12.05.2008   23:06   +Feedback

Ein Lehrbeauftragter in Wien

Dr.John Bunzl hat in der Presse [1] einen Gastkommentar veröffentlicht, der zum Widerspruch herausfordert. Schon der Eingangsatz ist demagogisch: „Die Annahme, die Judäophobie im Nahen Osten sei eine Reinkarnation des europäischen Antisemitismus, ist ein klassischer Fall von Projektion.“
Kein ernsthafter Forscher nimmt an, dass der Antisemitismus im Nahen Osten lediglich eine Reinkarnation sei. Antisemitismus im Nahen Osten wurde in einigen Werken präzise definiert und beschrieben. [2]

Dr. Bunzl weiter: „Man hat die seit dem Beginn der 2. Intifada (2000) häufiger auftretenden verbalen und manchmal* physischen Attacken gegen Juden und jüdische Einrichtungen in Europa als „Neuen Antisemitismus“ bezeichnet. Das Phänomen ist insofern neu, als es im Kontext von Entwicklungen im Nahen Osten verstanden wird. Aber handelt es sich um Antisemitismus? Haben wir es mit der Kontinuität und/oder Verwandlung einer traditionellen Feindseligkeit zu tun?“

Wenn also in Istanbul zwei Synagogen Ziel eines nahezu gleichzeitigen Anschlags werden dabei 25 Menschen starben und 300 verletzt wurden, wenn auch auf Djerba ein Attentat gegen eine Synagoge und in Casablanca jüdische Einrichtungen gebombt werden, dann zielen die Djihadisten darauf, Juden zu töten und es Juden unmöglich zu machen mit Muslimen zusammenzuleben. Und wenn in Frankreich ein Jude zu Tode gefoltert wird weil er Jude ist, wenn Synagogen und jüdische Einrichtungen in Europa abgefackelt werden, wenn in Berlin jüdische Mädchen ihre Schule wechseln müssen, weil es nicht möglich ist sie vor den antisemitischen Angriffen ihrer muslimischen Mitschülern zu schützen, dann ist das laut Bunzl nur einer Verlängerung des Konflikts zwischen Israelis und Arabern zuzuschreiben. Was ja absurd ist.

Weiter Dr. Bunzl: „Jede dem Nahen Osten entspringende Feindseligkeit als antisemitisch zu brandmarken kann auf eine unerwünschte Wirkung hinauslaufen: eine Banalisierung und Trivialisierung des genuinen Antisemitismus.“

Kein ernst zu nehmender Mensch behauptet, dass jede Feindseligkeit in und um Israel/Palästina antisemitisch ist. Aber der Banalisierung und Trivialisierung des Antisemitismus, die aus dem Nahen Osten kommt, wie sie von Dr. Bunzl hier vorgenommen wird, kann man nicht zustimmen.

Eine Verharmlosung antisemitischer Gewalttaten
„Sie kann auch einer falschen oder tendenziösen Beurteilung der Feindseligkeit von Arabern oder Muslimen entspringen. Es ist meist nicht der alte antisemitische Wahn europäisch-christlicher Prägung, der Muslime im Allgemeinen und selbst die wenigen Gewalttäter* motiviert. Es handelt sich vielmehr um einen bedauernswerten Nebeneffekt von jüngeren Ereignissen im Nahen Osten und weltweit.“

Erstens einmal handelt es sich um eine erkleckliche Anzahl von Gewalttaten und um nicht so wenige Gewalttäter, zweitens sind die Ereignisse im Nahen Osten und weltweit nur vorgeschobene Gründe für diese Täter. Über 60 unterschiedliche Ausgaben der „Protokolle der Weisen von Zion“ werden in der arabischen Welt verbreitet. Diese – auch von den Nazi benützte – zaristische Hetzschrift wurde zur Grundlage einer 41-teiligen Filmserie gemacht , die ausgerechnet während des Ramadans vor ein paar Jahren im ägyptischen Staatsfernsehen zur besten Zeit gezeigt wurde. Bereits über 20 weitere Fernsehstationen der arabischen Welt haben diese Filmserie übernommen. Solche und ähnliche ausgestrahlte antisemitische Filme werden in Europa von Millionen Menschen, die aus der arabischen bzw. islamischen Welt stammen ungehindert empfangen. Die inzwischen umbenannte und fast vollkommen wirkungs bzw zahnlose Europäische Zentrum zur Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit“ „EUMC“ gab im März 2002 eine Studie über Antisemitismus in den damaligen 15 EU Staaten in Auftrag. Es kam heraus, dass die großen muslimischen Gemeinden in Frankreich, Belgien, den Niederlanden und Großbritannien mit antisemitischer Hetze aus arabischsprachigen Zeitungen und Radiosendern systematisch aufgestachelt werden und infolgedessen „physische Attacken gegen Juden sowie die Schändung und Zerstörung von Synagogen häufig von Muslimen ausgeführt“ werden. Diese Information wurde unter Verweis auf political correctness unterdrückt. Denn wer über islamischen Antisemitismus berichtet, der kann ja nur von „Islamophobie“ besessen sein, so die EUMC. Was immer für Gewalttaten gegen Juden begangen werden, darf man diese nicht Antisemitismus nennen, die werden ja nur begangen, weil Israel dies tut oder jenes unterlässt. Kurz und schlecht, an allen diesbezüglichen europäischen Problemen ist die Haltung Israels Schuld und damit braucht man keine Konsequenzen zu ziehen.

