10.08.2009 09:37 +Feedback
Freya Klier: Das Beste an der DDR war ihr Ende
Gestern abend um 19 Uhr lief auf RBB (Radio Berlin-Brandenburg) ein Beitrag von Freya Klier zum Thema 20 Jahre Mauerfall, den schwarz auf weiß sich zu lesen lohnt. Freya Klier, 1950 in Dresden geboren, bekam die DDR-Diktatur bereits als Kind aus nächster Nähe und am eigenen Leib zu spüren, als sie 1953 nach der Verhaftung des Vaters in ein Kinderheim gesteckt wurde. Als achtzehnjährige Abiturientin wurde sie nach einem mißglückten Republikfluchtversuch zu 16 Monaten Haft verurteilt, arbeitete nach vorzeitiger Entlassung in mehreren Jobs, bevor sie Schauspielerin und schließlich Theaterregisseurin wurde. 1980 gehörte sie zu den Mitgründern der ostdeutschen kirchlichen Friedensbewegung. 1984 erhielt sie den DDR-Regiepreis für die Uraufführung von Ulrich Plenzdorfs “Legende vom Glück ohne Ende”—und ein Jahr später Berufsverbot. Nach Drangsalierungen durch die Stasi wurde sie 1988 verhaftet und zwangsweise ausgebürgert. Seither lebt sie als Filmemacherin und Autorin in Berlin. Ihre zahlreichen Bücher und Filme behandeln vorrangig Themen des Nationalsozialismus, der DDR-Diktatur sowie deren Nachwirkungen.
Freya Klier: Das Beste an der DDR war ihr Ende
1. Schlangen vor Wahlkabinen
Im Herbst 1989 brachten mutige Bürger das DDR- Regime zu Fall, friedlich und ohne irgendein Vorbild in der deutschen Geschichte. Wer erinnert sich nicht der atemberaubenden, nun schon zwei Jahrzehnte zurück liegenden Wochen und Monate? Friedliche Revolution - das rief weltweit Bewunderung hervor. Für manche war die Revolution mehr der logische Ausklang einer abgewirtschafteten Diktatur.
Diktatur - war es das überhaupt? Diese Frage schiebt in penetranter Regelmäßigkeit eine Genossen-Schar in den öffentlichen Raum, die in den Geschehnissen des Herbstes 1989 nie etwas anderes sah als die Verkörperung der Konterrevolution. Nicht zufällig waren die meisten von ihnen zu DDR-Zeiten besonders stark an der Unterdrückung ihrer Mitmenschen beteiligt, das schweißt zusammen. Quer durch den Osten sind sie in Zirkeln vernetzt, in der Linkspartei favorisieren sie die Kommunistische Plattform. In ihren Publikationen, in denen bis zu seinem Tod auch Karl-Eduard v. Schnitzler als Autor mit von der Partie war, diffamieren sie die Demokratie und verherrlichen nach Kräften die untergegangene DDR. Wie viele rosa Brillen übereinander bräuchte man, um die Vergangenheit so wahrzunehmen, wie sie in ihren Tribünen für Kommunisten und Sozialisten gemalt wird?
Das Jahr 1989 muss für die Ewiggestrigen ein nicht endender Alptraum gewesen sein. Allein, dass die Wahlfälschung im Mai – über vierzig Jahre wie selbstverständlich praktiziert – plötzlich nicht mehr hingenommen wurde, muss ihnen in die Glieder gefahren sein wie heute den Mullahs der demokratische Aufbruch im Iran. Hatten sie 1989 überhaupt noch Spielraum? Sie waren ja bar der Erfahrung, wie es sich anfühlt, wenn liebgewonnene Macht aus den Händen gleitet. 1950, als die Ulbricht-Führung erstmals Wahlen für Volkskammer und Landtag per Einheitsliste durchpeitschte, war ihre Welt noch in Ordnung. Für die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung dagegen nicht, hier herrschte anhaltendes Entsetzen. „Herr, schenke uns ein Fünftes Reich, das Vierte ist dem Dritten gleich!“ stöhnten viele anlässlich der Brutalität, die nach dem Nationalsozialismus nun mit dem Sozialismus über sie kam.
