25.06.2010   00:03   Leserkommentare (0)*

Gazas neue Millionäre

Pierre Heumann

Bevor ich nach Gaza fuhr, bot ich meinen palästinensischen Gesprächspartnern an, ihnen etwas mitzubringen. Das Angebot entsprang einer echten Hilfsbereitschaft, das durch die zahlreichen Berichte über die humanitäre Krise im Gazastreifen motiviert war. Zu meinem Erstaunen erhielt ich, in Variationen, stets dieselbe Antwort. «Nein danke, wir können bei uns alles kaufen, was wir benötigen», sagte ein Politologe, der an einer der grossen Hochschulen in Gaza doziert. Von einer Notlage könne keine Rede sein, bestätigte kurz darauf ein palästinensischer Ökonom: «Nahrungsmittel sind nicht knapp.» Und der Vater von acht Kindern, der mich im Gazastreifen als Übersetzer begleiten würde, hatte nur einen bescheidenen Wunsch: «Wir würden uns natürlich über Schokolade aus der Schweiz freuen.»

17. Juni: Ein Rundgang durch den zentralen Markt von Gaza zeigt: Wer Geld hat, kann Gemüse oder Früchte, Fleisch oder Milchprodukte, Getränke oder Snacks kaufen – alles ist reichlich und in guter Qualität vorhanden. Ein Teil der Waren ist sogar billiger geworden. Poulet zum Beispiel kostet pro Kilo 9 Schekel, früher musste man dafür 15 Schekel bezahlen.
Die israelische Regierung lässt zwar nur die lebensnotwendigen Güter in den Gazastreifen. Doch über ein dichtes Netz von rund tausend Tunnels, die den Gazastreifen mit dem ägyptischen Sinai verbinden, wird alles eingeführt Laptops, Kühlschränke, Zementsäcke, Eisenstangen — bis zum neuesten Mercedes. «Unsere ‹Tunnelindustrie› arbeitet 24 Stunden, Tag und Nacht», sagt der Politologe Mkhaimar Abusada von der Al-Azhar-Universität in Gaza.

«Es gibt keine Hungersnot in Gaza»

Humanitäre Krise? Der Begriff, der oft im Zusammenhang mit Gaza gebraucht wird, ist irreführend. Von «Aushungern» könne keine Rede sein, heisst es bei Oxfam, der internationalen Hilfs- und Entwicklungsorganisation, die in Gaza mit einem Büro vertreten ist. Derzeit findet dort eine interne Debatte statt, wie man die Situation in Gaza korrekt bezeichnen solle, um sie von den Miseren in Somalia oder Haiti abzugrenzen. Es gibt in Gaza zwar viele Alarmzeichen: Achtzig Prozent der Bewohner des Gazastreifens haben keinen garantierten Zugang zu nahrhaften Lebensmitteln und sind auf Hilfe angewiesen. In den vergangenen Jahren ist Gaza verarmt und hat sich schnell rückwärts entwickelt. Das Pro-Kopf-Einkommen, das vor zehn Jahren noch 2500 Dollar betrug, ist auf 600 Dollar gefallen. «Heute geht es uns besser als morgen», sagt ein Palästinenser.
Aber: «Es gibt keine Hungersnot in Gaza», sagt Oxfam-Sprecherin Catherine Weibel. Die Versorgung ist sogar so gut, dass ein Teil der Tunnels die Aktivitäten eingestellt habe: «Die Märkte können keine zusätzlichen Waren absorbieren», sagt ein Ökonom.

