Gastautor 21.11.2008 09:33 +Feedback
Eugen Sorg: Hurra-Journalismus
Wer die Berichterstattung über den US- Wahlkampf nüchtern mitverfolgte, wurde Zeuge eines erstaunlichen Vorgangs. Der Grossteil der Medien verschmolz zu einer Jubelgemeinde für Barack Obama. Solcherart Erscheinungen kennt man sonst nur noch aus innerasiatischen Ländern wie Usbekistan oder Turkmenistan, wo die Einheitsmeinung durch Schlägertrupps, Zensurbehörde und Kerker sichergestellt wird. In unseren Breitengraden vollzog sich die Transformation eines dem Geschäft der Aufklärung und Meinungsbildung verpflichteten Journalismus zum fahnenschwenkenden Fanclub freiwillig und freudig.
Ihre Klimax erreichte die Feier nach dem Wahlsieg. Als sei der Heiland persönlich angekommen, steigerte sich der Ton ins Kosmisch-Hymnische. «Ein Planet, ein Präsident», erbebte die sonst eher sachliche NZZ am Sonntag. Kurz und imperial wie ein Gottesbeschluss titelte der Spiegel: «Der Weltpräsident», darunter eine im Halbschatten schimmernde Profilaufnahme Obamas, der wie eine Mischung aus Gesalbtem und Feldherrn den Horizont ausspäht. «WAS ER WILL. WAS ER (NICHT) KANN», kündigte der Spiegel weiter an zu verraten, als sei er der erste Kammerdiener des «schwarzen Prinzen» und kenne dessen Pläne.
Tatsächlich weiss niemand, was der 47-jährige Präsidenten-Beau vorhat, noch weiss man, wer er ist. Auch nach zwei Jahren Wahlkampf bleibt seine Person ein Rätsel. Dies liegt am geschmeidigen, hyperintelligenten Obama selbst, dessen Selbstkontrolle jede Blösse, aber auch jeden Einblick in seinen Charakter verhinderte. Vor allem aber lag es an den Medien selbst, die nichts wissen wollten, was das Bild ihres Auserwählten hätte trüben können.
Die Aura der Kälte und Gespieltheit, die seine perfekten Auftritte umgab, deutete man als olympische Ruhe eines Mannes, der das «Potenzial zur Grösse» (Tages-Anzeiger) hat, wie man den etwas inhaltsfreien Wahlslogan «Yes, we can» als Hoffnungsprogramm beklatschte.
Der Politikwissenschaftler Fouad Ajami hat darauf hingewiesen, dass Obamas Massenveranstaltungen etwas Neues in der eher politikskeptischen amerikanischen Gesellschaft seien. Sie würden ihn an die tragische politische Kultur der arabischen Welt, seiner ursprünglichen Heimat, erinnern, an die Massen, die alle Hoffnungen in Erlöserfiguren wie Nasser setzten der ihnen verlorene Grösse und Glanz wiederbringen sollte , um enttäuscht zu werden und auf den nächsten Charismatiker zu warten. Die Obama-Medien wiederum konnten in den quasireligiösen Illusionsshows nichts Negatives entdecken. Im Gegenteil, sie schwärmten mit den Massen mit und bildeten ihr Idol in heroischer Leni-Riefenstahl-Ästhetik ab.
Vor wenigen Jahren hatte Obama völlig andere Positionen vertreten als im Wahlkampf. Welche Meinung zum Freihandelsabkommen, zu Schusswaffen, Abtreibung, Todesstrafe, Iran, Jerusalem, «Surge» etc. galt nun? Man überging solche Widersprüche und schrieb über den «wiegenden Gang des Basketballspielers». Sein Aufstieg in Chicagos Machtfilz, das ganze Beziehungsnetz dubioser, radikaler Kumpane, blieb unausgeleuchtet, und wenn es trotzdem Einzelne untersuchten, wie der Publizist Stanley Kurtz, wurden sie totgeschwiegen oder als «Schmierer» beschimpft.
Rev. Wright, geistlicher Berater der Obamas während zwanzig Jahren, Taufpate ihrer Kinder, Antisemit, Aids-Verschwörungstheoretiker, schwarzer Rassist? Dies sei nicht der Mann, so Obama, den er früher gekannt habe. Bill Ayers, früherer Bombenleger, der noch im Jahr 2001 in einem Interview sagte, er bereue nichts, Förderer, Freund und langjähriger beruflicher Kollege Obamas? Nur ein Typ, der in seiner Nachbarschaft wohne. Rashid Khalidi, Arafat-Vertrauter, Freund Obamas? Tony Rezko, verurteilt wegen Betrug und Korruption, Freund der Obamas, der diesen unter undurchsichtigen Konditionen ihr Haus vermittelt hat? Immer servierte Obama eine quicke Antwort.
Anfang Oktober vertrat der Publizist Jack Cashill im American Thinker die These, dass Obama seine hochgelobte, 1995 erschienene Autobiografie «Dreams of My Father», auf der seine kometenhafte Karriere gründet, nicht alleine geschrieben habe. Ghostwriter sei wohl Ayers gewesen. Der «Typ aus der Nachbarschaft» hatte ebenfalls seine Memoiren verfasst, «Fugitive Days», und Cashill hatte die Bücher verglichen und konnte auffallend viele stilistische, narrative, strukturelle etc. Übereinstimmungen nachweisen. Cashill war misstrauisch geworden, als er nach früheren Texten Obamas suchte und ausser einem juristischen Fallbericht nur noch zwei Gedichte auftreiben konnte, die der 21-Jährige in einer Studentenzeitung veröffentlicht hatte. Eines heisst «Underground», ein Kurzpoem, das von Affen handelt, die in einer Unterwassergrotte Feigen essen und zerstampfen und die Zähne blecken und tanzen. Wie ist es möglich, fragte Cashill, dass einer ein derart gutes Buch wie die «Dreams» sozusagen aus dem Nichts hervorzaubern kann? Die Obama-Medien haben sich dazu nicht geäussert.
Jahrelang hatten sie Amerika als gewalttätige Scheindemokratie beschimpft. Nach dem Sieg Obamas wurden aus den Hassern wieder Liebhaber. «Amerika hat sich wieder gefunden», «dass es immer wieder sein urdemokratisches Denken beweist» etc. Amerika hatte seinen «urdemokratischen» Charakter nie verloren. Nur dem Grosspulk des Journalismus ist er vorübergehend abhandengekommen.
Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 46/08
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Kategorie(n): Ausland


