03.02.2012   15:09   Leserkommentare (0)*

Fanniegate

Wer ist nun eigentlich schuld an der Wirtschaftskrise, die uns 2008 in einen wirbelnden Mahlstrom schauen ließ, in dem der gesamte Reichtum der Welt zu verschwinden drohte, als würde er im Klo heruntergespült? Waren es ein paar Bankiers an der Wall Street, die beim Monopolyspielen ein bisschen zu heftig gewürfelt hatten? War es George Soros, der, wie ein ultrarechter amerikanischer Fernsehstar mutmaßte, einen boshaften Plan verfolgte, Amerika in den Ruin zu treiben? Steckten die Juden dahinter? Und wenn die Juden, warum dann nicht auch die Mormonen und die Radfahrer? Oder war es etwa der Kapitalismus selbst, der sich hier hektisch sein Grab schaufelte?

Allerdings stellte sich im Nachhinein heraus, dass gerade ein paar kapitalistische Grundprinzipien in den Jahren vor der Wirtschaftskrise verletzt worden waren, als da wären: 1. Vergib nie einen Kredit, wenn der Gläubiger keine Sicherheiten vorzuweisen hat. 2. Je risikoreicher ein Kredit ist, desto höher sind die Zinsen. (Dies entspricht in der Sphäre der Ökonomie ungefähr dem Gravitationsgesetz beim Besteigen einer Leiter: Je höher man hinaufsteigt, desto mehr tut es weh, wenn man hinunterfällt.) 3. „There is no such thing as a free lunch.“ Ein Mittagessen für lau – das gibt es gar nicht. Irgendwer hält am Schluss immer die Hand auf.

Also, wer war´s? Wer hat in den Jahren von 2000 bis 2008 dafür gesorgt, dass es so aussah, als sei in der Wirtschaft die Erdenschwere abgeschafft, bis wir alle mit einem schmerzhaften Schlag auf dem Boden der Realität aufsetzten und uns verdutzt die Hinterteile rieben? Wenn Grechen Morgenson Recht hat, die als Wirtschaftsreporterin der „New York Times“ seit Jahren die Bosse das Fürchten lehrt, dann stand im Zentrum der Krise eine Organisation, die sich „Federal National Mortgage Association“ nennt, abgekürzt: FNMA, besser bekannt unter ihrem Spitznamen: Fannie Mae. Das ist an sich schon bemerkenswert, denn bei Fannie Mae handelt es sich um alles andere als eine Verschwörung von kapitalistischen Raffzähnen: Fannie Mae wurde von der sozialdemokratischen Regierung Roosevelt im Jahre 1938 gegründet, um mitten in der Krise armen Leuten mit Krediten unter die Arme zu greifen. Jeder Mensch, auch der ökonomisch Minderbemittelte, sollte sich ein Eigenheim leisten können. Anfangs gehörte Fannie Mae der Regierung mit Haut und Haaren, später führte diese Institution eine merkwürdige Zwitterexistenz: Sie war halb privatwirtschaftlich organisiert und halb (durch großzügige Kredite sowie die Erwartung, dass der Kongress sie im Zweifel wirtschaftlich heraushauen würde) immer noch mit dem Staat verbunden.

Gretchen Morgenson zeigt in ihrem großartigen Buch „Reckless Endangerment“ (das sie zusammen mit Joshua Rosner verfasst hat), dass Fannie Mae ungefähr seit Neunzigerjahren die schlimmsten Eigenschaften des Sozialismus mit den schlimmsten Eigenschaften des Kapitalismus unter einem Dach vereinte. Sozialistisch war, dass man sich bei Fannie Mae nicht ans Realitätsprinzip zu halten brauchte – für den Notfall galt eben die Devise: „Der Papa wird´s schon richten.“ Die Gesetze der Marktwirtschaft kümmerten niemanden, der kreativen Buchführung wurden eigentlich keine Grenzen gesetzt. Kapitalistisch war, dass sich die Führungsriege an elefantösen Gehältern berauschte und fetzige Bonusorgien feierte, bei denen man sich die Millionen nur so auf die Glatzen prasseln ließ.

Gretchen Morgensons kriminalistischer Geschäftsbericht hat ein bete noire, einen Professor Moriarty, einen Haupt- und Oberbösewicht. Sein Name: James Johnson. Er führte Fannie Mae von 1991 bis 1998 – und baute den gemütlich tuckernden Traktor aus der Roosevelt-Ära in einen schnittigen Lamborghini um. Brisant ist diese Personale unter anderem deswegen, weil Johnson ein Mitglied des Establishments der demokratischen Partei ist: Er war der Manager von Walter Mondales Kampagne, als der 1984 gegen Ronald Reagan antrat. Er stand hinter John Kerry, als der sich nach 2003 einem Vizepräsidentschaftskandidaten umschaute. Beinahe hätte Barack Obama ihn 2008 als Berater nach Washington geholt.

Was tat jener James Johnson, als er Fannie Mae vorstand? Er sorgte laut Gretchen Morgenson im Wesentlichen dafür, dass die Kriterien für die Kreditvergabe ausgehebelt wurden. Früher einmal – in der guten alten schlechten Zeit – da hatte man noch darauf bestanden, dass jemand, der ein Haus kaufen wollte, einen großen Batzen Bares als Anzahlung auf den Tisch legte; man hatte seine „credit history“ auf verdächtige Hohlstellen abgeklopft; und man hatte schließlich auch darauf geachtet, dass die Rückzahlung der Hypothek nicht mehr als ein Drittel von seinem Gehalt auffraß. Nachdem James Johnson sein Werk verrichtet hatte, bekam jeder Mensch einen Kredit, der imstande war, mit seiner Atemluft einen Spiegel beschlagen zu lassen.

