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  09.09.2010   19:53   +Feedback

Ein Anfall von Ehrlichkeit

Von Hansjörg Müller

Dass der Europäische Gerichtshof das deutsche Glücksspielmonopol für unrechtmäßig erklärt hat, ist im Sinne der Prävention sicher ein schwerer Schlag. Naiv, wie wir sind, sind wir bis jetzt ja davon ausgegangen, dass es dem Staat dabei vor allem um den Schutz seiner Bürger vor der Spielsucht und ihren verheerenden sozialen Folgen gehe - genauso wie die ständig steigende Tabaksteuer einzig und allein den Zweck erfüllen soll, Herz- und Lungenkrankheiten zu verhindern.

Eine Erhöhung der Steuern auf Tabak und Alkohol kündigte vor einigen Wochen übrigens auch der russische Finanzminister Alexej Kudrin an - allerdings mit einer Begründung, die sich für westeuropäischen Ohren ein wenig bizarr anhörte und die unseren Glauben an den nanny state zumindest ein bisschen erschütterte: „Die Bürger sollten daran denken, dass diejenigen, die rauchen und trinken, dem Staat helfen“, zitiert die Nachrichtenagentur Interfax den Minister. „Wenn Sie eine Packung Zigaretten rauchen“, so fuhr der Minister fort, „helfen Sie aktiv dabei mit, unsere Sozialsysteme zu finanzieren und die demographischen Probleme unseres Landes zu lösen.“

Kudrins Aussagen erscheinen uns deswegen so seltsam, weil hier ein Minister in einem Anfall von Ehrlichkeit eine unangenehme Wahrheit ausgesprochen hat: aus Sicht des Staates ist der beste Bürger derjenige, der noch vor Erreichen des Rentenalters stirbt. Eine steigende Lebenserwartung zählt zu den schlimmsten Feinden des modernen Staates. So gesehen nimmt Russland zumindest in dieser Hinsicht eine weltweit führende Stellung ein, denn im Vergleich mit den Westeuropäern scheinen die Russen eher geneigt zu sein, ihre patriotische Pflicht zu erfüllen, die darin besteht, das Zeitliche nicht allzu spät zu segnen. Besonders schlimm sieht es dagegen in Frankreich aus: die höchste Lebenserwartung und gleichzeitig das tiefste Renteneintrittsalter. Trotz alledem wird Sarkozys Plan, die Zeit zwischen der Pensionierung und dem Ableben des Bürgers wenigstens um magere zwei Jahre zu verkürzen wohl nur gegen den größten Widerstand zu erreichen sein. 

Als Hauptfeinde des Sozialstaats muss man wahrscheinlich Leute wie meinen Obertürkheimer Großonkel betrachten. Der war ein Puritaner und verachtete Ausschweifungen jeder Art; er rauchte nicht, trank seinen Trollinger, wenn überhaupt, in Maßen und lag dem Staat nach seiner Pensionierung noch mehr als zwanzig freudlose Jahre lang auf der Tasche. Für das Lotteriespiel hatte er übrigens einen einprägsamen Namen parat: „Dummheitssteuer.“

Hansjörg Müller schreibt auch für „El Certamen“, eine kolumbianische Online-Zeitschrift (http://www.elcertamenenlinea.com). Eine vollständige Übersicht über seine Veröffentlichungen finden Sie unter: http://thukydidesblog.wordpress.com/

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Kategorie(n): Wirtschaft 

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