Maxeiner und Miersch 15.12.2011 23:48 +Feedback
Ein digitales Abendessen
Unser Ruf als Fortschrittsoptimisten vom Dienst täuscht. Im Alltag sind wir eher zögerlich gegenüber neuer Technik. Wenn jemand das jüngste elektronische Spielzeug anpreist, lauten unsere spontane Reaktion meist lapidar: „Brauch ich nicht“. Lediglich ein traditionelles Milieu ist uns verblieben, wo wir mit unseren Internet-Aktivitäten noch den Nimbus von Avantgardisten genießen: die Welt des Buches.
Bis gestern. Da waren wir bei dem Verleger eines renommierten deutschen Buchverlages zum Abendessen eingeladen. Außer dem Gastgeber und uns setzte sich die Tafelrunde aus einer Schriftstellerin, zwei Lektorinnen und einer Übersetzerin zusammen. Wir saßen also inmitten der deutschen Buchwelt, die wir bisher noch nie als sonderlich technikverliebt erlebt haben. Beziehungsweise hatten - denn der Abend nahm einen überraschenden Verlauf.
Als Hauptgang wurde Boeuf Stroganoff serviert, was die Schriftstellerin zu der Frage veranlasste, wer denn das Couplet „Stroganoff“ von Friedrich Hollaender kenne. Und – schwupps - lag ein iPad auf dem Tisch, welches der Verleger aus seiner geschätzte 50 Regalmeter umfassenden Bücherwand gezogen hatte. Die Schriftstellerin tippte ein und schon sang ein Chansonnier „Stroganoff“ für uns.
Das war nur die Ouvertüre. Im weiteren Verlauf des Abends wurden dann je nach Gesprächsthema das iPad und diverse iPhones gezückt, Melodien gespielt und Filmausschnitte vorgeführt. Liebe Papierhersteller und Drucker, ihr müsst euch vermutlich auf schwere Zeiten einstellen.
Wir hörten und sahen an diesem Abend Marlene Dietrichs „In den Ruinen von Berlin“, Diverses von Wagner und einen Blues von Amy Winehouse. Dazwischen wurde zirka 30 Mal auf Wikipedia nachgeschaut, um Zitate zu überprüfen und Argumente zu falsifizieren. In der Debattenphase, die zwischen dem Espresso und dem dritten Digestif ihren Höhepunkt fand, lautete das Thema: Wer liest lieber auf Kindle, wer auf iPad?
Nach Mitternacht spielten wir mit Hilfe einer App eine Art Melodienraten. Jeder pfiff was und die musikalische App meldete, um welchen Titel es sich handelt. Sie kannte sogar die alte spanische Anarchistenhymne „A las barricadas“. Der Abend wurde lang. Am Ende kam es noch zu zwei „unplugged“ Darbietungen. Die Schriftstellerin rezitierte ein Gedicht von Gryphius und der Gastgeber sang „La Montanara“, was die App zu diesem fortgeschrittenen Zeitpunkt allerdings nicht mehr erkannte.
Erschienen in DIE WELT und WELT Online am 16.12.2011
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Kategorie(n): Kultur Bunte Welt


