Tobias Kaufmann 09.01.2007 10:39 +Feedback
Es gibt kein Gut, es gibt kein Böse
Europa kann sich noch entrüsten. Der Kontinent, dem von christlichen und islamischen Fundamentalisten gern säkular-emotionsloses Dahindämmern vorgeworfen wird, ist doch zu echter Empörung fähig. Der Gegenstand der einhelligen Abscheu dieser Tage ist allerdings fragwürdig. Ausgerechnet die Hinrichtung eines Ex-Diktators und Massenmörders erzürnt Europa. Weil Saddam Hussein in seinen letzten Minuten beschimpft wurde und jemand seine Handykamera mitlaufen ließ, wird hierzulande irakische „Barbarei“ gegeißelt. Die Leserbriefspalten quellen über vor Wut, weil Medien Bilder Saddams vor der Hinrichtung zeigten. In Europa, so die Botschaft, werden solche barbarischen Dinge erstens nicht getan und zweitens nicht gezeigt.
Aber seien wir fair: Der einzige Saddam-ähnliche Präzedenzfall in Europa seit den Nazis war Nicolae Ceausescu. Der Tyrann wurde in Rumänien, seit kurzem EU-Mitglied, nach einem Schnellprozess erschossen. Es ist zudem noch nicht einmal 30 Jahre her, dass in Frankreich ein Krimineller unter der Guillotine endete - und damals war das Land bereits eine etablierte Republik, im Gegensatz zu der schwächlichen, ums Überleben kämpfenden Demokratie des Irak. Und schließlich: Öffentlichkeit gehört zu einer Hinrichtung im Rechtsstaat dazu. Das zweifelsohne unwürdige Spektakel, das auf dem Handy-Video zu sehen ist, verwandelt Saddam noch lange nicht in ein „Opfer“ wie die „Times“ schrieb. Es beweist höchstens, dass eine „menschenwürdige“ Exekution unmöglich ist.
Trotzdem: Es besteht ein Unterschied zwischen dieser Tat und einer Diktatur, die ihre Bürger willkürlich foltern, ermorden und in Einzelteilen an ihre Familien schicken lässt, wie es im Irak des Saddam Hussein üblich war. Juristisch und moralisch. Diese Erkenntnis kommt in der europäischen Empörung zu kurz. Unsere Öffentlichkeit blickt auf die Welt gern mit einer Vorstellung von Menschlichkeit, die einerseits naiv, andererseits erbarmungslos ist. Mohammed-Karikaturen, Guantánamo, Terror, Luftangriffe, Totenschädelspielchen in Afghanistan, Siedlungen im Westjordanland und das Hängen Saddams - alles dasselbe, alles irgendwie „Gewalt“. Die Pädagogin Katharina Rutschky nennt das „fundamentalistischen Humanismus“. Über den Libanon-krieg im Sommer 2006 schrieb sie: „Die Botschaft der Medien, in Worten oder effektiver noch in Bildern vermittelt, ist immer dieselbe. Gewalt ist böse, militärische schon gar keine Lösung, sondern das zu beseitigende Problem.“
Das „alte Europa“ hat seine Feinde abgeschafft, indem es die Kategorie „Feind“ ausblendet. Damit blendet es aber auch die Erkenntnis aus, dass man jemanden erst einmal als Feind anerkennen muss, bevor man mit ihm Frieden schließen kann. Wir aber gießen lieber eine Friedensharmoniesoße über den Planeten, auch wenn darin unverzichtbare moralische Kategorien wie Richtig und Falsch, Gut und Böse, Wahrheit und Lüge um des lieben Friedens willen regelrecht ertränkt werden. „Es gibt kein Gut, es gibt kein Böse. Es gibt kein Schwarz, es gibt kein Weiß“, singt Herbert Grönemeyer in seinem Lied „Kinder an die Macht“. Das passt zu Europas Feindverzicht, denn die Idee ist schön und infantil zugleich.
