Tobias Kaufmann 13.02.2007 15:52 +Feedback
Fakten und Fiktionen in Jerusalem
Die Baupläne für eine Brücke zum Tempelberg auszusetzen ist eine freundliche Geste von Jerusalems Bürgermeister Uri Lupolianski in einer multireligiösen Stadt. Das Genehmigungsverfahren wird nun verfeinert, aber die Fakten bleiben - genau wie der bitter ernste Konflikt, der hinter den muslimischen Protesten gegen das Projekt steht.
Jerusalems Stadtverwaltung ist für die Gläubigen der drei monotheistischen Religionen - Juden, Christen und Muslime - in der Altstadt verantwortlich. Sie kann es sich nicht leisten, dass Touristen von einer provisorischen Rampe fallen. Und wie in der westlichen Welt üblich, lässt sie Archäologen ein geschichtsträchtiges Gelände begutachten, bevor neue Brückenpfeiler gesetzt werden. Ein Problem wird aus dieser Selbstverständlichkeit nur, wenn man es unbedingt drauf anlegt.
Womit der Blick auf jene islamischen Offiziellen fällt, die nichts unversucht lassen, belastbare Hinweise auf die jüdische Geschichte des Areals zu vertuschen, auf dem die Al-Aksa-Moschee steht. Das ist der Hintergrund der Aufregung: Die Grabung kratzt nicht am Fundament des Gebäudes, das Dutzende Meter entfernt ist. Sie kratzt am muslimischen Exklusivanspruch auf Jerusalem. Verschwörungstheorien, „die Juden“ wollten die Moschee zerstören, machen unter Palästinensern und in islamistischen Kreisen ständig die Runde. Sie wurden auch am Freitag in den Moscheen verbreitet, bevor Krawalle ausbrachen. Es ist richtig, dass Jerusalem dieser Hasspropaganda nicht nachgibt und weiter ausgraben lässt.
Laut Statistik sind 97 Prozent der Besucher, die die bisherige Rampe nutzen, nicht-jüdische Touristen. Eine neue Brücke wäre also auch im Interesse der Kirchen, ebenso wie Exklusivansprüche auf das Areal christlichen Widerspruch erfordern. Aber die Kirchen halten sich raus. Das ist nicht tolerant. Es ist feige.
Kommentar im Kölner Stadt-Anzeiger, 13.02.06
Permanenter Link | Druckversion
Kategorie(n): Ausland

