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  19.01.2012   05:48   +Feedback

Eine Seefahrt, die ist lustig…

…und zwar genauso lange, bis es ernst wird. Dann sind gute Nerven gefragt. Leider haben die meisten Menschen keine guten Nerven, wie und woher auch, das Leben ist anstrengend. Deshalb wird es auch immer Unglücke wie in Italien geben. Den Kapitän würde ich samt seinem Handy in einem Rettungsboot 100 Kilometer vor der Küste aussetzen. Ein echter Seebär überlebt das. Und falls nicht, sagen wir einfach: „Irgendwas ist schiefgelaufen“ – mit diesem Satz nämlich rechtfertigt sich der sogenannte Kapitän der „Costa Concordia“, der angeblich irrtümlich in eines der ersten Rettungsboote „gefallen“ ist, weshalb er seinen Auftrag, im Notfall als Letzter von Bord zu gehen, leider nicht ausführen konnte.

Eine Seefahrt ist lustig, aber eben auch grundsätzlich gefährlich. Bunte Prospekte und fröhliche Bücher täuschen darüber hinweg, dass ein Schiff, so lange in den Weltmeeren keine Schienen verlegt werden, naturgemäß eben auch untergehen kann und so hat sich die einst exklusive Beförderungsmöglichkeit in den letzten Jahren zur Boombranche entwickelt. Es gibt auch tatsächlich sagenhaft tolle Schiffe. Ich war zum Beispiel einmal auf einem Disney-Schiff, auf dem man selbst am liebsten umgehend zur Comicfigur mutiert wäre.  Die Restaurants sind voller Comiczeichnungen, überall kann man kleine Disney-Filme gucken, in einer Etage wurden die Decken niedriger gezogen, damit kleine Passagiere – die Kundschaft von morgen - sich nicht verloren vorkommen. Auf diese Idee muss man erst mal kommen und natürlich kommt sie aus den USA.

An Bord gibt es „Spielzeug-Labs“, in denen man stundenlang in Spielen aller Art versinken kann, so lange man (leider) eine bestimmte Altersgrenze unterschreitet. Der Servicegedanke auf Kreuzfahrtschiffen ist, sogar wenn sie von Deutschen betrieben werden, unglaublich ausgeprägt. Es gibt Schiffe mit Wildwasserrutschen, Spielcasinos, Glasblasstudios, man kann Golf spielen, Yoga-, Garten- oder Weinkurse machen, Wassergymnastik betreiben, dem mitreisenden Schiffspfarrer, sein Herz ausschütten, als Single bei bestimmten Veranstaltungen andere einsame Herzen treffen – es gibt fast nichts, das es nicht gibt. Die Kreuzfahrtschiffe haben sich zu schwimmenden Volkshochschulen entwickelt, geboten werden Vorträge zu nahezu jedem Thema. Als ich mich einmal auf hoher See auf einer Karnevalsparty, kombiniert mit einer Äquatortaufe, befand, habe ich mich nüchtern, sehr nüchtern, gefragt, wie viel Kulturgut wohl verlorenginge, wenn der Dampfer mitsamt seinen betrunkenen Passagieren einfach – schwupps!- unterginge. Die Antwort: Der Rest der Welt hätte absolut nichts vermisst.

Zu all den bunten Programmen gibt’s Essen (die Küchenchefs sind traditionell entweder aus Deutschland, Ö;sterreich oder der Schweiz) und Trinken bis zum Umfallen und Vorträge über Vorträge über alles und nichts. Wenn ich Umfallen schreibe, meine ich das auch so, auf einer Atlantiküberquerung fiel neben mir ein Mann vom Barhocker. Auf diese Weise lernte ich a), dass nicht alle Männer, die vom Barhocker fallen, betrunken sind und b) das Schiffs-Hospital kennen, ein Ort, an dem man das Beten lernt, für sich und alle anderen, die mitfahren. Für kleine Verletzungen sind diese Stationen gut ausgerüstet, etwas Schlimmeres hingegen sollte man sich für die Zeit der Landausflüge aufheben, wenn irgendwo ein halbwegs vernünftiges Krankenhaus erreichbar ist. Zuerst bestand Verdacht auf Schlaganfall, ich tröstete die völlig verzweifelte Ehefrau, zum Glück stellte sich dann heraus, dass der Patient „nur“ seekrank gewesen war. Auch nicht schön, aber nicht so gefährlich und vor allem an Bord heilbar.

