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  19.12.2010   20:19   +Feedback

Geistige Ruinen

In manchen Mittelmeerländern wird die Landschaft von Hinterlassenschaften gescheiterter Bauherren verschandelt, Beton-Ruinen aus denen rostige Eisenstreben ragen. Niemand erbarmt sich und reißt sie ab. Sie dösen in Hässlichkeit vor sich hin, oft jahrzehntelang.

In Deutschland gibt es solche einstürzenden Neubauten glücklicherweise nicht so häufig. Dafür steht unsere geistige Landschaft voller geistiger Ruinen, die einmal grandios konstruiert wurden, aber dann plötzlich fluchtartig verlassen.

Das Klimathema ist gerade auf dem besten Wege zu so einer Ruine zu werden. Seit Mitte der 80er Jahr wurde an diesem einschüchternden Monument gebaut, eine Mischung aus Kathedrale und Geisterbahn. Noch vor einem Jahr war die alsbald drohende Klimaapokalypse Thema Nummer eins. Unsere Kanzlerin war Klimakanzlerin und Deutschland fühlte sich als die weltweit führende Klimaretternation. Davon ist nicht mehr zu spüren. Die Konferenz in Cancún weckte weder Hoffnungen noch Zorn. Sie ging irgendwie vorüber, ohne dass sich jemand groß dafür interessierte. Es ist erstaunlich wie schnell das „wichtigste Menschheitsthema“ zur Kurzmeldung schrumpft.

Einerseits ist es ja erfreulich, dass der hysterische Dampf aus der Diskussion entwichen ist. In den Jahren 2008 und 2009 glaubte man am Kiosk zuweilen einem Wettbewerb um die grellste Ankündung des Weltuntergangs beizuwohnen. Doch auf die Übertreibungen folgte keine sachliche Debatte, sondern Stille. Das Klima-Theater schien plötzlich alle zu langweilen. Sie verließen es, wie ein griechischer Bauherr sein halbfertiges Haus.

Vielleicht kommt die große Angst vor einem Anstieg der Globaltemperatur ja noch einmal zurück. Zu Zeit sieht es eher nach einer weiteren Ruine aus, neben dem Waldsterben, dem Rinderwahnsinn, Tschernobyl, dem Ende aller Ressourcen und vielen anderen Großthemen. Wegen ihnen wurden Freundschaften aufgekündigt und Familien zerstritten sich. Politiker machten mit ihnen Karriere oder mussten zurücktreten. Wer zum Höhepunkt der jeweiligen Hysterie behauptete, es werde wohl nicht so schlimm kommen, galt als Naivling oder als bezahlter Agent finsterer Mächte. Keines der großen Angst-Themen wurde je aufgeklärt und abgeschlossen. Die Deutschen verloren einfach das Interesse daran. Es blieben hässliche Ruinen.

Erschienen in DIE WELT am 17.12.2010

(Maxeiner und Miersch)


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Kategorie(n): Inland  Klima-Debatte  Kultur 

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