Dr. Alexander Gutzmer 22.02.2010 19:39 +Feedback
Feelgood für Schlauberger
Zu den langweiligsten Thesen der Welt gehört jene, die deutsche Sprache würde von einer Welle englischer Begriffe überschwemmt und damit brutal zerstört. Mit Vorliebe reproduzieren Lehrer oder Lektoren sie. Auch drittklassige „PR für Anfänger“-Seminare trichtern den Zuhörern gern ein, englische Fachbegriffe seien von Übel und kämen im deutschen Wirtschaftsjournalismus gar nicht gut an. Tun sie wahrscheinlich auch nicht, denn deutsche Journalisten gehören ebenfalls zu den unermüdlichsten Verfechtern der Reinerhaltungsthese. Anti-Dengisch-Statements sind so universell zum Schaffen von Zustimmung einsetzbar wie Plädoyers “gegen Krieg”.
Meist wittern die Einsatztruppen für reineres Deutsch, die Verwendung englischer Ausdrücke sei Teil eines tückischen Hochstaplertums. Sie fürchten, da wolle ihnen jemand irgendeine Wahrheit vorenthalten und verbräme dies mit undeutschem Kauderwelsch. Genau diese panische Angst davor, betuppt zu werden, macht die Contra-Denglisch-Tiraden unsouverän und ermüdend – so ermüdend wie jede Verschwörungstheorie. Dennoch kann man sicher sein, mit jedem noch so lauen Witz übers Englische im Deutschen wissende Lacher zu ernten.
Ein Grund für die Popularität der rituellen Denglisch-Verdammung liegt darin, dass sie sich so schön anschließen lässt an den Mainstream deutscher Kapitalismuskritik. Wer spricht denn schließlich ständig englisch? Na die bösen Banker, Verzeihung, Finanzfachangestellten. Bei so viel Evidenz traut man sich nicht mehr zu fragen, ob sich nicht beispielsweise mit einem Begriff wie „Marketing“ tatsächlich mehr verbindet als mit dem deutschen „Absatzwirtschaft“.
In der „Sprecht mehr deutsch“-These kulminiert die deutsche Urangst vor einer angloamerikanisch dominierten Gegenwartskultur. Gern geht sie deshalb einher mit Gemecker über den Einfluss von Hollywood oder amerikanischer Popmusik. Getragen wird sie von jener Stimmung gemütlicher Kulturskepsis, in der deutsche Bildungsbürger schon seit Thomas Mann zu sich selbst finden. Sie ist die Feelgood-These der Schlauberger. Insofern könnte unseren Bildungsbürgern nichts Schlimmeres geschehen als eine tatsächliche Englisch-Katharsis des Deutschen.
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Kategorie(n): Kultur


