Gideon Böss 07.11.2010 08:26 +Feedback
Ein Hauch von Intifada
In den letzten Jahren galten Veranstaltungen wie Rock am Ring als Großevents. Doch jede Mode geht einmal vorbei und wird durch eine andere ersetzt. Der Trend geht jetzt eindeutig zu Protestveranstaltungen. Protest gegen Bahnhöfe, gegen Studienbedingungen, gegen Kriege (der USA & Israel), gegen den Klimawandel und gegen den Kapitalismus. Aktuell steht ein Klassiker auf dem Programm: Castor!
In machen Familien mit Protesttradition ist schon die zweite oder gar dritte Generation auf den Äckern, den Landstraßen und Gleisen aktiv. Wenn Gorleben ruft, kommen sie alle. Jung und Alt und die Wendländer ohnehin, denn die sind für jede Ablenkung dankbar. Ist ja nicht gerade der spannendste Flecken Deutschland, den sie da verteidigen müssen.
Gegen Castor sein ist ein bisschen wie auf die Loveparade zu gehen, nur sicherer. Alle sind gut drauf, man kennt sich, macht etwas Party und weiß dabei nicht so genau, was man denn nun eigentlich gegen Atomkraft hat. Zumal gilt: „Atomkraft, nein danke“ ist kein Argument, sondern nur ein Slogan.
Ein gutes Beispiel für den Eventcharakter , den die Atomproteste haben, ist Charlotte Roche. Ohnehin chronisch überschätzt, reiht sie sich ein, wirft sich für die Fotografen in eine „Schluss damit“-Pose und erklärt auf die Frage, was man denn mit den Brennstäben machen soll, „Ich weiß doch auch nicht“. Die taz betitelt ihr Roche-Foto trotzdem nicht mit ‘Hat keine Ahnung, was sie hier will’, sondern mit ‘Hat was gegen Atomkraft’.
Macht aber auch nichts, denn dass die Protestkultur so boomt, liegt ja gerade daran, dass man sich als Protestler inhaltlich recht wenig mit dem Thema befassen muss. Das verlangt niemand. Die Studentenproteste der letzten Jahren beispielsweise, benötigten praktisch keine stichhaltigen Argumente. Es dürften wenige Aufnahmen in den Archiven von Fernseh-, und Radiosendern ruhen, auf denen für die Gründe der Proteste anderes vorgebracht wird als „irgendwie find ich das halt voll fies, so Leistungsdruck und so“. Ähnlich reflektiert waren auch die Kommentare derer, die in Heiligendamm 2007 den G8-Gipfel bekämpften. Was zählt ist Gefühl. Rationale Argumente, Abwägen der Vor- und Nachteile, das ist was für die Kapitalisten, also Manager, Banker und andere Umweltsünder.
Und jetzt also Castor. Da ist jeder willkommen. Gregor Gysi (der sich in seinen SED-Jahren auch nicht vorstellen konnte, dass es in seinem Land mal ganz legale Bürgerproteste gegen die Regierung geben wird und er ein Teil davon ist) fährt mit dem Traktor vor, Claudia Roth erscheint mit Cem Özdemir, aber ohne Kopftuch und Veteranen der Bewegung sprechen stolz davon, seit wie vielen Jahrzehnten sie schon „im Widerstand“ sind. Ein Hauch von Intifada liegt dann über dem Wendland und auf den Gesichtern der lebensversicherten und eigenbeheimten Freiheitskämpfern. Und solange der Strom nicht ausfällt und die eigene Lebensqualität nicht unter den „Fortschritt stoppen, hier und überall“-Visionen leidet, kann der Widerstand unbesorgt fortgesetzt werden.
Eine Frage aber bleibt: Was würden die Castor-Gegner eigentlich machen, wenn der Zug nicht bewacht wird und sie ihn gestoppt haben? Umwerfen?
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Kategorie(n): Inland


