26.06.2007   11:07   +Feedback

Frauen sind die besseren Menschen, oder?

Haben wir’s nicht immer schon gesagt? Frauen sind das bessere Geschlecht. Hübscher, klüger, selbstbewußter, zielstrebiger, Alpha-Mädchen eben, wie der Spiegel vergangene Woche titelte. Die Jungs? Schmieren gewaltig ab. Vor allem die im Osten sitzen mit fauler Wampe und Flaschenbier vorm Fernseher oder gehen gleich zu den Neonazis. Frau geht da lieber in den Westen und angelt sich einen, der ihr ebenbürtig ist, sofern die Konkurrenz noch einen übrig gelassen hat. Nicht so’n Loser, eben.
Ach, in einen so hübschen kleinen Goldfischteich, der geradezu nach Champagner dürstet, gießt man ungern Wasser. Und doch: es muß.
Denn so Gold ist es eben nicht. Trotz Kanzlerinnenbonus sind ganz oben die Männer auch weiterhin unter sich. Kinderkriegen ist trotz Ursula von der Leyen weiterhin ein Karrierehindernis, weshalb es sich für Frauen noch immer lohnt, in den Heiratsmarkt, also ihr Äußeres, zu investieren, statt in die inneren Bildungswerte und damit in den Arbeitsmarkt. Ob das neue Unterhaltsrecht daran etwas ändert, wird man sehen. Gewiß aber, und das ist die gute Botschaft, sind Wirtschaft und Demografie auf der Seite der Frauen. Der Mangel an Fachkräften läßt die Unternehmer um die gutausgebildeten Frauen buhlen – und um die qualifizierten älteren Arbeitnehmer. Beides gehört zusammen, denn wenn Frau nicht mehr damit rechnen muß, nach einer Kinderpause schon mit 40 schwer vermittelbar zu sein, entkrampft sich auch das Verhältnis zwischen Mann und Frau, die bislang gezwungen sind, in einem verdammt kurzen Zeitraum Nachwuchs und Karriere zugleich bewältigen zu müssen.

Kurz: Frauen sind derzeit gesucht, nicht, weil sie so überwältigend sind, sondern weil man sie braucht. Stört das eigentlich wen? Außer die eigene Eitelkeit?
Mit den großartigen Leistungen der Frauen verhält es sich ein bißchen so wie mit der Intelligenz: Intelligenz ist das, was der Intelligenzquotient mißt. Im Bildungsbereich aber walten schon seit Jahren Lehrpersonal und Kriterien, die Frauen entgegenkommen. Heutzutage bekommen nicht die Jungs, sondern die Mädchen einen Bonus: nicht selten für Bravheit und Angepaßtheit.
Ausgleichende Gerechtigkeit, frohlocken da die einen, während die anderen bittere Krokodilstränen über die vernachlässigten und entrechteten Buben weinen. Da muß man ja nicht mitweinen. Aber – sorry, sisters – am Problem Mann ist dennoch was dran.
Die Botschaft kommt aus dem Osten Deutschlands und beschreibt die Nachtseite des Goldfischteichs. Da die jungen, gut ausgebildeten Frauen ihr Glück im Westen versuchen, gibt es mittlerweile in einigen östlichen Regionen einen Männerüberschuß von bis zu 25 Prozent. Männer mit schlechter Ausbildung und ohne Job und nun auch noch ohne Frauen. Und diese Mischung gilt seit Jahrtausenden von Jahren menschlicher Gemeinschaft als überaus schlechte Botschaft.
Statistisch gesehen – bitte, meine Herren, das ist, sollten Sie im kritischen Alter sein, jetzt nicht persönlich gemeint! – statistisch gesehen also stellen junge Männer, die weder privat noch beruflich eingebunden sind, die größte Gefahr für sich und andere dar. Frust und Testosteron sind eine heikle Mischung, von der frühere Kulturen noch wußten: sie nannten es das Problem der überschüssigen Männer. Bei den Wikingern bestiegen diese ein Langboot und verließen die Heimat, um sich woanders, keineswegs nur auf höfliche Weise, ihren Platz zu erobern. Im fränkischen Mittelalter nahm man sie in die anstrengende und fordernde Disziplin des Rittertums mit Turnier, Manöverkrieg und Kreuzzug – ebenfalls ein zweifellos nicht sehr nachbarschaftliches Mittel, die Gewalt aus der eigenen Gesellschaft fernzuhalten und gezielt nach außen zu lenken.
Gottlob ist Krieg bei uns keine Option mehr, auch wenn man sich da vielleicht nichts vormachen sollte: Die alternden europäischen Industriegesellschaften sind heute auch deshalb ein Ausbund an Friedfertigkeit, weil ihnen die jungen Männer in jenem gewissen Alter fehlen, von denen Länder wie etwa der Irak ein Übermaß hat. Wie friedfertig die Welt insgesamt ist, hängt nicht von uns allein ab.
Stellen wir also die Frage pragmatisch: Was hat unsere Gesellschaft jungen ungebundenen Männern zu bieten, außer Anpassung an die friedlichen Frauen und an die noch viel friedlicheren Alten? Fußball? Oder lassen wir sie ihr zerstörerisches und selbstzerstörerisches Potential mit dem Auto an Chausseebäumen oder bei rechtsradikalen Umtrieben abreagieren? Gibt es in der heutigen Gesellschaft noch irgendetwas, das uralten Männertugenden einen neuen Platz geben kann, außer in der kastrierten Form von Klaviere stemmen und Holz hacken?
Um kluge Antworten wird dringend gebeten.

DeutschlandRadio Kultur, 17. Juni 2007


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