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  03.02.2009   21:36   +Feedback

Eklat und Chance im Vatikan

Wer alles reglementieren will, wird sich früher oder später zu Angelegenheiten äußern, von denen er nichts versteht, und die ihn auch nichts angehen. So geben nicht wenige der theologisch verklausulierten Entscheidungsprozesse, deren Ergebnisse der Papst regelmäßig in Umlauf bringt, der säkularen Öffentlichkeit im besten Fall noch Rätsel auf. Zum Schaden der Kirche und des Glaubens.

Eine der wichtigsten Erkenntnisse der selbstverwalteten Gesellschaft sollte sein, dass die Kirche, auch die katholische, keine Tagesbefehle auszugeben hat, aber umso mehr an Empfehlungen beisteuern kann. Dass sie etwa eine andere Vorstellung von der Lebensbegründung vorträgt als die aktuelle Gesellschafts-Mehrheit der Bürger, muss sie mit dieser Mehrheit nicht automatisch in Konflikt bringen. Sie hat schließlich die Möglichkeit in die allgemeine Meinungsbildung im eigenen Interesse argumentativ einzugreifen. In welcher Diskussion ließe sich etwa nicht behaupten, dass die Erde eine Scheibe sei?

An der Mitsprache hindert nicht die Gesellschaft die Kirche, sondern deren eigenes Machtbewusstsein, und die sich daraus ergebende Neigung zur schroffen Einmischung in die öffentlichen Belange. Eine Kirche, die größte der Welt, die nicht einmal mit den vorsichtigen Ergebnissen eines Zweiten Vatikanischen Konzils überzeugend umzugehen weiß, ist aber weit davon entfernt, eine wirklich bedeutsame Rolle in der heutigen Gesellschaft spielen zu können, ohne den Verdacht der Nötigung zu erwecken.

Die öffentlichen Auftritte ihrer Hierarchen reduzieren sich zunehmend auf Skandale und skandalöse Äußerungen, wobei sich Nazivergleich und Nazivokabular durchaus die Waage halten. Manches davon mag provokativ gemeint sein, aber selbst die Erlebnisgesellschaft goutiert nicht jedes Skandalon, und schon gar nicht, wenn es von einem Amtsträger der Kirche kommt, der sonst kaum als Witzbold aufgefallen ist. Gott jedenfalls hat anlässlich der Schöpfung mehr Sinn für Humor bewiesen als seine späten Pressesprecher im Ornat.

Wenn der Vatikan das Gottesbild hütet, so heißt das noch lange nicht, dass der Papst zur Kontrolle der Welt abkommandiert ist. Seine Aufgabe ist nicht, das Menschenbild zu befehlen, sondern den Vergleich zwischen Gottesbild und Menschenbild, Ikone und Image, laufend zu überprüfen. Das verlangt gelegentlich auch die Korrektur einer Schrift, zumindest ihre zeitgemäße Auslegung. Die Kopisten mögen den Schleier von den eigenen Herzen nehmen, bevor sie ihn in einer Fürbitte für andere unterbringen. Der Antisemitismus, der in der Floskel verharrt, ist Teil der Geschichte des Christentums, zu seiner Historisierung gehört, dass ihm der Zugriff auf die Gegenwart verwehrt bleibt. Was wir uns selbst zur Bedingung machen, dürfen wir auch von einer christlichen Kirche erwarten, zumal das Messbuch bei weitem nicht alles ist, was sie zu bieten hat.

Bei Richard Williamson handelt es sich nicht um eine konservative Positionierung in Kirchenangelegenheiten, sondern um rechtsextremistische Propaganda. Wer sich auf den Leuchter-Report beruft und auch die von der zaristischen Geheimpolizei fabrizierten „Protokolle der Weisen von Zion“ für zitierfähig hält, kann nicht im Namen der Kirche in Erscheinung treten. Williamson macht den Ahmadinedschad. Den benötigen wir aber nicht einmal im Wachsfigurenkabinett. Und im Doppelpack schon gar nicht.

Die Chance, die der Skandal dem Vatikan bietet, ist, sich von diesen Leuten aus der Piusbruderschaft, die durch ihre Äußerungen im Übrigen die Schöpfung mit Füßen treten, endgültig zu trennen, und die innerkirchliche Diskussion über notwendige Reformen endlich zuzulassen. Die Wahrheit mag im Gottesauge Platz finden, sie spiegelt sich aber nicht nur in der Form, sondern auch in den Prinzipien. Das sollte den Rowdys unter den Piusbrüdern zu denken geben, aber auch den alten Männern in Rom.

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Kategorie(n): Kultur 

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