27.08.2012   03:52   +Feedback

Eine Euro-Abwertung ist keine Lösung

Nach drei Jahren Eurokrise und trotz zahlreicher Gipfel, diverser Rettungsprogramme mit immer neuen Namenskürzeln und unzähliger feierlicher Versprechen, Europas gemeinsame Währung zu erhalten, sind wir heute einer Lösung nicht näher als am Anfang. Es besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass die Euro-Turbulenzen ebenso wie die Armut im Afrika südlich der Sahara, die Gewalt im Nahen Osten und Nordkoreas Atomprogramm zu einem normalen Bestandteil der Welt werden, in der wir leben: unerfreulich, gefährlich und dennoch anscheinend nicht zu ändern.

Wie erfrischend ist es dann zu hören, dass immer noch neue Ideen zur Bewältigung der europäischen Krise auftauchen - selbst wenn sie recht verrückt klingen. Letztes Wochenende stellte eine Gruppe prominenter Wirtschaftswissenschaftler eine Wunderkur für die kränkelnde Währung vor: Abwertung. Die dürfte zwar schon irgendeine Wirkung haben, doch leider würde die empfohlene Therapie die Euro-Krise nicht beenden, sondern sie sogar noch verschlimmern.

Die Welt am Sonntag zitierte den Oxforder Wirtschaftsprofessor Clemens Fuest, den niederländischen Ökonomen Paul de Grauwe und den Chefvolkswirt der Berenberg-Bank Holger Schmieding, die eine deutliche Abwertung des Euro gegenüber anderen bedeutenden Währungen der Welt fordern. Dadurch, so die drei Ökonomen, könnten die in Schwierigkeiten geratenen Volkswirtschaften der Peripherieländer ihre Wettbewerbsfähigkeit zurückgewinnen. Wirtschaftsreformen allein würden nach ihrer Auffassung bei Ländern wie Italien und Spanien nicht zum Ziel führen.

Regelmäßige Leser dieser Kolumne wissen, dass ich schon oft ähnlich argumentiert habe. Es ist nur zu offensichtlich, dass Wirtschaftsreformen und Sparprogramme allein bei Griechenland, Portugal oder Spanien keine Wirkung zeigten. Die Kombination aus geringer Produktivität und hohen Lohnstückkosten, vor allem im Vergleich zu den stärkeren Euro-Kernländern, haben einen exportgetragenen Aufschwung und eine Rekalibrierung von Handels- und Zahlungsbilanzen verhindert. Aus diesem Grund ist eine Abwertung genau das, was die europäischen Peripherieländer in Verbindung mit Ausgabendisziplin und Reformen brauchen.

Warum bin ich dann davon überzeugt, dass Fuest, de Grauwe und Schmieding völlig falsch liegen? Weil es grundsätzlich ein gewaltiger Unterschied ist, einzelne Krisenländer zu einer Abwertung ihrer eigenen Währungen zu veranlassen (das heißt nach ihrem Austritt aus der Eurozone), oder eine pauschale Abwertung für alle Mitglieder der Eurozone vorzunehmen. Es ist verblüffend, wie so hervorragende Ökonomen dieses wichtige und dennoch fundamentale Detail übersehen können.

Das erste Problem mit einer Abwertung des Euro besteht darin, dass sie der Eurozone insgesamt nicht unbedingt helfen würde. Um das zu verstehen, muss man sich die Struktur der Importe in die Eurozone ansehen. Letztes Jahr machten Kraftstoffe 28,9 Prozent der Importe in die EU aus. Die Eurozone ist energiearm und damit stark von Öl- und Gasimporten abhängig. Daher würde das Mehr an Wettbewerbsfähigkeit durch die mit der Abwertung steigenden Energiekosten zum Teil wieder zunichte gemacht werden, vor allem im Fertigungssektor.

Das zweite Problem mit einer Abwertung in der Eurozone ist sogar noch gravierender. Die Schwierigkeiten der Gemeinschaftswährung haben nichts mit ihrem externen Wert zu tun. Es sind die internen Unterschiede zwischen den Euro-Staaten, die den größten Schaden anrichten. Eine Abwertung würde jedoch nur die Handelsverbindungen des Euroraums mit der übrigen Welt betreffen, während das Kostengefälle etwa zwischen Deutschland und Griechenland unverändert bestehen bliebe. Die Handelsbeziehungen des Euroraums mit der übrigen Welt sind allerdings definitiv nicht das Problem.

