Silvia Meixner 01.12.2011 01:12 +Feedback
Es geht auch ohne
Wenn es um Facebook geht, mutiere ich im Freundeskreis gelegentlich zum Unikum. Ich bin Mitglied, es kann aber durchaus sein, dass ich mal fünf Tage lang vergesse, die Magenschmerzen meines Wellensittichs, die Fotos meines Frühstücks (vorher/nachher) oder den Quatsch, der sonst so durch mein Hirn geistert, zu posten. Dann bekomme ich Mails, die aus meiner Sicht eines Konzerns, der an die Börse gehen will, nicht würdig sind: „Deine Freunde vermissen dich“ winselt mir Facebook via Privat-Mailaccount zu. Komisch, wenn meine Freunde mich vermissen, können Sie mich anrufen oder mir eine Mail schicken.
Manchmal trudeln auch Mails mit „wertvollen Informationen“ über irgendeinen Informationsfluss auf Facebook, den ich – aus Unternehmenssicht – gerade verpasse, ein. Parallel zur Häufigkeit der Berichterstattung zum angeblichen Erfolgsunternehmen mehren sich die Jammer-Mails, sodass sich eine Frage aufdrängt: Gibt es etwa weitere Menschen, die nicht nonstop die Facebook-Absonderungen ihrer 722 „Freunde“ verfolgen? Da ich davon ausgehe, dass ich für den Konzern nicht wirklich wichtig sein kann, frage ich mich: Springt dem blauen Unternehmen die Kundschaft ab? Gibt es möglicherweise immer mehr Menschen, die angesichts des Facebook-Umgangs mit Datensicherheit vorsichtig geworden sind?
Ich finde Facebook in Maßen interessant und praktisch, würde aber keinen Herzinfarkt erleiden, wenn ich vier Wochen lang „ohne“ sein müsste. Ich wundere mich auch seit Jahren über Menschen, die ständig jammern, wie wenig Zeit sie hätten – es sind zu 88 Prozent jene, die pausenlos posten, wo sie gerade sind, wen sie getroffen haben oder was sie über Belangloses denken. Für mich ist Facebook die kostenlose Möglichkeit, den Geisteszustand meiner 400 „Freunde“ einzuordnen. Fazit: Wenn der Server von Facebook abstürzte, müsste niemand traurig sein. Binnen drei Tagen wären die Banalitäten des Alltags millionenfach, Rechtschreibfehler inklusive, wieder im Netz. Neu und alt zugleich. Neulich habe ich gelesen, dass junge Menschen immer öfters mal probeweise ohne Smartphone aus dem Haus gehen. Sie wollen einfach mal ihre Ruhe haben.
Ich genieße die Momente, in denen ich von meinen aufdringlichen Facebook-Mails erzählen darf. Die meisten User glauben das erst nicht. Ich kann es beweisen, ich habe dutzende „Deine Freunde vermissen dich“ – Appelle. Das hier habe ich gerade im Netz gefunden – schön aufpassen! Ich poste es am besten gleich mal. http://www.zeit.de/digital/datenschutz/2011-11/carrier-iq-smartphones
Silvia Meixner ist Journalistin und Herausgeberin von http://www.good-stories.de
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Kategorie(n): Bunte Welt