Bei der ersten offensichtlichen Wahlfälschung im Jahr 1950 hagelte es Protest, gab es Aufruhr. So auch im sächsischen Werdau, wo neunzehn Schüler gegen die verlogenen Losungen und Aufmärsche Stinkbomben in FDJ-Versammlungen warfen und Flugblätter verfertigten, die sie auf sämtliche Briefkästen ihrer Kleinstadt im Raum Zwickau verteilten. Es waren Aufrufe in einer klaren Sprache. Und sie waren von der naiven Hoffnung getragen, die von Moskau eingesetzten Funktionäre auf demokratische Weise in den Rückwärtsgang zwingen zu können: „Stimmt mit Nein gegen Stalins ergebene Diener!“ stand auf einem Flugblatt, „Stimmt gegen die SED-Bonzen und für Freiheit von Furcht und Not!“ auf einem anderen und „Lehnt euch auf gegen die sowjetische Diktatur!“ auf einem dritten.
Ihre Hoffnung auf eine Wende zur Demokratie war vergebens, die DDR befand sich bereits im eisernen Griff Moskaus. Und so reagierten die Funktionäre 1950 mit einer Verhaftungswelle. Sie traf all jene, die gegen die Wahlfälschung protestiert hatten, darunter auch die neunzehn Schüler aus Werdau: Zur Abschreckung wurden ihnen insgesamt 130 Jahre Zuchthaus aufgebrummt. Mit einem Unrechtsverfahren im Freisler-Ton verpfuschte man jungen Leuten das restliche Leben.
War die DDR etwa kein Unrechtsstaat? Ab 1952 durfte – um die Gleichschaltung auch juristisch abzusichern - an ihren Universitäten nur noch Jura studieren, wer aus einem politisch zuverlässigen Elternhaus kam. Gerichtsprozesse mit politischen Delikten verkörperten die Jahrzehnte danach das blanke Unrecht.
Die gefälschte Wahl endet 1950 mit offiziell 99 % JA-Stimmen zum sozialistischen Kurs. Und das bleibt auch vier Jahrzehnte lang so - bis eben zu jenen Kommunalwahlen im Mai 1989, als es vielen DDR-Bürgern endlich reicht. Schlangen bilden sich plötzlich vor Wahlkabinen, in die sich bisher kaum einer hinein getraut hatte. Etliche rufen im zuständigen Wahlbüro an, um mitzuteilen, sie kämen nicht – ein bisher undenkbarer Vorgang. Und die Auszählung der Wahlzettel? Die überwachen diesmal landesweit Oppositionelle, der Wahlbetrug wird endlich bewiesen.
Für die DDR-Führung und ihren Machtapparat ist die Konterrevolution im Mai 1989 bereits bedrohlich fortgeschritten. Sind die Internierungslager bereit? Wie lange sollen sie diesem Treiben – das selbstverständlich von „feindlich-negativen Elementen im Auftrag des US-Imperialismus“ angezettelt wurde - noch zuschauen? Im Sommer 1989 spitzt sich mit den Ereignissen in Polen, der Fluchtwelle über Ungarn und den Botschaftsbesetzungen die politische Krise der DDR derart zu, dass sich spontan oppositionelle Gruppen bilden. Sie nennen sich Neues Forum, Initiative für eine Sozialdemokratische Partei, Demokratischer Aufbruch, Demokratie Jetzt… und sie kommen aus einer Bürgerrechtsbewegung, die schon seit Jahren um Demokratie im Land ringt, zumeist unter dem Dach der Kirche.
Und während nun im September 89 täglich Menschen in einer Dorf- bis Kleinstadtstärke über die ungarische Grenze fliehen, drücken aus Moskau auch noch die Genossen um Gorbatschow. Die DDR- Regierung ist hochgradig nervös, und mit ihnen der überwiegende Teil ihres Unterdrückungsapparates. Sie begrüßten im Juni 1989 mit Egon Krenz das Tian`anmen- Massaker der chinesischen Regierung. Und sie wünschen sich in diesem Frühherbst 89, gegen die aufmüpfigen DDR-Bürger würde ähnlich hart durchgegriffen, falls die ihre Provokationen nicht beendeten. Das Neue Forum gilt ihnen bereits als „staatsfeindliche Plattform“.