Für Prominente aller Art hat sich die Kreuzfahrtindustrie in den vergangenen Jahren zum Paralleluniversum und verlässlichen Auffangbecken entwickelt, denn die Reisenden wollen unterhalten werden und jedes Schiff hat seine eigenen Shows und konkurriert um A- bis Y-Prominenz. Während man in Ferienclubs als zahlender Gast noch selbst im Baströckchen über die Bühne hüpfen und sich für seine Sangeskünste belächeln lassen muss, übernimmt das auf hoher See freundlicherweise mal besser, mal schlechter ausgebildetes Personal. Die Mittelschicht wurde eingeschifft, einer der eindrücklichsten Beweise ist das Buch des leider verstorbenen Autors David Foster Wallace: „Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich.“ Nach der Lektüre sollte man meinen, dass die Kundschaft lieber einen Wander- oder Strandurlaub buchen würde, aber ich glaube, die Zielgruppe ignoriert das Buch einfach hartnäckig und tut es als literarischen Firlefanz ab.

Natürlich mutiert niemand beim Betreten eines Schiffes vom Sofaschlunz zur Sportskanone, also kommen auch die Probleme mit und die heißen häufig Langeweile und Ideenlosigkeit und, nicht zu unterschätzen, Partnerschafts- und Alkoholprobleme. Die Kreuzfahrtbranche hat dieses Problem erkannt und bietet Unterhaltung – oder was sie darunter versteht – bis zum Umfallen. Denn nicht jede kaputte Ehe wird automatisch mittels schöner Sonnenuntergänge geheilt und in die Flitterwochen zurückkatapultiert. Auf einer Kreuzfahrt auf Galapagos erzählte mir ein Tourismusexperte, dass ein streitendes Ehepaar morgens das Schiff betrat und abends hatte die liebe Gattin bereits Ersatz für ihren tablettensüchtigen Gatten gefunden. Der nahm aus Verzweiflung flugs eine Überdosis und versuchte, sich von Bord zu stürzen. Er überlebte schwer verletzt, wurde an Land gebracht – die Gattin winkte zum Abschied freundlich und setzte frisch verliebt ihren Urlaub fort. Der Ehemann indes blieb monatelang auf Galapagos, weil es dort so schön ist. Als ihm die Medikamente, die er dringend brauchte, ausgingen, versetzte er einige Hoteliers und deren Gäste mit Ausfällen aller Art in Angst und Schrecken, irgendwann stieg er auf Drogen um, die es bei aller Romantik in Hafenstädten stets in rauen Mengen gibt und ward irgendwann nicht mehr gesehen.

Und morgen ist ein neuer Tag. Ich weiß nicht, was Mitarbeiter solcher Narrenschiffe einwerfen, um die oftmals überaus anstrengende Klientel auszuhalten, vielleicht gibt es geheime Arzneien, von denen der Rest der Menschheit nichts ahnt. Es muss so sein, denn Kreuzfahrtschiffmitarbeiter sind pausenlos überaus hilfsbereit, kommunikativ und sie lächeln immer. Wirklich, immer. Ich habe mal erlebt, dass ein 75Jähriger an der Rezeption stand und fast weinte, weil man es mit ihm als Dauergast gut gemeint und seine Wäsche gewaschen hatte. Leider war sein Teddybär in die Wäsche geraten und verschwunden. Zudem hatte sich der Passagier kurz vorher mit seinem Kabinennachbarn geprügelt. Der wollte nun, verständlich, eine andere Kabine, aber das Schiff war ausgebucht. Ich weiß nicht mehr, was ich an der Rezeption wollte, aber ich habe meinen vergleichsweise überflüssigen Wunsch unverzüglich gecancelt und bin an die frische Luft gegangen.