Fannie Mae vergab selbst keine Kredite, es kaufte nur welche auf – und sorgte (als Sicherheit in der zweiten Reihe) dafür, dass die Standards immer tiefer sanken. Fannie Mae brauchte also eine vorgeschaltete Instanz, die Kredite an den Mann oder die Frau brachte; diese Instanz war vor allem das betrügerische Kreditinstitut „Countrywide“, dessen Chef, ein gewisser Angelo R. Mozilo, in Fachkreisen zu den schlechtesten Vorstandsvorsitzenden aller Zeiten gezählt wird. Mozilo und Johnson spielten gern zusammen Golf, anschließend schwatzte „Countrywide“vor allem Schwarzen und Latinos Häuserkredite auf, die sie nie und nimmer zurückzahlen konnten.

Gab es Kritik an dieser Praxis? Gewiss doch. Manche Beobachter wiesen zart darauf hin, dass jemand, der ein Haus erwarbt, ohne dass er je die Hypothek tilgen könnte, im Grunde nur Miete an seine Bank zahlt. Aber Kritik wurde von Fannie Mae immer mit demselben Argument niedergebügelt: Wer so rede, der habe offenbar kein Herz für Arme. Er wolle den amerikanischen Traum – ein Häuschen für jeden! – kaputtmachen. Es gab dubiose Studien, dass Banken bei der Kreditvergabe rassistisch seien, weil sie Angehörige von Minderheiten weniger häufig mit Geld bedächten als Weiße. Fannie Mae und „Countrywide“ empfahlen sich als farbenblinde Retter in der Not, die diesen Fehler durch Großzügigkeit ausmerzten. Dass ihre angebliche Großzügigkeit gerade Schwarze und Latinos in den amerikanischen Innenstädten teuer zu stehen kam, deren Zinsen nach ein paar Jahren brutal in die Höhe schnellten, fiel dabei kaum auf.

Unterdessen verdienten sich die Chefs von Fannie Mae dumm und dusselig. Bei weitem nicht alles Geld, das bei diesen Luftgeschäften verdient wurde, floss in die Vergabe weiterer Kredite zurück. Fannie Mae unterhielt einen ausufernden Bestechungs- und Ruhigstellungsapparat: Die Herrschaften kauften sich eine schöne Lobby zusammen und sorgten im Übrigen dafür, dass Kritiker rufgemordet wurden. Die Korruption reiche bis in die höchsten Ränge. Nancy Pelosi, die ehemalige Sprecherin des Repräsentantenhauses, wurde mit einem Posten für ihren Sohn belohnt; Barney Frank, der ehemalige Vorsitzende des Finanzausschusses im Repräsentantenhaus, bekam einen bequemen Job für seinen Lebensgefährten geboten. Und wer stand am Ende für den gesammelten Blödsinn gerade? Der amerikanische Steuerzahler, versteht sich.

Als 2008 die ökonomische Blase platzte, in die Bankiers an der Wall Street noch mit vollen Backen lustvoll hineingepustet hatten, war Fannie Mae über Nacht pleite und wurde unter staatliche Kuratel gestellt. Experten schätzen, dass es die Amerikaner am Ende 224 Milliarden Dollar kosten wird, Fannie Mae zu retten. Es können aber auch 360 Milliarden sein, wer will das so genau wissen? Die Verantwortlichen haben selbstverständlich ihre Schäfchen vollzählig im Trockenen. Niemand garantiert, dass das muntere Treiben nicht morgen von vorn beginnt.

Gretchen Morgensons Buch ist aus zwei Gründen lesenswert. Zum einen macht es den Aufstieg des anarchokonservativen Tea Party Movement in Amerika begreiflich. Das Tea Party Movement ist keine liebenswürdige politische Bewegung – sie wird von irren Verschwörungstheorien beflügelt, ihre Abscheu gegenüber dem Präsidenten stinkt nach Rassismus, viele Vertreter fallen durch extreme Dämlichkeit auf. Aber die Ahnung der Anarchokonservativen, dass es sich bei den Politikern in Washington um eine korrupte Bande handelt, ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Und auch hierin befindet das Tea Party Movement sich auf der richtigen Spur: Wenn der Staat seine Finger in die Wirtschaft steckt, und sei es mit edlen Absichten, so zeitigt dies oft eher unschöne Folgen.

Das Zweite, was man aus diesem Buch lernen kann, ist Folgendes: Der amerikanische Traum ist – wieder einmal – am Ende. Früher war der Inhalt dieses Traum, dass jeder Amerikaner seine eigene Farm besitzen soll, eine Vision, die in den Staubstürmen erstickte, mit denen in den Dreißigerjahren das fruchtbare Land aus Texas, Oklahoma und New Mexico fortgewirbelt wurde. Die Farmer, die damals ohne Land dastanden, mussten sich als Taglöhner verdingen. Später war der amerikanische Traum, dass jeder Amerikaner quasi das naturwüchsige Recht habe, ein Haus zu besitzen; und dieser Traum stirbt gerade den langsamen Tod der tausendfachen Liegenschaftspfändungen. Aber das bedeutet nicht, dass Amerika bald untergehen wird. Es bedeutet nur, dass der amerikanische Traum seine nächste Inkarnation noch nicht gefunden hat.

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Kategorie(n): Wirtschaft 

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