2. In den Städten brennt die Luft
Die Ereignisse in Peking, die mehrere tausend Menschen das Leben kosteten, haben einen Schock in der DDR-Bevölkerung ausgelöst. Wird es ähnliche Brutalitäten auch in Berlin, Dresden oder Leipzig geben? Im September 1989 nehmen in Leipzig die Verhaftungen zu, auch in Berlin und Potsdam. Fastenaktionen und Mahnwachen für inhaftierte Bürgerrechtler sind die Antwort darauf - SED und Staatssicherheit wiederum verstärkten noch einmal ihr Drohpotential. Das halbe Land blickt nun schon montags nach Leipzig: Dort drängen sich am 25. September mehr als zweitausend Menschen in die Nikolaikirche, die wegen Überfüllung geschlossen werden muss. „We shall overcome“ schallt es beim Hinausgehen… In den folgenden Tagen finden die ersten größeren Solidaritätsandachten in Magdeburg, Erfurt und Weimar statt, auch in kleineren Ortschaften nehmen demokratische Aktionen zu. Die friedliche Revolution hat begonnen…
Für die sozialistischen Machthaber aber kulminiert die Konterrevolution. Anfang Oktober brennt in der DDR die Luft. Dresden steht vor einer scharfen Eskalation. Das Politbüro lässt die Grenzen zur CSSR schließen. Am 4.Oktober veröffentlicht die Opposition in Berlin den Aufruf: „Gewalt ist kein Mittel der Auseinandersetzung! Lasst Euch nicht provozieren!“ Am 7./8. Oktober 1989 zeigt die SED bei einem massiven Polizeieinsatz gegen Demonstranten in Berlin, dass sie gewillt ist, den Ruf nach Reformen notfalls auch blutig niederzuschlagen - in Dresden wird wüst geprügelt und verhaftet, auch in anderen Städten der DDR kommt es zu gewalttätigen Übergriffen.
Und nun bricht der 9.Oktober 89 an! Vor allem in Leipzig spitzt sich die Lage vor der allwöchentlichen Montagsdemonstration gefährlich zu: Die SED lässt in den Außenbezirken umfangreich Polizei, Armee, Staatssicherheit und Kampfgruppen zusammenziehen. Die Leipziger Bürger werden aufgefordert, die Innenstadt zu meiden. Rasch spricht sich herum, dass medizinisches Personal für die Spät- und Nachtschicht zwangsverpflichtet wurde, ganze Krankenhausstationen geräumt sind und zusätzliche Blutkonserven bereit stehen… Für den Abend wird Schlimmstes befürchtet - die Entschlossenheit der SED, zuzuschlagen, ist offensichtlich. Bei der Opposition in Berlin laufen aus dem ganzen Land Meldungen über eine bevorstehende militärische Auseinandersetzung ein… Erinnerungen an Peking im Juni werden wach.
Die Friedensgebete an diesem 9. Oktober finden in vier Leipziger Kirchen statt. Thema ist einmal mehr die Durchsetzung demokratischer Grundrechte wie Presse-und Meinungsfreiheit, die Überwindung des lastenden Schweigens und der Stagnation im Land. Vielen geht es um einen gesellschaftspolitischen Kurswechsel analog zu Glasnost und Perestroika in der Sowjetunion. Die Kirchen platzen aus den Nähten, und draußen formieren sich mutig die ersten Demonstranten. Gefordert wird ein gewaltloser Dialog.
Am Abend dieses 9. Oktober 1989 erlebt die Messestadt die größte Protestdemonstration der DDR seit dem 17.Juni 1953. Etwa 70 000 Menschen aus Leipzig und vielen anderen Städten marschieren von der Nikolai-Kirche aus über den Innenstadtring. Die Demonstranten rechnen damit, dass geschossen werden könnte – doch erstmals seit vielen Jahren ist ihr Veränderungswille größer als ihre Angst. Wir sind das Volk! rufen sie und Keine Gewalt!
Keine Gewalt? Erich Mielke organisiert bereits die konsequente Zerschlagung der politischen Opposition: Alle Bezirksverwaltungen und Kreisdienststellen des Ministeriums für Staatssicherheit sind angehalten, sich aufs engste mit den Vorsitzenden der SED-Bezirks- und Kreisleitungen zu vernetzen, mit den Chefs der Polizei auf Bezirks-und Kreisebene, den in den Räten der Bezirke und Kreise verantwortlichen Kader für Inneres. Die Basis-Spitzel werden eingetaktet. Viele Kräfte in Partei und Staatssicherheit, im Polizei-und Justizapparat gibt es, die jetzt gewaltig gern zuschlagen würden.
