27.06.2007   17:12   +Feedback

Ein echter Straßenfeger

Wer in Berlin lebt und gelegentlich U-Bahn fährt oder in Cafés und Kneipen sitzt, der kennt die freundlichen Männer und Frauen, die ihm eine der beiden Obdachlosen- oder Straßenzeitungen der Stadt verkaufen möchten. Einen Teil des Geldes bekommen die Handverkäufer, und man kann also eine gute Tat tun, indem man so eine Zeitung erwirbt. Das ist eine schöne Sache. Nicht ganz so schön ist, was man dann mitunter zu lesen in die Hand gedrückt bekommt. Eine dieser Zeitungen in Berlin heißt Straßenfeger, und ein echter Straßenfeger ist auch ein Artikel in der Juni-Ausgabe, der sich mit dem Jahrestag des Sechstagekriegs beschäftigt. Titel: „Juni 1967 – Der schmutzige Krieg der Zionisten“ . Gleich zu beginn verrät der Autor, wie er die Juden eigentlich gerne bezeichnen würde: „Wie nennen wir die Leute, die üble Ansichten hegen und verbreiten und – sobald sie an den Drücker kommen – immensen Schaden anrichten werden? Übeltäter? Schädlinge? Oder doch ganz simpel nur Verbrecher?“ Nur in Israel da sei das eben anders. Israel? Ja dieses Land, auf das die Juden irgendwie Anspruch erheben. Wie die darauf kommen, kann sich der Straßenfeger-Autor mit dem Pseudonym „scharmann“ gar nicht erklären: „Stellen wir uns vor, dass es den wendischen Slawen einfallen würde, ihre angestammten heiligen Stätten zurückerlangen zu wollen.“
Die Geschichte Israels weiß er recht kurz und knackig abzureißen und einzuordnen: Vertreibung und Krieg. Es sei „von entscheidender Bedeutung festzuhalten, dass die Regierung des Staates Israel immer und immer noch auf die kriegerische Lösung von Konflikten setzt. Doch immer noch ist auch die Mehrheit der Israelis der Auffassung, dass Konflikte nicht anders gelöst werden können.“ Ein kriegerisches Volk, ohne Zweifel. Ein ganzes Volk von Übeltätern, Schädlingen oder simpel Verbrechern, die „wir“ nur deshalb nicht so nennen, weil sie ja in Israel leben.
Vom Straßenfeger die üblichen journalistischen Kriterien zu erwarten, wäre ungerecht. Er erfüllt einen anderen Zweck. Aber immerhin wird die Zeitung von einem Verein herausgegeben - mob e.V. (obdachlose machen mobil) -, der, wie man denken sollte, einen Ruf zu verlieren hat. Zumindest aber ein paar Zeitungskäufer, die nächstes Mal lieber den Autoscheiben wischenden Roma ihren Soli-Euro geben.
Auch den Autor des Textes wollen wir nicht vorschnell verurteilen. Er ist gewiss kein Antisemit. In der Ausgabe vom Mai widmete er einen langen Artikel dem Jüdischen Friedhof in der Schönhauser Allee, eine wahre Liebeserklärung an „den schönste Platz in Prenzlauer Berg“. Zumindest tot mag er sie also, die Juden.


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Kategorie(n): Inland  Kultur