Michael Miersch 23.06.2009 22:12 +Feedback
Fleisch wie jedes andere
Allein schon das Wort „Klonfleisch“ löst bei vielen Menschen eine Assoziationskette aus, die zwanghaft in Dr. Frankensteins Labor endet. Dabei stehen Fleisch und Milchprodukte zu Diskussion, die sich durch nichts von denen unterscheiden, die wir schon immer essen. Selbst eine Verbraucherorganisation wie „Foodwatch“, die sich sonst auf jedes noch so geringe potenzielle Risiko stürzt, hat dagegen keine Bedenken.
Klone sind vaterlose Geschöpfe, Pflanzen und Tiere, die nicht durch die Vereinigung beider Geschlechter zustande kamen, sondern von einem einzigen Mutterwesen abstammen. Es gibt sie überall in der Natur. Manche unserer Obstsorten sind Klone, zum Beispiel die beliebten kernlosen Weintrauben. Wenn wir von einer Zimmerpflanze einen Ableger eintopfen, so ist dies ein Klon. Manche Fische vermehren sich durch Klonen und sogar Echsen tun es. Die Natur braucht im Prinzip keinen männlichen Samen, um Nachkommen hervorzubringen. Die sexuelle Vermischung der Gene ist jedoch das erfolgreichere Prinzip, weil immer wieder neue Genkombinationen Lebewesen besser vor Krankheiten schützen.
Die Aufregung um Klonfleisch ist auch deshalb übertrieben, weil es noch viele Jahre dauern wird, bis das Schnitzel beim Metzger wirklich von einem geklonten Tier stammt. Das Verfahren ist immer noch viel zu kompliziert und teuer, um damit Schlachttiere zu erzeugen. Es geht den Züchtern um die Kopie wertvoller Elterntiere, hauptsächlich Kühe und Bullen, die besonders gute Erbanlagen besitzen. Schon heute werden solche Spitzentiere durch künstliche Besamung und Embryotransfer massenhaft vermehrt. Mancher Bulle in den Besamungsstationen ist Vater von 100 000 Kälbern.
Statt sich über die Zulassung von Klonfleisch zu empören, wäre eine andere Diskussion angebracht: Warum ist es immer noch notwendig Tiere großzuziehen, in Ställe zu pferchen und zu töten, um Fleisch zu erzeugen? Sollte es nicht unser Ziel sein, diese traurige Notwendigkeit endlich zu überwinden. Es gibt inzwischen in den Niederlanden, den Vereinigten Staaten und einigen anderen Ländern Firmen, die daran arbeiten, Muskelgewebe zu vermehren. Wenn man Fleisch aus Fleisch herstellen könnte, wäre dies nicht nur ethisch ein großer Fortschritt. Die Milliarden Nutztiere, die die Menschheit für ihren Fleischkonsum füttert, sind das größte Umweltproblem des Planeten.
In gekürzter Fassung erschienen in DIE WELT am 23.06.2003
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Kategorie(n): Wissen


