Dr. Alexander Gutzmer 19.08.2011 10:15 +Feedback
Es gibt keine Schirrmacher-Debatte
Ich sag es ja nicht gerne, aber: Frank Schirrmacher hat recht. Er hat recht, wenn er konstatiert, jene Kreise, die er selber für konservativ hält, seien sich mit Menschen, die sich als links bezeichnen, im großen und ganzen einig. Nur: Das ist überhaupt nicht neu, weshalb es eigentlich auch keine Schirrmacher-Debatte gibt. Der (teils auch in Medien wie der FAZ verankerte) deutsche Konservatismus hatte mit (wirtschafts-)liberalem Denken nie viel gemein. Global agierende Banker waren deutschen Bürgern schon immer suspekt. Stattdessen glaubten sie an das Bild des „guten Unternehmers“, verkörpert von Leuten wie Wolfgang „Ichbinburladingen“ Grupp. In Deutschland konservativ sein heißt, sich eine vorglobalisierte Welt ohne dauernervöse und unverständliche Finanzmärkte herbeiwünschen. In diesem Sinne konservativ ist der klassische FAZ-Leser ebenso wie der Wähler der Partei namens „die Linke“. Was uns wieder zu einer Folgerung bringt, die eigentlich lange formuliert ist, die der politische Diskurs aber immer mal wieder vergisst: Die Aufteilung der politischen Welt in rechts und links funktioniert heute nicht mehr. Wir brauchen neue Koordinatensysteme.
Woher kommt aber die Sehnsucht, immer wieder die im Grunde obsoleten politischen Lager zu reanimieren? Wieso divergieren sich die unterschiedlichen Globalisierungsskeptiker immer wieder in links und rechts auseinander, wie gleich gepolte Magnete? Der Hauptgrund dürfte genau die gnadenlose Desorientierung sein, die von den Irritationen des Weltwirtschaftssystems momentan ausgeht. Jene macht es unmöglich, einen Feind zu definieren – auch wenn empörte Artikel über „Power-Banker“ oder ähnliches immer wieder in eine „Die Guten – die Bösen“-Logik zurückfallen wollen. Letztlich aber bleibt eine radikale Haltlosigkeit. In dieser Lage sucht oder bastelt man sich gern einen Feind, den man versteht. Ergo: Du rechts, ich links.
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Kategorie(n): Inland Kultur Wirtschaft