Wieso der Befehl dazu am Ende ausbleibt? Die DDR-Führung fühlt sich in diesem Herbst 1989 vonseiten der Sowjetunion nicht mehr zuverlässig geschützt: „Den Ausschlag“, konstatieren ehemalige Funktionäre im Jahr 2007 in einer ihrer Insider-Publikationen, „gab der Wegfall des äußeren Schutzschildes durch die von der verräterischen Gorbatschow-Clique und dem verbrecherischen Jelzin-Clan vollzogene konterrevolutionäre Liquidierung der UdSSR, die auch das Aus der Staaten des Warschauer Vertrages bedeutete. 1989/90 und danach kulminierte die schleichende Gegenrevolution in der offenen Attacke zur Niederwerfung des Sozialismus, wobei die voranschreitende Erosion der DDR-Gesellschaft zum raschen Erfolg der Angreifer beitrug...“
Es ist eine Sprache und Denkungsart, wie wir sie glücklicherweise schon zwei Jahrzehnte lang hinter uns haben. Doch donnern aus den Reihen dieser sozialistischen PIUS-Brüder noch immer besonders häufig Kanonenkugeln mit der Botschaft heran, die DDR sein kein Unrechtsstaat gewesen. Mit dieser Lebenslüge hangeln sie sich durch ihr üppig finanziertes Rentner-Dasein. Getoppt wird sie von der zweiten Lüge, bei der DDR habe es sich um eine antifaschistisch-demokratische Ordnung gehandelt. Lebenslügen und ideologischer Beton mögen Halt geben, zumal in einem Kollektiv von Gleichgesinnten und ähnlich Schuldigen – man läuft nicht Gefahr, in Scham zu versinken über das, was man seinen Mitmenschen vier Jahrzehnte lang angetan hat.
Doch wir sollten die Hoffnung nicht aufgeben, der eine oder andere Genosse könnte am Lebensende vielleicht doch noch zur Wahrheit finden: Der Vater eines Freundes war einst U-Boot-Kommandant in der NS-Marine. Ein hoch geschätzter Seemann, auch nach dem Ende des 3.Reiches. Bis ins hohe Alter hinein traf sich seine U-Boot- Besatzung, um sich der tollen Manöver zu erinnern, die man damals absolviert hatte. Welch mörderischem Regime ihr Können diente – kein Wort davon. Die Lebenslügen, mit denen sie auf ihr Lebensende zu ruderten, blühten einmal im Jahr besonders auf. Doch eines Tages sagte der Vater meines Freundes: „Jetzt ist Schluss – ich fahr dort nicht mehr hin! Wir lügen uns doch alle in die Taschen!“ Da war der alte Herr immerhin schon 78 Jahre alt.
Nun, vielleicht ereilt das Schamgefühl mit reichlich Verspätung ja auch den einen oder anderen Ex-Redakteur des Neuen Deutschland, DDR-Staatsanwalt oder Staatssicherheitsoffizier, den einen oder anderen Grenzer oder Polizisten… Oder hoffen wir vergebens? Auf ihre Parole, die DDR sei kein Unrechtsstaat gewesen, fallen leider immer wieder mehr oder minder prominente Zeitgenossen herein; mühselig versuchen sie dann zu begründen, wieso die DDR doch ein Unrechtsstaat war.
Schade um die kostbare Lebenszeit. Denn diese Frage wurde bereits 1995 beantwortet, in gesellschaftlicher Breite! Der damalige Auslöser: Nur drei Jahre nach Öffnung der Gauck-Behörde forderten die sich 1995 noch PDS nennenden Sozialisten in massiver Breite deren Schließung – es sei eine Diskriminierung der Ostdeutschen, sie unter Generalverdacht zu stellen. Gespeist wurde der Vorstoß von der Sorge vieler, selbst als Stasi-Spitzel enttarnt zu werden. Durch einen gesamtdeutschen Schulterschluss von Demokraten quer durch alle politischen Lager konnte das vorzeitige Ende der Aktenbehörde abgewendet werden. Doch im Zuge der Auseinandersetzung haben damals zahlreiche mit dem Thema befasste Historiker, Politiker und Publizisten die DDR gut begründet als das eingeordnet, was sie war – eine menschenverachtende Diktatur, ein Unrechtsstaat.
