friend in Israel“ nicht auch noch zur Äquidistanz führen. Das Stichwort „Übertreibung“ sofort aufgreifend legte die Moderatorin Elke Durak mit der Frage nach, ob denn „die Übertreibung vielleicht auch in der Reaktion jüdischer Vertreter“ liege, denn „die Vergleiche Antisemitismus, Demagogie oder auch judenfeindlicher Versuch, die Taten der Nazis zu relativieren, das sind schwere Geschütze“. (Man merke: Auch unschuldig-naiv daherkommende Fragen sind manchmal Aussagen!) Primor seinerseits hätte, um seiner bisherigen Logik treu zu bleiben, einfach „ja“ sagen können, doch er legte noch eins drauf: „Ich glaube nicht, dass man jegliche Kritik gegen die israelische Regierung oder gegen gezielte israelische Politik sofort mit Antisemitismus vergleichen sollte. ... [W]enn man sofort jeden, der uns kritisiert, als Antisemit bezeichnet, dann unterstützen wir die Antisemiten.“
Die sich hieraus ergebende Logik lautet wie folgt: Israel mit Nazideutschland zu vergleichen ist kein Antisemitismus sondern lediglich – wenn auch überzogene – Kritik. Sie mit dem Vorwurf des Antisemitismus fälschlicherweise zu belegen fördert letzteren erst. Juden und Israelis – konkret Zentralrat und Botschaft – trügen im vorliegenden Fall also, würde man Primors Logik konsequent fortführen, selber zumindest eine Mitschuld, wenn ihnen der Hass entgegenschlägt. Welcher Deutsche, der eigentlich kein Antisemit sein möchte und zugleich der Meinung ist, man werde Israel doch wohl noch kritisieren dürfen, wird diese Worte nicht wie Balsam auf seiner Seele empfinden, gerade weil es aus berufenem israelischen Mund – noch dazu dem eines ehemaligen Botschafters - kommt? Primor jedenfalls scheint seine Fans in Deutschland zu kennen.
Siehe auch:
Beichtvater Avi
http://www.dradio.de/dlf/sendungen/interview_dlf/601945/
Tünnes und Schäl:
http://www.zdf.de/ZDFmediathek/content/Avi_Primor_und_Norbert_Bluem_im_Interview/728842?inPopup=true
http://www.zdf.de/ZDFmediathek/content/Norbert_Bluem_in_Nahost/728760?inPopup=true
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Kategorie(n): Ausland


