Dr. Alexander Gutzmer 06.05.2010 16:31 +Feedback
Fallende Helden
Was ist Geschichte? Klar, das, was wir in Schulbüchern lesen. Doch nach gängiger Meinung ist sie vor allem auch all jenes, was sich an symbolisch aufgeladenen Kernplätzen in Stadtzentren wiederfindet, auf Siegesplätzen oder Friedensalleen, unter den Berliner Linden oder am Ende des Londoner Wellington Arch. Da stehen dann leicht angegrünte, ernst blickende Heroen herum und erzählen von gloriosen Kämpfen, die gewonnen oder verloren wurden, damit eine Stadt oder ein Land werden konnte, was sie oder es ist.
Das ist natürlich ein höchst diffuser Prozess. Dieses Diffuse reflektiert eine aktuelle Serie Bilder des Künstlers Tony Conway (zu sehen in der Berliner Galerie Deschler). Conway hat Heroenstatuen aus europäischen Metropolen abfotografiert und diese Fotos als Vorlage für Grafitzeichungen auf Plexiglas verwendet. Dabei legt er immer verschiedene Schichten Glas übereinander. Der Effekt: angedeutet dreidimensional, aber auch sehr verschwommen und milchig. So milchig wie das Bild der Vergangenheit. Conway ist vor allem ein Geschichtsskeptiker. Gerade in Berlin, jener Stadt, die ständig an ihrem eigenen historischen Abziehbild arbeitet, tut diese Skepsis gut.
Conways Figuren scheinen zu stürzen. Sie sind Helden im Prozess des permanenten Fallens. Das ist so überzeugend wie aktuell. Permanent versuchen Politiker und andere Nutznießer klarer Symboliken, mit Eingriffen in den Stadtraum Versionen historischer Kontinuität zu produzieren. Permanent scheitern sie dabei. Und – vor allem: Permanent wird so die harmlose Materie vergewaltigt, werden arglose Reiterstatuen zu Projektionsflächen politischer Simplifizierung. Diese Simplifizierung scheint Conway zu kritisieren.
Doch Conways Bilder kritisieren nicht nur. Sie erzählen auch, wie die Materie aufbegehrt. Jede seiner Figuren scheint gegen die eigene Rolle zu kämpfen. Diesen Kampf kämpfen ebenso die real existierenden Statuen überall auf der Welt. Sie führen so auch ein Stück Melancholie in den polit-historischen Prozess ein – und in den touristengesättigten Stadtraum.
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Kategorie(n): Kultur


