Hannes Stein 03.06.2008 20:10 +Feedback
Eine Erwiderung an Thomas Speckmann
Vor ein paar Tagen zog ich ein Belegexemplar des „Merkur“ aus dem Briefkasten – das Juniheft, in dem ein Beitrag von mir steht: Ich schreibe dort, wie seltsam es eigentlich ist, dass Barack Obama ausgerechnet der Kandidat der Demokraten ist. Schließlich waren sie im 19. Jahrhundert die Partei der Sklavenhalter und der KKK war nichts weiter als ihr terroristischer Arm, die grausamen Jim-Crow-Gesetze wurden von Demokraten, nicht von Republikanern, durchgedrückt usw. Das stimmt noch weit bis ins 20. Jahrhundert hinein: Woodrow Wilson war ein bigotter Rassist und der große FDR erließ keine Antilynch-Gesetze. Die rühmliche Ausnahme (steht nicht in meinem Essay, deshalb sei sie hier schnell nachgetragen) war Harry Truman, überhaupt ein sehr guter Präsident, der, als er noch regierte, ähnlich unterschätzt wurde wie heute George W. Aber das ist ein anderes Thema.
Ich fand in diesem Heft auch einen Essay von Thomas Speckmann. Ich freute mich schon darauf, ihn in der Subway zu lesen, denn Speckmann ist ein kluger Kopf, mit dem ich als Redakteur der WELT sehr gern zusammengearbeitet habe. Aber als ich seinen Text dann las (bitte: hier), fing ich an, vor Wut zu schnauben und den Kopf zu schütteln und in der scheppernden wackelnden kreischenden U-Bahn dicke Fragezeichen an den Rand zu malen.
Dabei ist die These, die Speckmann vertritt, erst einmal ganz vernünftig: „Postheroische“ Gesellschaften, so schreibt er – also Gesellschaften, in denen „Sex and the City“, thailändisches Essen und Mozartopern wichtiger sind als der Heldentod fürs Vaterland – postheroische Gesellschaften sind eigentlich nicht mehr imstande, Kriege zu führen, in denen es um etwas anderes geht als die nationale Existenz, jedenfalls dann nicht, wenn dabei eigene Soldaten in großer Zahl sterben. Allenfalls geht ein Luftkrieg wie der, den die Nato um das Kosovo geführt hat.
Schwierigkeiten habe ich zunächst mit den Beispielen, die Speckmann für seine These anführt: etwa den Sechstagekrieg von 1967. Wenn es aber je einen Krieg gab, in dem ein Land um seine Existenz gekämpft hat, dann war es doch wohl dieser. „Das Einzige“, was die Israelis damals gewonnen haben, schreibt Speckmann, „war der Krieg.“ Na ja, mir reicht das erstmal. „Mit dem Siedlungsbau in den besetzten Gebieten entstand neben der Flüchtlingsfrage ein weiteres politisches Problem, das den Nahen Osten bis heute nicht zur Ruhe kommen lässt.“ Schlimm, schlimm. Allerdings frage ich mich, ob wirklich der gesamte Nahe Osten betroffen war. Der ist ja bekanntlich sehr groß. Was interessierte die Kurden in der Türkei oder im Nordirak, die Schiiten in Saudi-Arabien, die Berber in Algerien etc. der Siedlungsbau bei Tulkarem und Ramleh? „Aus einem David wurde ein Goliath, aus einem Verteidiger ein Angreifer, aus Solidarität für Israel Solidarität für Palästina.“ In der öffentlichen Wahrnehmung der meisten Europäer: nebbich, ja. Für Amerika stimmt dieser Befund keineswegs. Auch nicht für Indien, das prima mit den Israelis zusammenarbeitet. Auch nicht für die meisten anderen asiatichen Länder.
(Übrigens geht es bei der Geschichte von David und Goliath keineswegs um den Kampf eines Starken mit einem Schwachen, es geht um die Überwältigung eines Dummen durch einen Klugen. David ist in dieser Auseinandersetzung von Anfang an der Starke, denn er kapiert, dass die Rüstung, die der gewaltige Goliath trägt, diesen eher behindert als schützt.)
