Fred Viebahn 16.09.2008 10:46 +Feedback
Fototermin mit Ayaan Hirsi Ali
Doch, den Mund kann ich halten, das hab ich jetzt bewiesen. Seit über einem halben Jahr wußte ich, daß auf die Leute in Cleveland, Ohio zum Gedenken des siebten Jahrestags der Terroranschläge vom 11. September 2001 eine ungeahnte Überraschung wartete. Und das Geheimnis, geteilt von vielleicht einem Dutzend Eingeweihter, blieb tatsächlich gewahrt, bis es meine Frau als Moderatorin der diesjährigen Anisfield-Wolf-Buchpreisverleihung am vergangenen Donnerstagabend im Cleveland Playhouse den etwa sechshundert geladenen Gästen verriet und ihnen damit kollektiv den Atem verschlug. Allerdings hatten bereits bei dem noblen Cocktailempfang vor der Veranstaltung manche der anwesenden Honoratioren—einschließlich Bürgermeister und kommandierendem Admiral der US-Küstenwache auf dem Eriesee—ihre Verwunderung ausgedrückt, daß in diesem Jahr kein Sachbuchpreis vergeben wurde, sondern ausschließlich Belletristik für würdig befunden worden war: zwei 2007 veröffentlichte Romane und zusätzlich das Lebenswerk des vor allem in den sechziger Jahren hervorgetretenen afroamerikanischen Romanciers William Melvin Kelley. “Nur Männer”, moserten manche; das hatte es seit 2002 nicht gegeben. Außerdem drückten einige der Schmauser, mit denen ich bei Sushi und Chardonnay plauderte, ihre Verwunderung aus, daß vor dem Eingang schwerbewaffnete Polizei postiert war und sich unters Publikum Männer mit Knöpfen im Ohr gemischt hatten. “Na, sicher wegen dem Bürgermeister und dem Admiral”, log ich glaubwürdig drauflos.
Zuerst verlief der Abend ganz normal: Der Direktor der Cleveland Foundation, einer der größten gemeinnützigen Stiftungen in den USA, die den Anisfield-Wolf Book Award verwaltet, schwang seine allgemeine Einführungsrede, dann stellte meine Frau, die Lyrikerin Rita Dove, seit sechzehn Jahren Mitglied der Preisjury, die geehrten Romanautoren und ihre Werke vor, worauf jeder der drei Herren etwa ein Viertelstündchen vorlas. Schon hielt das Publikum die Hände zum Schlußbeifall bereit, da bat der Mann von der Cleveland Foundation um Geduld; es gäbe allen Ankündigungen zum Trotz doch noch einen bis dato aus Sicherheitsgründen unter Verschluß gehaltenen Sachbuchpreis! Während es im Auditorium verdutzt zu raunen begann, trat Rita wieder ans Mikrofon und sagte: “Ich freue mich, heute abend ...” (nun hätte man auf einmal eine Stecknadel fallen hören können, selbst ein Serienhuster verstummte) “... dieses Podium mit Ayaan Hirsi Ali zu teilen, der international bekannten Verfechterin der Rechte moslemischer Frauen…” Während Ritas zehnminütiger Laudatio wuchs die Spannung im Raum; als Hirsi Ali dann endlich durch den Bühnenvorhang nach vorne trat, konnte sich das normalerweise freundlich reservierte Publikum nicht mehr zurückhalten und sprang auf zu minutenlanger Ovation. Selbst geistliche Würdenträger klatschten wie wild, obwohl Rita eben noch hervorgehoben hatte, daß die Geehrte vom Islam zum ATHEISMUS konvertiert sei. Um das Wort Atheismus machen die meisten Amerikaner—und vor allem doch wohl geistliche Würdenträger—normalerweise einen großen Bogen. (Offensichtlich inspiriert, umarmte später die Ehefrau eines einflußreichen Clevelander Bürgers Hirsi Ali und sagte, sie sei stolz auf ihre “fellow atheist”.)
Seit 1935 gibt es die Anisfield-Wolf Awards; sie wurden damals von der reichen Philanthropin und Poetin Edith Anisfield Wolf für die besten Bücher des Jahres gestiftet, die sich mit Rassismus jeder Couleur in engerer und kultureller Vielfalt in weiterer Hinsicht auseinandersetzen; neben meiner Frau gehören der Jury der Harvard-Literaturprofessor Henry Louis Gates, Jr., die Romanautorin und Princeton-Professorin Joyce Carol Oates, der Harvard-Psychologe Steven Pinsker und der Historiker Simon Schama von der Columbia University an. Natürlich kommt es dabei hin und wieder zu Scharmützeln zwischen den Juroren, wenn sie sich unter den Hunderten von amerikanischen Verlagen nominierten Büchern nicht von Anfang an auf dieselben Kandidaten einigen können. Als jedoch Rita, die sich normalerweise eher auf Belletristik konzentriert, und ein zweiter Juror Hirsi Alis Autobiografie “Infidel” für den Sachbuchpreis vorschlugen, pflichteten ihnen die drei anderen gleich bei. Diese Entscheidung führte dann zu der in der Geschichte des Preises einmaligen logistischen Konsequenz, die Wahl, um die Teilnahme der somalisch-holländischen Autorin zu ermöglichen, bis zur Preisverleihung streng geheimzuhalten—nicht nur, um das Risiko eines Anschlags auf die Preisträgerin auf ein Minimum zu verringern, sondern auch, um Publikum und Veranstalter vor Fanatikern zu schützen.