Ich stimme Matthias Künzel bei, der meint: „Wer Judenhass zum Bestandteil einer „antirassistisch geschützten Zone“ erklärt, anstatt innerhalb muslimischer Gemeinschaften zwischen Antisemiten und Nicht-Antisemiten zu differenzieren, befördert Antisemitismus und Rassismus zugleich. Mit dieser Argumentation wird der universelle Kampf gegen Diskriminierung einer kruden „oben-unten“ Dichotomie untergeordnet und der Antisemitismus von Menschen maghribinischen Herkunft als eine Art „Antiimperialismus der dummen Kerle“ ehrbar gemacht. Ein weiterer Punkt kommt hinzu: Islamischer Antisemitismus ist eine hauptsächlich aus Europa importierte Ideologie. Ihr entgegenzutreten hat schon deshalb mit „Islamophobie“ nichts zu tun.“ [3]

Und noch ein an den Haaren herbeigezogenes Argument des Nahostspezialisten des Österr. Inst. f. Internationale Politik (OIIP):
„Um Strömungen unter Muslimen in Europa beurteilen zu können, muss der globale Kontext, zum Beispiel die Rede vom Kampf der Kulturen, berücksichtigt werden. 9/11 und andere „jihadistische“ Anschläge wurden vorschnell „dem“ Islam zugeschrieben, sodass sich Muslime einem Kollektivverdacht ausgesetzt sahen.“
Dass Juden in Europa einem Kollektivverdacht ausgesetzt werden, ist für Dr. Bunzl aber kein Problem, daran sollen die Juden selbst schuld sein. Wenn er dann in seinem Artikel die implizite Behauptung aufstellt Juden wären bevorzugt in Europa, denn es gibt „einen quasi-offiziellen Philosemitismus, der sich in Gedenkstätten, Museen und Kultur manifestiert“ dann muss ihm entgegenhalten werden, das es schon eine grobe Unterstellung ist, dass das Holocaustmahnmal in Berlin oder das jüdische Museum in Wien Ausdruck eines Phílosemitismus sein soll. Die gleichen verantwortlichen Politiker und mainstream Medien die laut Bunzl diesen „Philosemitismus“ propagieren haben diese Anschläge in den USA und Europa nicht „dem“ Islam zugeschrieben, sondern im Gegenteil immer wieder betont, dass der Islam nichts mit Jihadismus und Terror zu tun hat.

Und noch eine unsinnige Beschuldigung des Wiener Politikwissenschaftlers: „Eine Vertiefung des Dilemmas ist dem Umstand geschuldet, dass sich Israel als Staat des jüdischen Volkes definiert. Die offiziellen jüdischen Gemeinden in der Welt akzeptieren diese Definition – und verhalten sich entsprechend. Es ist also nicht richtig zu behaupten, nur Antisemiten würden Juden mit Israel identifizieren – auch wenn diese es mit anderen Absichten tun.“

Tatsachen, dass eine Menge Staaten sich als Nationalstaaten definieren. Nehmen wir die Türkei als Beispiel. Keiner nimmt die in Europa lebenden Türken die sich mehrheitlich mit der Türkei identifizieren – ungeachtet ihrer Staatsbürgerschaft – in Geiselhaft für das den Armeniern und Kurden zugefügt Unrecht. Bunzl macht die jüdischen Gemeinden in der Welt mitverantwortlich für die gegen sie gerichteten Gewalttaten weil sie eine besondere Beziehung zum Staat Israel haben. Ähnlich argumentiert ja auch der iranische Präsident, der einen Rabbinerdarsteller aus Wien – dessen enge Beziehungen zur FPÖ bekannt sind – abküsst, um zu beweisen, dass es auch „gute Juden“ gibt. Nun ist dieser Weg – ein „guter Jude“ zu werden, den meisten Juden der Welt, die auf ihre Menschenwürde achten, versperrt.

Es folgt das Mantra: „Selbst heute noch wird stereotyp behauptet, dass Siedler oder Soldaten nicht angegriffen werden, weil sie eine Besatzungsmacht repräsentieren, sondern einfach, weil sie Juden sind.“

Wer sich clips (z.B. von Kindersendungen) der Hamas TV anschaut kann jede Menge krude Judenhetze erleben, die aber auch in der angeblichen moderaten PA betrieben wird. Da wird der Mord an Juden propagiert. Darauf hinzuweisen ist aber – so kann Bunzl verstanden werden – nicht korrekt, denn die Palästinenser leiden derart, dass sie das mit dem propagierten Judenmord ja gar nicht ernst meinen. Oder dass wir dies nicht ernst nehmen müssen. Eine solche Haltung aber ist rassistisch, denn die Einhaltung von Menschenrechten muss man von allen fordern. Weil Postzionisten, Antizionisten, Neue Historiker lediglich Israel kritisieren, und diese Hetze bei den Nachbarn entweder nicht bemerken oder schönreden oder wie es Dr. Bunzl tut relativieren, übern sie auch keinen nennenswerten Einfluss in Israel oder den jüdischen Gemeinden aus.