Es gibt auf den meisten Kreuzfahrtschiffen sogar Bibliotheken, aber die sind so gut wie immer seltsam leer. Warum sollten Menschen, wenn sie schon zu Hause vermutlich wenig lesen, es ausgerechnet auf hoher See machen. Wo man doch gleichzeitig ans Buffet oder ins Spa gehen kann. Wer Shuffle oder Bingo (sehr beliebt!) spielt, kommt sich vor wie seine eigene Urgroßmutter. Eigentlich fehlen nur noch ein Pornoschiff, auf dem man seine eigenen Filmchen drehen kann und ein Kutter für Rosenzüchter.

Seit einer dienstlichen Kreuzfahrt über die Großen Seen in Kanada vor 14 Jahren bin ich infiziert. Ich hätte das niemals für möglich gehalten, aber ich nutze, obwohl ich noch deutlich über 85 bin, jede Gelegenheit, eine Kreuzfahrt zu machen. Denn es hat etwas Faszinierendes. Die ganze Welt legt sich 1:1 in Miniaturform zu Deinen Füßen. Alles Gute und Böse, das wir an Land lieben oder hassen, schippert mit. Es gibt nette Mitreisende und weniger nette, bescheidene und aufgeblasene, Angeber und Idioten, Nichtstuer und Alleskönner und dass auf Schiffen verhältnismäßig wenig Morde begangen werden, halte ich für ein reines Wunder. Der Tod, er fährt immer mit, es gibt eine Webseite, die alle Menschen auflistet, die mehr oder weniger freiwillig über Bord gegangen sind. Der Link findet sich naturgemäß in keinem Katalog. Und auch sonst werden Gefahren am liebsten ignoriert.

Auf einer Atlantiküberfahrt saß ich eines Abends an Deck, die Hälfte der anderen Gäste saß zu Tisch – auf manchen Schiffen wird immer noch in zwei Gruppen gegessen, die erste um 18 Uhr in Krankenhausmanier, die zweite um 20 Uhr. Ich trank einen Campari-Soda, übte mich im Aufs-Meer-Schauen und fand die Welt schön. Bis mein Blick auf einem der zwei Schornsteine fiel – aus einem schlug Feuer. Mein erster Gedanke war: Reisepass, Kreditkarte, Computer und Schmuck holen, Rettungsweste anlegen und in Richtung der Rettungsboote eilen (wir hatten eine Notfallübung durchgeführt). Mein zweiter Gedanke war: Sitzenbleiben, Drink genießen – es gibt schlimmere Weisen, sein Leben zu beenden.

In viereinhalb Tagen Atlantiküberquerung hatten wir nämlich, in weiter Ferne, nur ein Schiff gesehen. Die Wahrscheinlichkeit, dass uns schnell jemand retten würde, schätzte ich deshalb als eher gering ein und stellte mich auf meinen Tod auf hoher See ein. Am Nachmittag hatte ich nämlich ein Interview mit dem Kapitän gemacht, der mir erzählt hatte, dass man als Crewmitglied nur eines fürchte: Nein, nicht das Wasser – das Feuer.

Ich informierte also einen Steward, der mir mitteilte, man hätte das Feuer auch schon bemerkt und alles im Griff. Aha. Das sah zwar nicht so aus, aber zum Glück befanden sich nur eine Handvoll Passagiere an Deck, die anderen speisten oder machten sich die Haare oder sonstwas, sodass Panik ausblieb. Meine Begleitung und ich waren also die happy few, die das immer größer werdende Feuer betrachten konnten. Irgendwann war der Brand gelöscht. Informationen gab es keine, als ich nachfragte, teilte man mir genervt mit, dass nichts, aber auch gar nichts vorgefallen war. Als hätte ich Halluzinationen gehabt, aber ich hatte ja Zeugen. Als wir im Hafen von New York ankamen, stellte ich fest, dass ich in einer Nussschale über den Atlantik geschippert war – die anderen Schiffe waren um das mindestens Vierfache größer, in einige hätte unser Schiff zehn Mal hineingepasst. Ich schlief vor Erleichterung und Lebensfreude eine Nacht unter dem Sternenhimmel an Deck- das ist strengstrengganzstreng verboten, wies mich eine deutsche Mitreisende zurecht – und nahm für die Rückreise das Flugzeug. Auch gefährlich. Reisen ist eben gefährlich. Zu Hause bleiben auch.

Silvia Meixner ist Journalistin und Herausgeberin von http://www.good-stories.de

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Kategorie(n): Bunte Welt 

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