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  12.06.2010   07:53   +Feedback

Frau Kipping und der Bolschewismus

„Herr Gauck vertritt in der Öffentlichkeit immer wieder eine Position, die auf eine Gleichstellung von Links und Rechts hinausläuft. Vor dem Hintergrund der Totalitarismustheorie ist das eine Verharmlosung des Hitler-Faschismus, die ich so nicht befördern möchte.“

Das hat Katja Kipping gesagt. Sie ist stellvertretende Vorsitzende der Partei Die Linke, Verfechterin eines bedingungslosen Grundeinkommens und Redakteurin einer Zeitschrift namens „Prager Frühling. Magazin für Freiheit und Sozialismus“.

Von Gauck sagt sie außerdem, er würde als Bundespräsident nicht versöhnen sondern spalten. Er habe sich nämlich für die Freiheit stark gemacht, und zwar für eine Freiheit, die losgelöst sei von sozialer Gerechtigkeit.

Wir stellen fest, dass Frau Kipping eine andere Vorstellung von Freiheit hat als Herr Gauck. Frau Kipping ist für Freiheit und Sozialismus. Das mag eine Gnade der späten Geburt sein. Katja Kipping wurde 1978 geboren, in Dresden. Das lag zwar im Tal der Ahnungslosen, aber das Zeitalter der Ahnungslosigkeit nahm auch dort 1989 ein Ende. 1989 war Katja Kipping 11 Jahre alt.

Wir wollen Geburtsjahr und Geburtsort weder zu Erklärung noch zur Milderung ihrer Umstände heranziehen, unsere verfassungsmäßig garantierte Freiheit enthält schließlich auch das unausgesprochene Anrecht auf Dummheit. Dieses Anrecht würde uns auch nicht weiter beschäftigen, wäre die Katja als Privatperson tätig, und nicht im politischen Establishment.

„Und was immer man- berechtigt oder unberechtigt- gegen die Stalin-Zeit vorbringen mag, ihre Ergebnisse waren jedenfalls nicht Niedergang und Verwesung, sondern die Entwicklung eines um Jahrhunderte zurückgebliebenen Landes in eine moderne Großmacht während eines weltgeschichtlich einzigartigen Zeitraums; damit die Überwindung von Elend, Hunger, Analphabetismus, halbfeudalen Abhängigkeiten und schärfster kapitalistischer Ausbeutung; schließlich der Sieg über Hitlers Heere, die Zerschlagung des deutschen und europäischen Faschismus sowie die Ausweitung sozialistischer Gesellschaftsverhältnisse über den halben europäischen Kontinent.“

Diese bemerkenswert differenzierte Betrachtung über den Stalinismus hat nicht Katja Kipping zu verantworten sondern ihre Kollegin im Vorstand der Linken Sahra Wagenknecht. Wir erinnern uns: Es gab schon mal Leute, die über die Sozialpolitik, die Familiengesetzgebung und die Rolle der Autobahn als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme im Dritten Reich reflektierten. Sie waren damit in unserer Öffentlichkeit allesamt rücktrittsreif.

Es mag das persönliche akademische Vergnügen der Genossin Kipping sein, einer Hanna Arendt den Totalitarismusbegriff zu verbieten. Die Arendt hat im Gegenzug das Glück der frühen Geburt. Der Vorteil: Sie muss sich der Kipping’schen Dummheit nicht mehr aussetzen.

Wir wollen trotz allem davon ausgehen, dass sich die Sozialismus-Vorstellungen von Frontfrau Kipping, im Unterschied zur Parteigenossin Sarah Wagenknecht, auf ihre sozialen Utopien beschränken, auf das Grundeinkommen, und auf das Recht zum Nichtstun. Wer aber den Vergleich zwischen den Verbrechen von Nationalsozialismus und Bolschewismus nicht zulassen will, der muss sich schon auch dem Vorwurf der Verharmlosung des Bolschewismus stellen.

Eine der Unverfrorenheiten der späten Befürworter des Bolschewismus ist der Hinweis auf die vermeintliche Verharmlosung von Auschwitz, die im Hitler-Stalin-Vergleich zum Zuge komme. Muss man diese Leute bei jeder Gelegenheit von Neuem an den Hitler- Stalin-Pakt erinnern? War es nicht Stalin selbst, der seinen Schlächter Berija gelegentlich mit Himmler verglich?

Geschätzte Genossinnen und Genossen, macht euch bitte keine Sorgen um Auschwitz. Wäre es nicht an der Zeit, mal über den Umgang mit Auschwitz im Kommunismus nachzudenken? Judenverfolgung und Judenvernichtung waren nicht gerade das große Thema in der gesteuerten Öffentlichkeit des Sowjetsystems.

Bemerkenswert ist noch ein weiterer Begriff zum Thema in Frau Kippings Vorwürfen gegen Gauck. Es handelt sich um den Begriff Hitler-Faschismus, ein Kunstwort der Kommunisten. Mit Hitlerfaschismus ist nichts anderes als der Nationalsozialismus gemeint. Die NSDAP, Hitlers Partei, hieß mit vollem Namen: Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei. Dass man heute, in der Diskussion, das Wort Hitlerfaschismus gebraucht, verrät mehr als Katja Kipping lieb sein kann, es verrät alles. Denn Hitler als Faschisten zu bezeichnen, heißt ihn mit Mussolini gleichsetzen. Das aber ist eine Verharmlosung des Nationalsozialismus.

Wir stellen abschließend fest: Während Joachim Gauck die Verbrechen von Nationalsozialismus und Kommunismus gleichermaßen anprangert, und das im Namen des Anspruchs auf Freiheit, verharmlost seine Kritikerin von der Linken, Katja Kipping, sowohl den Nationalsozialismus als auch den Kommunismus. Das hat wohl mit ihrem etwas anderen Freiheitsbegriff zu tun. Oder ist es doch nur Ahnungslosigkeit?


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Kategorie(n): Inland  Kultur 

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