Die Behauptung Dr. Bunzls „Palästinenser kämpfen gegen Israelis nicht deshalb, weil sie Juden sind“ ist nur bedingt wahr. Die Führer der demokratisch gewählten Hamas haben die „Protokolle der Weisen von Zion“ in ihre Charta eingegliedert und bekennen sich explizit zu ihrem Hass gegen die Juden, die sie beschuldigenTeilnehmer einer Weltverschwörung zu sein.

Dr. Bunzl macht aus einem asymetrischen Konflikt einen symetrischen:„Aber wegen der langen Dauer der Auseinandersetzung hat sich auf beiden Seiten ein legitimatorischer Überbau herausgebildet. Und in diesen Prozess gehen Stereotypen, Stigmata und Vorurteile ein. Sie alle dienen einem Zweck: der weiteren Dämonisierung des Gegners.“

John Bunzl macht einen absurden Unterschied zwischen europäischen und nahöstlichen Antisemitismus, da dieser sich doch auf den Nahostkonflikt bezieht, obwohl beide auf der Wahnvorstellung der jüdischen Weltverschwörung basieren. Antisemitismus hat nichts mit dem Verhalten von Israel oder von Juden zu tun, was immer die israelische Politik oder Juden verantworten, denn die Wahnvorstellung, das die Politik der USA von einer jüdischen Lobby bzw direkt von der Regierung in Jerusalem bestimmt wird hat ja nichts mit der Realität zu tun.

Es gibt einen grundlegenden Unterschied zwischen der israelischen Gesellschaft und den arabischen Gesellschaften. In Israel reagiert die Zivilgesellschaft sofort mit großer Schärfe auf jede antiarabische Diskriminierung und kann diese bis zum Obersten Gericht bringen. Es gibt in den wichtigen meistgelesensten oder angehörten bzw angeschauten privaten und staatlichen Medien Israels keinerlei Hetze gegen Araber, während auf der anderen Seite fast keine Woche ohne solche antisemitischer Hetze vergeht. Was den Konflikt verschärft und eine friedliche Lösung unmöglich macht.

Was der Wiener Lehrbeauftragte Dr. Bunzl auch übersieht, dass der Antisemitismus und der Hass gegen den Staat Israel das einzige einigende Band der Muslime in der Welt geworden ist. Es darf nicht heruntergespielt, dass der Antisemitismus, der sich auf Suren aus dem Koran und auf mündliche Traditionen beruft immer stärker wird und dass dabei Juden dämonisiert werden. Egal ob der Konflikt zwischen Israelis und Arabern sich verschärft oder im Gegenteil ob es Zeichen eines Kompromisses gibt, viele Araber und Muslime bestärken noch ihre antisemitischen Aktivitäten. All dies wird von Dr. Bunzl relativiert, obwohl dieser arabisch-muslimische Antisemitismus nicht marginal ist und sich auch nicht auf die Armen und Analphabeten bzw. auf Intellektuelle oder Oppositionsgruppen sowie radikalen muslimischen Bewegungen beschränkt. Alle arabisch-muslimische Regime benützen ihn, auch wenn in den verschiedenen Ländern verschiedene Formen benützt werden. Antisemitismus ist ein wichtiges Mittel, um von der Misere und den Problemen der Bevölkerung abzulenken.

Das betrifft uns direkt denn dieser Antisemitismus ist nicht auf den Nahen Osten beschränkt, von dort strahlt er insbesondere nach Europa aus. Antisemitismus wird in verschiedenen Arten vermarktet (Bücher, Internet, TV) und hilft den Hass gegen Juden und Israel zu steigern. Insbesondere merkt man das im Iran, der den Antisemitismus als strategisches Mittel zur Vernichtung Israels einsetzt. Im Iran gibt es einen vom Staat unterstützten Antisemitismus der Völkermord öffentlich propagiert und der deswegen auch Atomwaffen anstrebt.

1) Gastkommentar „Nicht nur, weil sie Juden sind“, Die Presse, 10.5.2008,
http://diepresse.com/home/meinung/gastkommentar/382884/index.do

2) Zum Beispiel: http://www.terrorism-info.org.il/malam_multimedia/English/eng_n/pdf/a_s_170408e.pdf und
Matthias Küntzel: Islamischer Antisemitismus und deutsche Politik/
‚DIE JUDEN WERDEN BRENNEN, WIR WERDEN AUF IHREN GRÄBERN TANZEN…
Lit Verlag, 2007

3) ibid S. 37

* betont von K.P.


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Kategorie(n): Ausland