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  25.01.2012   09:33   +Feedback

Fashion samma ned

Von Marcel Malachowski

Immer noch arm, aber nicht mal mehr sexy: Die Fashion Week ist wieder einmal in Berlin, und eines hat sie sicherlich nicht im Gepäck: Schöne Mode – und die Hoffnungen, die sich mal mit ihr verbanden.

Schon komisch, daß alle nach Berlin wollen: Denn Berlin ist, höflich ausgedrückt, eine merkwürdige Stadt. In einem Kiez am Tempelhofer Flugfeld beispielsweise, der „umzukippen“ drohe, hat ein Quartiersmanagement oder wie man das heutzutage nennt vor einigen Monaten die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen aufgenommen: Hausaufgabenbetreuung und Nachmittagsunterricht, auf daß ihre Mündel es später einmal besser haben mögen. Da kamen dann nächstens ein paar Farbeier geflogen, weil andere befürchteten, diese Sozialpädagogisierung führe zu einer Gentrifizierung. Die einen wollen, daß ihr Sozpäd-Studium sich zumindest ein wenig materiell und ideell auszahlt, die kleinen Racker wollen mal nicht „Hartz IV“ werden, und die Nachtaktivisten befürchten einen neuen Prenzlberg. Soll man erst mal beruhigend konstatieren: Jeder Berliner macht`s halt so gut, wie er´s eben kann, und eigentlich wollen sie doch alle nur ein bißchen gut leben?

Zum Kiez-Nachbarn auf dem Flughafen-Gelände wird in dieser Woche wieder einmal die Berliner Fashion Week, die dort die Messe „Bread&Butter“ einquartiert: „Zweimal jährlich wird Berlin zur internationalen Bühne für Fashion und Lifestyle. Bei der Berlin Fashion Week treffen sich Modeinteressierte, Einkäufer, Fachbesucher und Medienvertreter auf Shows und Awards, informieren sich auf Fachmessen, besuchen Ausstellungen und Offsite-Events.“ So wird die Messe 2012 beworben, und es hätte mal so schön werden sollen. Ob es je hätte überhaupt so schön werden können, wie man es sich immer noch erträumt, das war schon in den letzten drei Jahren stark zu bezweifeln. Der Spiegel hat der Berliner Fashion Week daher letztes Jahr ihr ökonomisches Scheitern erklärt. Und an diesem Scheitern scheint sich auch dieses Jahr einfach nichts ändern zu wollen, aller kläglichen Beteuerungen der Verantwortlichen zum Trotz sind die Tatsachen unumstößlich: Die großen Modehäuser bleiben lieber beim alten Geld und den traditionsreichen Fashion Weeks in New York, London und Paris oder suchen ihre Kunden der Zukunft, genau wie Fußball, Showbiz und Formel 1, schon seit über einem Jahrzehnt auf den glamourösen Bühnen des neuen Geldes in Shanghai, Mumbai und Dubai.

Das Geld des Mode-Business also scheint es nicht nach Berlin zu ziehen, der Push erfolgt dementsprechend durch den old-fashioned Hauptsponsor Mercedes-Benz, zum großen Teil aber durch die „öffentliche Hand“: „Gemeinsam mit der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Forschung unterstützt die Berlin Partner GmbH seit 2007 die Veranstaltungen der Berlin Fashion Week. Während die Senatsverwaltung einzelne Formate kofinanziert, vermarktet Berlin Partner die Hauptstadt als aufstrebende europäische Modemetropole und als Wirtschaftsstandort.“ Der gemeine Betriebswirtschaftler wird sich nun fragen: Warum sponsert eine ach so klamme Stadt regelmäßig eine mehrtägige Großveranstaltung, die sich einfach nicht rentieren will und die auch sekundären Ertrag, wie den Zuzug liquider Unternehmen aus der Textilverarbeitung, vermissen läßt?

Die von allen Seiten der Hauptstadt gehypte Kopfgeburt der Berliner Fashion Week war rein ökonomisch von Beginn an eine Totgeburt: Im Vergleich nicht nur zu New York, Paris oder Rom, auch zu Düsseldorf oder Istanbul gab es in Berlin weder in der Nachkriegs-Zeit noch nach 1990 eine nennenswerte Textil- oder Mode-Wirtschaft, weder im Hochpreis- noch im Casual-Segment – und auch heute gibt es sie nicht, auch wenn kurioserweise heute überall, selbst international, von der „Berliner Mode-Szene“ die Rede ist. Sinn und Zweck der Rhetorik-Übung „Europäische Modemetropole“ war wohl einzig, Berlin mit einem Image auszustatten, das es auf der „internationalen Bühne“ zum Synonym werden läßt, das es mitspielen läßt im ideellen Wettbewerb der „Weltstädte“ - losgelöst vom vorhandenen Kapital und existenten Ressourcen. Daß solch ein reines Idee-Marketing ohne marktformidables Produkt dennoch auch realen Mehrwert „als Wirtschaftsstandort“ produziert, das scheinen die anschwellenden Touristenzahlen, die steigenden Immobilienpreise und die tatsächliche Anziehungskraft Berlins auf junge „Kreative“ aus der ganzen Welt zu belegen.