Nach den neuesten Daten von Eurostat, dem Statistischen Amt der EU, verzeichnen die 17 Mitglieder der Eurozone einen steigenden Handelsbilanzüberschuss mit der übrigen Welt. Der saisonbereinigte Handelsbilanzüberschuss stieg von 2 Mrd. EUR im Februar auf 10,5 Mrd. EUR im Juni. Angesichts dieser Zahlen sind Aussagen, die Eurozone insgesamt habe ein Wettbewerbsproblem, kaum zu begründen. Wenn überhaupt, dann ist sie zu wettbewerbsfähig.

Die Probleme der Eurozone bestehen nicht auf der Gemeinschaftsebene, sondern auf der Ebene einzelner Mitglieder. Bei näherer Betrachtung wird deutlich, dass die hohe Exportleistung der Eurozone fast vollständig einem einzigen Mitglied zu verdanken ist - Deutschland. Nach Schätzungen des Wirtschaftsforschungsinstituts Ifo wird Deutschlands Handelsbilanzüberschuss in diesem Jahr 210 Mrd. USD betragen - und damit Chinas Überschuss von 203 Mrd. USD noch übertreffen. Deutschland verzeichnet Handelsbilanzüberschüsse sowohl mit den anderen Mitgliedern der Eurozone als auch mit der übrigen Welt.

Eine Abwertung des Euro würde die Stärke der deutschen Exportdampfwalze nur erhöhen. Gegenwärtig gehen nur 38 Prozent der deutschen Exporte in andere Länder der Eurozone. Die Abwertung würde diesen Handel innerhalb der Eurozone nicht berühren, aber den gewaltigen Handelsbilanzüberschuss Deutschland mit der übrigen Welt noch weiter aufblähen. Ist es das, was den drei Wirtschaftswissenschaftlern vorschwebt, die für eine Abwertung plädieren? Wahrscheinlich nicht, denn solche Handelsungleichgewichte gelten inzwischen als einer der Hauptfaktoren der weltweiten finanziellen Instabilität. Wenn überhaupt, dann braucht Deutschland eine stärkere Währung, keine schwächere.

Das sieht für andere Länder in der Eurozone anders aus. So gehen etwa mehr als die Hälfte der spanischen Exporte in andere Länder der Eurozone und rund zwei Drittel an andere EU-Mitglieder. Eine Euro-Abwertung hätte also eine eher geringe Wirkung auf die spanische Wirtschaft, obwohl sie zumindest Spaniens hohes Handelsdefizit gegenüber der übrigen Welt verringern würde.

Eine Korrektur der spanischen Wirtschaftsschwäche gegenüber Deutschland wäre mit einer Euro-Abwertung jedoch nicht möglich. Sie könnte spanische Unternehmen im Verhältnis zu ihren deutschen Konkurrenten nicht wettbewerbsfähiger machen. Sie würde weder die Produktivität erhöhen noch die relativen Lohnkosten innerhalb der Eurozone senken. Genau dieses Element in den externen Wirtschaftsbeziehungen Spaniens muss jedoch am dringendsten verbessert werden.

Um es klar zu sagen: eine Abwertung wäre für die ins Trudeln geratene europäische Peripherie unbedingt sinnvoll. Sie kann jedoch nur Erfolg haben, wenn diese Länder allein abwerten, nicht gemeinsam mit Deutschland und dem produktiveren Euro-Kern. Entweder trennt sich also Deutschland von der Eurozone und veranlasst eine Aufwertung einer neuen Deutschen Mark oder die Krisenländer kehren zu Peseta, Lira und Drachme zurück und werten diese gegenüber dem US-Dollar, dem Pfund Sterling und natürlich dem Euro selbst ab.

So verständlich mir der Wunsch der geschätzten Kollegen nach einem schnellen Ende der Eurokrise ist, auch wenn er bizarre Vorschläge wie den einer Euro-Abwertung hervorbringt: Nicht jede Medizin ist wirksam und nicht jedes Heilmittel ist besser als die Krankheit.

Wahrscheinlich wird uns die Euro-Krise durchaus noch einige weitere Jahre erhalten bleiben. Denken Sie nur an Nordkoreas Atomprogramm.

Dr. Oliver Marc Hartwich ist Executive Director der The New Zealand Initiative.

‘A devalued euro will solve nothing’ erschien zuerst in Business Spectator (Melbourne), 23. August 2012. Aus dem Englischen von Cornelia Kähler (Fachübersetzungen - Wirtschaft, Recht, Finanzen).

(Dr. Oliver Marc Hartwich)


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Kategorie(n): Inland  Ausland  Wirtschaft 

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