Wer darauf hinweist, dass etwa die gewaltsamen Ausschreitungen in den französischen Vorstädten mitnichten pauschal von „den Armen“ ausgehen, sondern von einem klar umrissenen Milieu junger, männlicher Muslime, die aus bildungsfernen Einwandererfamilien stammen, gilt schnell als Rassist. Dabei liegt der wirkliche Rassismus darin, Menschen allein aufgrund ihrer Herkunft die Fähigkeit zum gesellschaftlichen Aufstieg abzusprechen, ganz zu schweigen von der Fähigkeit, an einem zivilisierten Diskurs über soziale Probleme teilzunehmen - oder gar im Nahen Osten eine Demokratie zu gründen, die zu einem gerechten Urteil über einen Ex-Diktator fähig wäre. Wer in Europa heute von Gut und Böse spricht, wird als alttestamentarischer Eiferer abgetan, als Vertreter grober Bush’scher Trottelei.
Als ob die Harmoniesoße feiner wäre, nach der wir alle doch „nur Menschen“ sind, „die platt gesagt, in Frieden frühstücken wollen“, wie Rutschky es ausdrückt. Das Mantra dieser Ideologie lautet: Keine Gewalt! Diese Konsequenz hat vor allem der deutsche Mainstream aus Nazidiktatur und Zweitem Weltkrieg gezogen. Dabei hat sich das ursprüngliche „Nie wieder Krieg von deutschem Boden“ mit dem gewachsenen deutschen Selbstbewusstsein in ein allgemein-menschliches „Kein Krieg, nirgends“ fortbewegt. Und damit wird es nicht nur weltfremd, sondern auch unmoralisch, gerade wegen seines absoluten Moralanspruchs. Das Hitler-Regime wurde mit Gewalt beseitigt, mit brutaler Gewalt sogar. Wer daraus die Parole „Nie wieder Krieg“ ableitet, muss sich zumindest den Vorwurf gefallen lassen, denkfaul zu sein. Schlimmstenfalls wird dadurch nivelliert, wer auf der richtigen Seite stand, und warum. Aber genau darauf kommt es bei einem Krieg immer noch an. Ohne den von der Staatengemeinschaft einträchtig getragenen Golfkrieg gegen das Saddam-Regime 1991 wäre Kuwait heute die 19. Provinz des Irak - in Deutschland wurde diese Erkenntnis mit „Kein Blut für Öl“ verleumdet. Die Katastrophe dieses Krieges war aber nicht, dass er begonnen wurde, sondern dass man ihn beendete, bevor Saddam gestürzt war.
Zu freien Gesellschaften gehört die persönliche Wahl zwischen Gut und Böse, Freund und Feind. Die Indifferenz in dieser Frage, schreibt Hannah Arendt, „stellt moralisch und politisch gesprochen die größte Gefahr dar, auch wenn sie weit verbreitet ist“. Das gilt auch für die Politik. Wenn die Hisbollah-Miliz israelische Soldaten auf israelischem Boden tötet und entführt, so ist dies ein Terrorakt. Von der EU wird so etwas als Konflikt umgedeutet, der beiderseits politisch zu lösen sei. Damit wird der Normenrahmen von Recht und Unrecht gesprengt.
Dass Europa lauthals gegen die Todesstrafe auftritt, ist richtig. Aber die Hinrichtung Saddams ist der falsche Anlass, wenn zeitgleich im Iran Minderjährige gesteinigt werden. Wenn Europa sich auf seine Werte besönne und für diese weltweit glaubwürdig einträte - das wäre ein Gewinn. Dazu trägt aber weder die Besinnung auf das Menschlich-Allzumenschliche bei noch das bequeme Feindbild von den USA und ihren Vasallen, die unsere weltumspannende Eintracht mit Rachsucht und Gewalt gefährden. Zu dieser Form von Moral gehören weder Mut noch Intelligenz.
Kölner Stadt-Anzeiger, 9.1.07