Dicht an der Grenze zu Ägypten, in der Stadt Rafah, besuchen wir den 33-jährigen Abu Hassan, den Besitzer von zwei Stollen. Bis vor zwei Jahren war er Taxifahrer. Dann tat er sich mit drei Partnern zusammen, verkaufte den Goldschmuck seiner Frau und investierte, gemeinsam mit den Teilhabern, 250 000 Dollar in einen 700 Meter langen Schacht, der Gaza mit Ägypten verbindet. «In den besten Zeiten habe ich bis zu 10 000 Dollar pro Monat verdient», sagt Abu Hassan. Den Profit habe er gut angelegt: Er kaufte sich zwei Taxis und heuerte Fahrer an. Das Geschäft lief so gut, dass er nochmals 200 000 Dollar in einen zweiten Tunnel investierte, der ein Kilometer lang wurde. Schliesslich stieg er auch im Immobilienhandel ein, weil er überzeugt war: Die Landpreise, die sich in Rafah seit 2007 bereits verdoppelt und verdreifacht hatten, würden weiter steigen, da das ehemalige Schmugglerdorf nun ein wichtiges Kommerzzentrum für die 1,6 Millionen Einwohner des Gazastreifens sei.
Abu Hassan führt uns im schmuddeligen Treppenhaus aufs Dach seines Hauses, um uns von dort aus die Schmuggleraktivitäten zu zeigen. Dicht gedrängt stehen Zelte, nur ein paar Dutzend Meter von der Mauer entfernt, die den Gazastreifen von Ägypten trennt. Unter jeder Blache versteckt sich ein Tunneleingang. Stolz zeigt Abu Hassan auf seine beiden Stollen. Wir können sie an einer soeben angekommenen Ladung von Keramikplatten erkennen, die neben den Zelten gestapelt sind. Je nach Marktlage holt er auch Zement, Holz, Eisenstangen oder Tiere in den Gazastreifen. Seit die jüngsten Hilfsflotten nach Gaza unterwegs sind und die Israelis dem internationalen Druck nachgeben, die Blockade zu lockern, laufe das Geschäft allerdings nicht mehr so gut. Alle würden jetzt auf die Öffnung der israelischen Grenze spekulieren. Abu Hassan sagt das mit einer unüberhörbaren Angst. «Wer wie ich vom Tunnel lebt, kann dem Ende der Blockade nichts Positives abgewinnen.» Auch die Jobs der fünfzig Taglöhner, die in seinen beiden Schächten beschäftigt sind, wären dann nicht mehr garantiert.
Die unterirdische Schattenwirtschaft ist in Rafah nicht neu. Bereits in den achtziger und neunziger Jahren hat die radikal-islamische Hamas, als Gaza von Israel besetzt war, Waffen und Munition geschmuggelt. Das tut sie wohl immer noch. Aber der grösste Teil des inzwischen ausgebauten Tunnelnetzes dient nun zivilen Importen. Die Hamas hat die Einfuhr als Einkommensquelle entdeckt. Zigaretten und Benzin müssen verzollt werden. Die Tunnelpolizei der Hamas sorgt dafür, dass die Inhaber der Schächte ihren Verpflichtungen nachkommen. Sie müssen dem Regime eine einmalige Gebühr von umgerechnet rund 3000 Franken bezahlen. Kommt ein Arbeiter im Tunnel zu Tode, stellt die Polizei sicher, dass die Angehörigen eine Entschädigung erhalten. Erhält ein Importeur weniger Waren, als er bestellt und bezahlt hat, schaltet sich ebenfalls die Tunnelpolizei ein. Regelmässige Stichproben gewährleisten, dass weder Alkohol noch Drogen importiert werden.

Bereits bei der Einreise in den Gazastreifen zeigt sich, wie streng die Sitten sind. Wer mit Wein, Bier oder Spirituosen erwischt wird, muss mitansehen, wie bärtige Polizisten die Getränke ausgiessen. Mit dem ostentativen Wegschütten reagiert die Hamas auf das Gerücht, die Polizisten würden die verbotenen Getränke konfiszieren, um sie selber zu trinken oder zu Wucherpreisen zu verhökern.

Das Image der Radikal-Islamisten, die einst stolz waren auf ihren Ruf als Unbestechliche, hat in Gaza arg gelitten. Und zwar so stark, dass die Hilfsflottille, die Ende Mai in Richtung Gaza unterwegs war, nur bei Hamas-Anhängern Jubel auslöste. Alle anderen Palästinenser waren skeptisch, ob sie je etwas von den Gütern sehen würden, sollten sie je in Gaza ankommen. Bereits im Januar, als der britische Parlamentarier George Galloway mit einer Schiffsladung voller Hilfsgüter an Land ging, war die Ware, sobald die Kameras nicht mehr liefen, verschwunden. «Die Hamas kümmert sich nicht mehr um das Wohl der Bürger», sagt der palästinensische Journalist Talal Okal, der früher das Informationsministerium geleitet hat. Hilfe bekomme nur, wer einen streng religiösen Lebenswandel führe.
Bevor die Hamas nach einem blutigen Putsch im Sommer 2007 die Macht an sich riss und die Autonomiebehörde von Machmud Abbas in die Westbank vertrieb, profilierte sie sich mit Sozialhilfe für die Frommen, aber auch mit Aktionen ihres Terrorflügels, den Al-Kassem-Brigaden. Diese führten Selbstmordaktionen in Israel durch. Als die Hamas die Herrschaft in Gaza übernahm, war sie von Anfang an nicht an freundschaftlichen Beziehungen mit Israel interessiert. Ihre Brigaden nahmen von dichtbesiedelten Gebieten die israelischen Nachbarn unter Beschuss, wohl wissend, dass Israel auf die Aggressionen heftig – manche würden sagen: zu heftig – reagieren würde. Israel verhängte eine Wirtschaftsblockade. Nur eine beschränkte Zahl von humanitären Gütern wird seither nach Gaza durchgelassen. Damit verfolgte Israel, das sich im Jahre 2005 aus dem Gazastreifen zurückgezogen hatte, zwei Ziele. Erstens sollte eine Aufrüstung der Hamas verhindert werden. Zweitens hoffte die Regierung in Jerusalem auf eine Revolte der palästinensischen Bevölkerung gegen die Hamas, mithin auf einen Regimewechsel.