Zwei weitere Beispiel, die Speckmann für seine These sprechen lässt, sind ausgerechnet (a) der Angriff der Israelis auf den irakischen Atomreaktor 1981 und (b) der Angriff auf den syrischen Reaktor gerade neulich. „Und so emotional verständlich auch die Schläge der israelischen Luftwaffe gegen Iraks Reaktor 1981 und Syriens Atomanlagen 2007 waren, rational betrachtet haben diese Offensiven die Sicherheit Israels nicht dauerhaft erhöht.“ Das Zauberwörtchen hier, lieber Thomas Speckmann, ist das Adjektiv „dauerhaft“. Schon wahr, für alle Zeiten wurde die Sicherheit Israels nicht erhöht, als die Zahal-Piloten Osirak zerdepperte, es wurde nur kurzfristig Israels Überleben gesichert. Auch hier gilt, dass mir das erstmal reicht. Hätten die Israelis wirklich abwarten und Tee mit Nana trinken sollen, während der Irak die Bombe fertigbaut, während Syrien sich von den Nordkoreanern nuklear aufrüsten lässt? Come on, you must be kidding!
Das Grundproblem ist, dass Thomas Speckmann nicht nur nüchtern ein Problem konstatiert: Er scheint es vielmehr beinahe gut zu finden, dass die postheroischen Gesellschaften in einem Dilemma stecken. Ein Höhe-, will sagen Tiefpunkt seines Textes ist erreicht, wenn er fragt: „Warum entwickeln die westlichen Demokratien nicht wieder die Gelassenheit, die sie vor dem 11. September hatten, und warten die nächste Attacke einfach ab, selbst bei der Gefahr großer Verluste, bevor sie sich zu Schlägen ihrer Sicherheitskräfte wie in Afghanistan oder Pakisten entscheiden?“ (Am besten finde ich das Wort: “einfach”. Warum warten sie nicht einfach ab?) Weil der nächste Angriff mit nichtkonventionellen Waffen erfolgen könnte. Weil Regierungen zuerst einmal dazu da sind, das Leben ihrer Bürger zu schützen. Weil jeder amerikanische Präsident, der Däumchen dreht und abwartet, was den Herrschaften von Al Qaida und Co. KG oder irgendwelche anderen Irren als Nächstes einfällt, vor einen Kongressausschuss gezerrt und mit Schimpf und Schande aus dem Amt gejagt würde – und mit Recht.
Abschließend schreibt Speckmann noch über den Iran. Die gute Nachricht: Er erzählt uns nicht, wie jeder ixbeliebige deutsche Regierungsvertreter, man müsse den Iran nur boykottieren (freilich nicht zu sehr, um ihn nicht in seinem Nationalstolz zu kränken), dann werde das iranische Regime schon von selbst auf den Bau der Atombombe verzichten. Die schlechte Nachricht: Speckmann meint, das Problem könne durch die bewährte nuklare Abschreckung beseitigt werden.
Nun. Erstes ist das nicht sicher. (Die nukleare Abschreckung zwischen Ost und West hat erst nach dem Beinahe-Atomkrieg von 1962 funktioniert. Dass davor nix passiert ist, war eine Gnade Gottes, nichts weiter.) Zweitens erwähnt Thomas Speckmann mit keinem Wort das wirkliche Problem: Wenn der Iran die Bombe baut, dann baut sie auch Ägypten. Und Saudi-Arabien. Und die Türkei. Also, ich weiß nicht, wer in zehn Jahren in Ägypten an der Macht sein wird (eine Koalition aus Muslimbrüdern und durchgeknallten Nasseristen?). Ich habe keine Ahnung, wer anstelle der korrupten Prinzen Saudi-Arabien regieren wird (tugendhafte Taliban?). Ich weiß aber, dass die Wahrscheinlichkeit eines Atomkriegs sich durch einen nuklear bewaffneten Iran sprunghaft erhöhen wird.
Die Pointe von Thomas Speckmanns Text: Der Gedanke des vorbeugenden Schlages gegen einen mächtiger werdenden Feind finde sich in der Antike „nicht bei den demokratischen Athenern, sondern bei den autokratischen Spartanern. Aber nicht Sparte, sondern Athen hat mit seinen Ideen die Welt erobert und geprägt.“ Leider vergisst Speckmann anzufügen, wer den Peloponnesischen Krieg gewonnen hat: Sparta. Athen lag am Boden. Will er wirklich einen Ausgang des „war on terror“, der so aussieht, dass sich die Idee der liberalen Demokratie rund um den ganzen Erdball verbreitet, während dort, wo früher New York, Tel Aviv und Neu Delhi waren, drei große radioaktive Krater klaffen? Verzichte.
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