Zusätzlich meinten einige der Eingeweihten, die Angelegenheit wäre dadurch kompliziert, daß die Jury sich dafür entschieden hatte, den Belletristikpreis zu teilen, und zwar zwischen “The Brief Wondrous Life of Oscar Wao” von Junot Diaz, einem Amerikaner dominikanischer Herkunft, und “The Reluctant Fundamentalist” des pakistanisch-britischen Autors Mohsin Hamid. In “The Reluctant Fundamentalist” versucht der fiktive pakistanische Ich-Erzähler, einst ein in den USA lebender und westlichem Lebensstil “verfallener” Geschäftsmann, seinen Wandel zum islamischen Fundamentalisten zu erklären. Dabei geht es Hamid zwar nicht darum, Verständnis für die Ideologie seines Charakters zu erheischen; vielmehr liegt ihm daran, seinen Lesern einen Einblick in die persönliche und gesellschaftliche Komplexität des Fundamentalismus zu verschaffen. Aber die Jury war sich durchaus der Ironie bewußt, daß Hamids fiktiver “zögerlicher Fundamentalist” Hirsi Alis autobiografische “Ungläubige” in mancher Hinsicht merkwürdig komplementiert: Beide Bücher sind stark von den Ereignissen des 11. September 2001 geprägt, und beide bewegen sich zwischen westlicher Offenheit und restriktivem Islam, wenn auch in entgegengesetzter Richtung. (Wer’s noch nicht getan hat, sollte sich unbedingt als nächste Lektüre Hirsi Alis Autobiografie vornehmen—trotz des deutschen Langweiler-Titels “Mein Leben, meine Freiheit”. Was ging Übersetzern und/oder Verlag nur durch die Griesbreiköppe, daß sie nicht der amerikanischen Ausgabe folgten und das Buch schlicht und einfach, effektiv und treffsicher “Ungläubig” nannten?)
Nine-eleven 2008 war ein wahrlich erinnerungswürdiger Tag, nicht nur im Gedenken an die Opfer der Anschläge vor sieben Jahren, jener Anschläge, die die individuelle Befreiung Ayaan Hirsi Alis von den traditionellen Fesseln ihrer moslemischen Herkunft in militante öffentliche Ablehnung des Islam und seiner Unterdrückungsmechanismen wandelten. Rita und ich hatten uns bereits am Nachmittag mit ihr im Ritz-Carlton-Hotel getroffen, wo wir uns zu dritt bei dem Gedanken amüsiert hatten, daß unserem gemeinsamen Buddy Henryk Broder, ach so fern und doch so nah, die Ohren brennen mochten, während wir über ihn in absentia Anekdoten austauschten. Klaglos, auf ihre eigentlich etwas schüchterne Art, hinter der jedoch immer wieder ein starker Wille hervorschimmert, erzählte sie uns von den Sicherheitsvorkehrungen, unter denen sie seit vier Jahren, seit der Ermordung Theo van Goghs, ständig zu leben gezwungen ist, und die so weit gehen, daß in Cleveland außer dem Polizeipräsidenten selber, der sich die persönliche Betreuung nicht nehmen ließ, nichtmal die zu ihrem Schutz abkommandierten Cops vorher eingeweiht worden waren, wen sie da vom Flugzeug abzuholen und zu beschützen hatten. Die monatelange zwangsläufige Paranoia hatte beim Direktor der Cleveland Foundation sogar dazu geführt, daß er sich Sorgen machte, wie Mohsin Hamid am Abend auf die Überraschung reagieren könnte; glücklicherweise stellten sich diese Sorgen als unbegründet heraus, womit sich wieder mal zeigte, daß man einen belletristischen Autor nicht nach den von ihm geschaffenen Charakteren einschätzen sollte. Zwar schien es Hamid etwas unbehaglich beim Gruppenfoto der Preisträger, aber das konnte alle möglichen Gründe haben, nicht nur, daß er, der häufig in seine pakistanische Heimat reist, es womöglich für wenig ratsam hielt, freundlich lächelnd neben einer von Fatwas verfolgten Abtrünnigen zu stehen. Aber ich mag mich täuschen. Auf alle Fälle versichere ich Islamisten, die dies lesen, daß Mohsin Hamid keine Vorahnung hatte, plötzlich für ein paar Blitzlichtsekunden mit Ayaan Hirsi Ali in Reih und Glied antreten zu müssen.
Bleibt mir nur noch hinzuzufügen, daß Rita und ich am Abend des 11. September 2008, der in kleinem privatem Rahmen, wenn auch unter Polizeischutz, bis nach Mitternacht dauerte, in dieser mutigen und klugen Frau eine wunderbare neue Freundin gewonnen haben. Und wennimmer wir uns in Zukunft wieder mit ihr treffen werden, bleiben unsere Lippen genauso versiegelt, wie sie es fürs letzte halbe Jahr waren—bis vielleicht eines Tages dem Fatwa-Fanatismus der Garaus gemacht wird. Wie ich schon in anderem Zusammenhang vor ein paar Wochen in einem “Achse”-Beitrag schrieb: Man wird ja wohl hoffen dürfen!
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Kategorie(n): Ausland