Gutes Geschäft mit Immobilien

Die Blockade hat die Macht der Hamas nicht gebrochen. Im Gegenteil: Dank des Wirtschaftsboykotts ist es ihr gelungen, ihre Machtbasis in Gaza auszubauen. Eine islamisch orientierte Oligarchie sei entstanden, sagt der Politologe Mkhaimar Abusada, ein engmaschiges Beziehungsnetz zwischen den Hardlinern in der Hamas und den Geschäftsleuten, die vom Tunnelgeschäft profitieren. Sie favorisieren die Hamas nicht, weil sie religiös sind, sondern weil sie vom Status quo profitieren. «Wenn wir Raketen abfeuern müssen, um die Grenzen geschlossen zu halten, dann schiessen wir halt», sagt ein Tunnelbauer.›››
Die neuen Millionäre von Gaza kamen «aus dem Dunkeln», wurden plötzlich reich. Einer ihrer auffälligsten Vertreter ist Abdel Aziz Khaldi, dessen Büro an der Omar-Mukhtar-Strasse ist, der breitangelegten Hauptverkehrsader von Gaza-Stadt. In seinem Vorzimmer, ausstaffiert mit Marmor und Edelholz, warten Antragsteller darauf, vorgelassen zu werden – im Orient ein untrügliches Zeichen der Macht. «Man sagt, Sie seien Financier der Hamas.» Khaldi, von dem es heisst, er sei der mächtigste Immobilienmagnat von Gaza, der im Auftrag der Hamas Landparzellen aufkaufe, verneint indigniert. Für die zwanzig Prozent der Reichsten, sagt er ausweichend, gebe es grossartige Möglichkeiten. Immobilien seien gefragt, niemand habe Vertrauen in die Banken. Auch die Hamas ziehe Immobilien vor.


Uno-Bürokratie als Hindernis

Die ökonomischen Machtstrukturen haben sich zugunsten der Hamas verschoben. Die Klasse der säkularen Geschäftsleute und Unternehmer, die einst mit der Fatah sympathisiert, mit Israel Handel getrieben und den Friedensprozess favorisiert hatte, ist bankrott. 4000 Betriebe sind pleitegegangen, vor allem im Bausektor, in der Landwirtschaft und in der Textilbranche. Die alte Garde der Unternehmer ist durch eine neue Elite abgelöst worden, die mit der Hamas gemeinsame Sache macht.
Ende Dezember 2008 lancierte Israel einen 22-tägigen Krieg gegen Gaza, bei dem es sich wie ein zorniger Bulle gebärdete. Die Zeichen des Waffenganges sind deutlich sichtbar. Mehr als 40 000 Bauruinen müssen dringend wiederhergestellt werden. Das Geld wäre zwar vorhanden, gespendet von westlichen und arabischen Geberländern. «Aber Israel erlaubt keine Zementlieferungen», begründet die UNRWA den prekären Baustopp.

Dabei mangelt es nicht an Baumaterialien, die in rauen Mengen durch die Tunnel geschleust werden. Trotzdem kommt der Bau neuer Wohnungen oder die Renovation von Häusern und Schulen kaum voran. Denn die Uno-Flüchtlingshilfe UNRWA weigert sich, geschmuggelte Zementsäcke für den Wiederaufbau einzusetzen. Unter anderem deshalb, weil es keine Quittungen gebe. Zudem setzt die UNRWA falsche Anreize und blockiert die Eigeninitiative. Wer mit ägyptischem Zement baue oder repariere, verliere den Anspruch auf spätere Unterstützungszahlungen durch die UNRWA, erklärt mir Christer Nordahl, der in Gaza für das Wohlfahrtsprogramm der UNRWA verantwortlich ist. Deshalb harren auch bessergestellte Palästinenser in ihren schütteren Wohnungen aus und warten, bis Zement verfügbar sein wird, der legal über die Grenze gelangt ist. Obwohl sie ihr Leben heute schon verbessern könnten.

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 25/10

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Kategorie(n): Wirtschaft 

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