Dr. Alexander Gutzmer 06.11.2010 09:52 +Feedback
Gerechtigkeit für Pressesprecher
Schade eigentlich, dass die Bundesrepublik bei der symbolischen Übernahme weniger harmloser DDR-Regularien den Titel „Held der Arbeit“ überging. Den könnten wir dieser Tage gut gebrauchen. Weil ich nämlich einen Kandidaten hätte: Michael Offer. Offer ist Pressesprecher von Finanzminister Schäuble. Und als solcher seit vorgestern unfreiwillig Held aller, die sich täglich im Auftrag anderer abrackern – und von ihren ungnädigen, übellaunigen Chefs keinen Dank erfahren.
Sollten finanzpolitische Reporter oder Youtube-Junkies unter Ihnen sein, liebe Leser, wissen diese, worauf ich anspiele: Den „Eklat bei PK“ (Spiegel Online), das „Ausraster-Video“ (BILD), in dem Schäuble den armen Offer vor laufenden Kameras anranzt, weil dieser irgendein langweiliges Faktenblatt vor einer Pressekonferenz nicht an Journalisten verteilt hat. Schäuble verlässt beleidigt den Raum. Offer bewahrt die Fassung. Doch die Vermutung drängt sich auf: Der PR-Mann hatte schon Momente, in denen er glücklicher ausschaute. Momente, zu denen eine Untermalung mit, sagen wir, Freddie Mercurys „We are the Champions“ eher gepasst hätte. Fast ist man versucht, den plumpen Kalauer vom “Offer-Lamm” zu bringen.
Ich glaube aber: Die virale Verbreitung des Videos wird Offer imagemäßig ganz weit nach vorn bringen. Die „Menschen da draußen“ werden sich solidarisieren. Haben wir nicht alle schon mal was vergessen? Und wieso brauchen die faulen Journalisten überhaupt die Zahlen schriftlich vor sich? Sollen sie doch auf die Ministeriumswebsite gehen, wie Offer an einer Stelle im Video auch anzudeuten scheint. Außerdem – wird nicht sowieso viel zu viel Papier verballert, gerade im politischen Berlin?
Kurzum: Offer wird eine der Medienikonen dieses Jahres. Womit ihm nichts weniger widerfährt als Gerechtigkeit. Ihm – und seinem gebeutelten Berufsstand. Denn, und da lehne ich mich jetzt mal weit aus dem Fenster: Nicht jeder im Lande steht der Profession des Pressesprechers uneingeschränkt positiv gegenüber. Ärzte etwa sind populärer. Dabei nennt man besonders eifrige Pressesprecher doch auch “Spin Doctors”. Aber all die wackere Therapie der öffentlichen Meinung dankt ihnen keiner: Geliebt werden die sympathischen Pressemeldungsschreiber (und –verteiler) nicht.
Auch weil Leitfiguren fehlen. Oder besser: fehlten. Denn jetzt gibt’s ja: Offer.
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Kategorie(n): Inland