3. Die Mauer fällt
Kehren wir noch einmal zu den mutigen DDR-Bürgern zurück, die zwischen Ostsee und Thüringer Wald auf die Straße gingen - Bürgerrechtler und aufmüpfiges Volk gab es im Herbst 1989 in fast allen größeren Ortschaften der DDR. Ich selbst war rausgeflogen und durfte das Land nicht mehr betreten. Doch schaute ich nun fasziniert zu, wie der Koloss wankte: Honecker trat zurück, und Anfang November beichtete sein Nachfolger Egon Krenz den Moskowitern die Wirtschaftslage der DDR und deren tatsächlichen Schuldenberg. Markus Wolf, KGB-Meisterschüler, versuchte der DDR-müden Bevölkerung auf der Berliner Großdemo am 4.November 1989 den Reformkommunismus schmackhaft zu machen – doch was schallte ihm entgegen? „Stasi in die Produktion!“ Es war unbeschreiblich. Und dann folgte jene Nacht, in der ein zermürbter Grenzoffizier die Weisung gab „Wir fluten jetzt!“… Eine Nacht, von der noch heute jeder sagen kann, was er oder sie gerade gemacht haben, als die Mauer „fiel“.
Schon am nächsten Tag stauten sich Auto-und Menschenschlangen an den Grenzübergängen – ich fand mich plötzlich unter Ostlern wieder, denn ich wohnte zwischen Heinrich-Heine-Straße und Checkpoint Charlie, im sogenannten Zonenrandgebiet von West-Berlin. Am 10. November 1989 schrieb ich in mein Tagebuch: „ Die Hektik der historischen Stunde – stammelnde Politiker, Verkehrschaos, Sondersitzungen.... Mitschüler meiner Tochter aus Ost-Berlin stehen plötzlich vor der Tür, mussten nicht mal ihren Ausweis zeigen, sind einfach durch. Die Wiedervereinigung findet im Kinderzimmer statt. Anrufe aus aller Welt. Meine Freunde in Kanada weinen, sie sehen in ihrem TV, wie Leute auf der Berliner Mauer tanzen...“
Doch bald schon trübte sich meine Stimmung. Ich sah, wie rasch die Genossen wieder Tritt fassten: Die obersten Funktionäre wurden öffentlichkeitswirksam abgesetzt, der Rest formierte sich neu. Die Staatssicherheit benannte sich nach außen um und festigte nach innen ihr mafiotisches Netzwerk. Und während sich Runde Tische bildeten, verschwand wie von Geisterhand gesteuert Volksvermögen im Ausland, wurden Immobilien auf zuverlässige Parteigänger übertragen. Um den Jahreswechsel 1989/90 eilte das Gerücht durchs Land, in der Staatsbank der DDR liefen die Maschinen heiß, ein Insider-Kartell bediene sich dort.
Griff denn hier niemand ein? Nachdem im Frühjahr 1990 ein großer Teil des Volkseigentums in den eilig gegründeten GmbHs der Genossen verschwunden war, ahnte ich, was im vereinten Deutschland auf uns zukommt. Und schon entdeckte ich an einigen Grenzhäuschen die ersten großen Tafeln, auf denen stand „Im Mai richtig wählen: SED-PDS!“
4. Das Beste an der DDR war ihr Ende...
...und daran haben mehrere Generationen von Menschen mitgewirkt, ohne deren persönlichen Mut wir heute vielleicht keine Demokratie hätten. Sie haben uns, die wir zeitlich nahe am Mauerfall agieren durften, mit ihrer Glaubwürdigkeit den Rücken gestärkt. Ich meine, ihr historischer Beitrag wird zu wenig gewürdigt.
Und heute? Lange lag etwas Verdruckstes über den Zonis. Das zeigte sich in diesem geningelten „Ja, aber...“, wenn Gäste ihre wunderbar herausgeputzten Städte lobten. Das penetrante Osten = gut, Westen = schlecht nervte und zeugte von Minderwertigkeits-komplexen. Wem konnte man es eigentlich Recht machen?
