16.08.2008 14:55 +Feedback
Ein Nationalbolschewist im amerikanischen Sektor
„Die Menschenrechtsanwälte machen auf die Dauer ihre Sache lächerlich, wenn sie nicht von den Interessen reden – von denen der Vereinigten Staaten vor allem, aber auch, es ist kein Geheimnis mehr, von denen Israels“: Das schreibt Lorenz Jäger in der FAZ vom heutigen Samstag. http://www.faz.net/s/Rub117C535CDF414415BB243B181B8B60AE/Doc~E6EC997D715C34D24AC2123004471CAB6~ATpl~Ecommon~Scontent.html
Er schreibt es aus Anlass einer Polemik gegen André Glucksmann und Bernard-Henry Levy. Die beiden französischen Philosophen hatten in der „Liberation“ einen ihrer bekannt pathetischen Appelle an die Öffentlichkeit gerichtet: „SOS Georgie? SOS Europe!“
Zurück zum Zitat, und damit zu den Interessen der Vereinigten Staaten und Israels. Interessen Israels in Georgien? Warum ist in einer Kolumne, in der es primär um Russland geht, Israel ein Thema? Wegen der Waffenlieferungen? Einschlägige Unterstützung wird auch Polen, und sogar Rumänien, nachgesagt. Die kaukasische Verwirrung aber ist älter als der Staat Israel und selbst als die amerikanischen Interessen. Sie ist hausgemacht und von Russland instrumentiert.
Einer der deutschen Dauerirrtümer besteht darin, dass man zum Westen den Abstand sucht, und bei dieser Abstandsuche in Russland den Verbündeten zu finden meint. Daran ist bereits Ernst Niekisch gescheitert, der militante Nationalbolschewist der Zwischenkriegszeit. Ihn verschlug es später in die DDR, seine letzten Lebensjahre aber verbrachte er in Westberlin.
Die Ironie der Geschichte hatte ihn eingeholt. Denn was kann schon peinlicher wirken als ein Nationalbolschewist im amerikanischen Sektor!
Und damit wären wir beim Kern des Problems. Russland gelten zu lassen, heißt nicht, sein Verhalten zu verharmlosen. Russland ist eine Autokratie, und es hat seiner Nachbarschaft denkbar wenig zu bieten. Im Grunde nicht mehr als den eigenen Bürgern, denen es so gut wie nichts zu bieten hat. Die russischen Institutionen sind auf Sand gebaut, und exportiert werden, von den Rohstoffen einmal abgesehen, Sandburgen. Das zu erkennen ist mehr als nur ein antirussischer Affekt, den Lorenz Jäger anprangert. Oder gibt es eine plausible Erklärung dafür, dass Russland meint, es dürfe im Kaukasus keine Ölleitungen geben, die nicht über ein von ihm kontrolliertes Territorium führen?
Die Stimme der Vernunft, die Jäger anmahnt, kann sicherlich hilfreich sein, sie sollte aber nicht zum Appeasement führen. Das käme schließlich einer Sinnentstellung des Begriffs Vernunft gleich. Es würde ihn zum Accessoire des Mitläufers machen.

