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  06.03.2010   18:44   +Feedback

Feindbild Kartoffel

Nachdem die Industrie-Kartoffel Amflora die EU-Zulassung erhalten hatte, erklärten die deutschen Stärkehersteller, dass sie die böse Gen-Knolle ablehnen. “Stärkeindustrie will Gen-Kartoffel gar nicht”, lautete eine der Schlagzeilen. “Unerwünscht und überflüssig”, heißt es auf der Website von Greenpeace.
Ein Anruf bei Deutschlands größtem Kartoffelstärkehersteller ergibt allerdings ein etwas anderes Bild. “Wir sehen da überhaupt keine Gefahr”, sagt der Firmensprecher Henk Jaap Meijer. “Ich würde die Amflora-Stärke essen.” In einer Erklärung der Firma heißt es: “Die Emsland Group begrüßt die Zulassung ... eine wichtige Voraussetzung zur langfristigen Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit für die europäische Kartoffelstärkeindustrie.”
Hoppla. Offenbar scheint es mit den Bedenken der Industrie nicht allzu weit her zu sein. Die Vorsicht hat andere Gründe. Nahrungsmittelhersteller machen Druck, erklärt Herr Meijer. Sie fürchten, dass in der Stärkefabrik gentechnisch und konventionell erzeugte Knollen durcheinandergeraten könnten. Das ist zwar sehr unwahrscheinlich, da Amflora mit einem einfachen Test kenntlich gemacht werden kann, aber man weiß ja nie. Für die Lebensmittelerzeugung ist die Kartoffel bisher nicht zugelassen. Sie soll lediglich besonders gut verwertbare Stärke für Papierherstellung, Klebstoffe und Garn liefern. Doch die Anti-Gentechnik-Aktivisten wollen keine solche Pflanze auf deutscher Erde, auch nicht wenn sie nur als industrieller Rohstoff eingesetzt wird. Und dafür spannen sie am liebsten die Industrie vor ihren Karren. So war es auch 2004, als sie die großen Einzelhandelsketten so lange drangsalierten, bis diese erklärten, keine Produkte aus Gentechnik-Pflanzen ins Sortiment zu nehmen. Kaum hatten Aldi, Lidl & Co. kapituliert, verkündeten die Kampagnenführer: Lebensmittelhandel boykottiert Gen-Nahrung!
Und jetzt boykottieren die Stärkehersteller die Gen-Kartoffel. Ein Erfolgsrezept. Schritt eins: Man verunsichert Verarbeiter und Händler. Schritt zwei: Wenn die das Produkt entnervt aufgeben, umarmt man sie öffentlichkeitswirksam, erklärt sie zu Gentechnik-Gegnern ehrenhalber und verkündet, dass niemand die Innovation haben will. Dieses arglistige Spiel ließe sich nur stoppen, wenn Handel und Verarbeiter so viel Rückgrat hätten, selbst zu entscheiden, ohne vorher bei Greenpeace um Genehmigung zu fragen. Das haben sie aber nicht.
Die Protestbranche setzt alles daran, dass optimierte Pflanzensorten ein Schreckgespenst bleiben. Sie bewirtschaftet Verunsicherung. Dabei leben wir tagtäglich mit Gentechnik. Würden alle Produkte gekennzeichnet, die solche Komponenten enthalten oder mithilfe von Genpflanzenfutter erzeugt wurden, trüge über die Hälfte der Lebensmittel in Deutschland einen Gentechnik-Stempel.

Erschienen in DIE WELT 5. März 2010

Siehe auch:
Die Hoffnungsknolle
Nach 13 Jahren Hängepartie um die Zulassung hat die EU-Kommission die gentechnisch veränderte Kartoffel Amflora genehmigt…Hier weiterlesen

(Maxeiner und Miersch)


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Kategorie(n): Inland  Wissen  Wirtschaft 

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