Die Inhaltslosigkeit des Geredes von der „Berliner Mode-Szene“ verschränkt sich mithin leider mit der nicht vorhandenen Kreativität ihrer meisten Akteure. Stand etwa der Begriff „Pariser Mode“ seit den 1940ern für den figurbetonten New Look von Dior, später für die Einführung spezifischer, neuartiger ästhetischer Elemente auch in die Alltagsmode durch YSL oder später Gaultier, verband man die Mode-Synonyme New York oder London mit dem Einbrechen strikt bürgerlicher Kleidungs-Codes und der Etikettierung einer alltagsvergessenen, nach-bürgerlichen Coolness in den 80ern, und hatten Rom und Mailand nicht nur mit Versace und Armani sowohl dekorative Opulenz als auch formale Stringenz für sich in Beschlag genommen, so bleibt der „Berliner Mode“, die wohl gerne so verspielt zukünftig wäre wie die in den Tokioter In-Stadtteilen, nun anscheinend nicht mehr viel übrig als die Emanzipation von Form- und Farbharmonie und das demokratisch-beliebige Postulat des anything goes. Verhieß die Mode unbedingt den Genuß des stilisierten Moments, das kurzzeitige Verweilen an des Glückes Strand, den schwelgenden wie schweifenden Entwurf eines anderen, anmaßenden Daseins, so scheinen ihre heutigen Protagonisten die nazarenische Schmucklosigkeit, geradezu die kindliche wie kindische Verweigerung von geschlechtlicher Mode als Zier des Körpers und als Trost der Sinne zu ihrem erbarmungswürdigen Schnittmuster des Daseins zu machen – im Neuköllner Flughafen-Kiez könnte es kaum trostloser sein.

Bei Lichte betrachtet, zerfällt die „Berliner Mode-Szene“ in vier Fraktionen, die versuchen, ihr Stück vom kleinen, glasurlosen, aber wahnsinnig „experimentellen“ und „innovativen“ Berliner Kuchen zu ergattern: Michalsky, der als ehemaliger Adidas-Chefdesigner mittels medialer Vermarktung sich als hochmoderne Ikone des globalen Trendsettings darzustellen versucht, aber doch nur das in seine Kollektionen nimmt, was es bei H&M und am Kottbusser Damm längst preiswerter gibt; Labels wie Thatchers oder die zwischenzeitlich insolventen Unrath&Strano, die vom Ruhm des vergangenen Jahrzehnts zehren, als man sich noch halbwegs an den klaren Linien von London ausrichtete; der große Rest der „Szene“ besteht zumeist aus Kleinateliers, in denen T-Shirts und Umhängetaschen mit „lustigen“oder identitätsstiftenden, also infantilen Motiven bedrucken, um sie sich dann gegenseitig abzukaufen und in Mode-Blogs als das Must-Have der Saison anzupreisen – klassische Cross-promotion, gemixt mit Guerilla-Marketing. Die wenigen, die sich wirklich Mode-Macher bezeichnen könnten, weil sie das Handwerk auch mit der Hand - und nicht nur mit dem Vokabular der selbstreflexiven Reklame – beherrschen wie etwa „Rita in Palma“ oder „Ponymädchen“, scheinen in der Masse leider völlig unterzugehen. Es dürfte wahrlich das Künstler-Pech dieser nachweislich Talentierten zu sein, daß sie ihre Applikationen und Details nicht alleine als heischenden eye-catcher in der Vogue avisieren, sondern als organischen Teil einer in sich geschlossenen Farb- und Formen-Partitur, einer nicht nur marktschreierischen Kreation, wie man sie früher auch in Paris schneiderte.

Den allgemeinen Beschränkungen ihrer Zeit wie auch denen der jeweils besonderen gesellschaftlichen Gegebenheiten immer einen Schritt voraus zu sein, den Körper, gleichsam die Phantasie als prachtvolles Refugium zu gestalten gegen die inneren und äußeren Wüsten der entfremdeten und verwalteten Welt, das war von jeher – und zu jeder Zeit und in jeder Gesellschaft der Moderne – der Inbegriff wie der Auftrag der schönen Künste. Sie waren die äußere Form des bürgerlichen Versprechens von der Realisierung der Utopie, mehr als nur ein bißchen gut leben zu wollen. Der teleologische Irrtum der „Berliner Mode“, auf den Anspruch der Mode vollends zu verzichten, ihr selbst noch stilistische Highlights zu entziehen und ihr damit die flirrende Sehnsucht, als Provokation gegen die Starre gesellschaftlicher Beengtheit, auszutreiben, ist nicht nur ihr offensives Markenzeichen, es ist kennzeichnend für das innerste Wesen der neuen Berliner Gesellschaft mit ihren behäbig-nachhaltigen Weltstadt-Träumen und es ist das Pop-Äquivalent zur deutschen EU-Linie protestantischer Solidität: Weniger sexy war nie.

Daß heuer die allseits anerkannte „Avantgarde“, sich links, besonders aufgeklärt und bohemistisch gebend, noch zurückfällt hinter die Versprechen der aufgeklärten, bürgerlichen Gesellschaft, entblößt die Berliner Wowereit-“Arm, aber sexy“-Boheme. Sich selbst die Event-Labels „GreenAvantgarde“ oder „EthicalDesign“ zu verpassen, wie man es auf der Fashion Week tut, das ganze in der Hoffnung auf ein paar Almosen aus dem städtischen Etat – und auf den sozialdemokratischen Mode-Gott und Neuköllner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky, der das gerade geschlossene Neuköllner C&A-Konfektionsmodehaus zum Atelier für fünfzig Jungdesigner umrichten will -, all solches macht die Berlin Fashion Week gleich der „Berliner Mode-Szene“ genauso überflüssig für die Mode, wie die stylischen Jugendlichen aus Neukölln, ihre ethisch gewandeten SozialpädagogInnen und die Jung-“Designer“ aus Kreuzkölln es für die Wirtschaft bereits sind. Seiner Zeit und ihrer Tristesse möchte man in Berlin nicht mal mehr modisch voraus sein.

Aber gerade weil das so ist, wollen alle nach Berlin: Schon komisch. Aber eben nicht nur Berlin, sondern alle Welt ist, höflich ausgedrückt, wirklich merkwürdig.

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Kategorie(n): Inland  Kultur 

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