Allmählich ist die Stimmung freundlicher geworden, aufgeschlossener. Ich beobachte den Stimmungsaufheller seit Jahren in meiner Heimatstadt Dresden: Im Frühjahr beginnt dort die Zeit der Grillparties, und die dauert bis weit in den Herbst hinein. Vom Balkon meiner elterlichen Wohnung aus schweift mein Blick über ein Karree, in dem zwölf Häuser sich um gemütliche Rasenflächen gruppieren. Und auf diesen vergeht heuer im Sommerhalbjahr kaum ein Wochenende, an dem nicht eine Hausgemeinschaft oder eine kleinere Gruppe fröhlich feiert. Es wird gegrillt und gelabert, die Stimmung ist rücksichtsvoll ausgelassen. Und wer gerade nicht mit von der Partie ist, grüßt freundlich vom Balkon.
Diese gelöste Wochenendgestaltung sagt weit mehr aus über die Stimmung in der Ex-DDR als irgendwelche Umfragen, von denen man nie so genau weiß, wie sie eigentlich zustande kommen. Denn die Hausgemeinschaften unseres Dresdner Karrees bündeln ja Jung und Alt, Mittelstand und Hartz IV-Empfänger, Mann und Frau, Kind und Oma. Und warum sollten so viele Menschen ausgelassen ihre Freizeit miteinander verbringen, wenn es ihnen doch angeblich so schlecht geht wie mit Nachdruck behauptet?
Man stelle sich eine solche Grillparty zu DDR-Zeiten vor – wir dächten ja, wir säßen im falschen Film! Gelöste Gesichter? Fehlanzeige. Und ich kann mich nicht entsinnen, über Jahrzehnte auch nur ein einziges Hoffest in unserem Karree erlebt zu haben. Ja, wie denn auch! Kaum begonnen, hätte der abschnittsbevollmächtigte Ordnungshüter die polizeiliche Genehmigung für diese Ausgelassenheit verlangt...die es natürlich nicht gab für spontane Feste außerhalb der eigenen vier Wände. Die Party würde aufgelöst… der oder die Rädelsführer würden notiert und anschließend abgestraft.
Außerdem: Wer hat denn damals seiner ganzen Hausgemeinschaft getraut? Die Lockerheit blieb während einer harten Arbeitswoche auf der Strecke, weil man nach Feierabend Stunden damit zubrachte, am Fleischer oder Bäckerladen Schlange zu stehen, frustriert in einem überfüllten Wartezimmer der Poliklinik zu sitzen oder einem Auto-Ersatzteil hinterher zu jagen, so man denn ein Auto besaß.
Natürlich bleibt noch viel zu tun. Wir schauen auf zwanzig bewegte, doch vergleichsweise ruhige Jahre zurück. Unsere Gesellschaft hat sich in Sätzen wie „ Ich habe niemandem geschadet“ oder „Es war doch nicht alles schlecht“ eingerichtet. Die Genossen sitzen im Bundestag und in den Landtagen, sie trumpfen als Rechtsanwälte auf oder ziehen als Immobilienmakler im Hintergrund die Strippen. Skrupellos verklagen sie ihre Opfer und pressen die Demokratie aus wie eine Zitrone. Ihre Provokationen stopfen sie in jede sich bietende Frühlings-, Sommer-, Herbst- und Winterlücke.
Und noch immer wählt mancher aus Angst vor dem Morgen das Gestern. Nach einer Umfrage lehnen nur knapp 40% Prozent der befragten Ostdeutschen die Aussage ab, eine Diktatur sei unter Umständen die bessere Staatsform. Das mag in Erinnerung rufen, dass keineswegs alle sich nach einem Ende der DDR-Diktatur sehnten: Neben mutigen Bürgerrechtlern und drangsalierenden Genossen gab es eine nicht zu unterschätzende Zahl von Menschen, die sich mit dem System arrangiert hatten...und die keineswegs litten, wenn einem Kollegen oder Studienkameraden das Leben verpfuscht wurde, weil er oder sie nicht mitlügen wollten. Leute ohne Ambitionen, an einer Montagsdemo teilzunehmen. Auch mit ihnen muss das vereinte Deutschland leben, man muss sie ja nicht zum moralischen Maßstab erheben. Und ganz nebenbei: Diesen Menschentypus findet man in beiden Teilen Deutschlands.
[Copyright 2009 by Freya Klier. Die Veröffentlichung auf der Achse des Guten wurde von der Autorin genehmigt.]
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