Maxeiner und Miersch 06.05.2011 00:27 +Feedback
Edle Seelen in Landsberg
In Deutschland gibt es besonders gute Menschen. Beherzt gaben sie der Kanzlerin diese Wochen moralischen Nachhilfeunterricht, als diese den Tod von Osama bin Laden begrüßte. Frei von Vergeltungsgefühlen erfüllt es sie mit Sorge und Betroffenheit, dass in Abbottabad ein unbewaffneter „54jähriger Familienvater“ (WDR) erschossen wurde. Die schönste Bezeichnung für solche Meister der Feindesliebe stammt von Saddam Hussein: „Edle Seelen“.
Solcher Edelmut hat hierzulande eine gewisse Tradition. Schon in den 70er Jahren war in Kirche und Kulturbetrieb das Mitleid mit inhaftierten RAF-Bombenlegern kaum zu bremsen.
Die Vergebungsbewegung nahm vor ziemlich genau 60 Jahren ihren Anfang in der Stadt Landsberg am Lech. Dort saßen einige Familienväter in Haft, die von amerikanischen Militärgerichten zum Tode verurteilt worden waren. Darunter Otto Ohlendorf, der als Kommandeur einer SS-Einsatzgruppe die Ermordung Zehntausender jüdischer Kinder, Frauen und Männer in der besetzten Sowjetunion befohlen und geleitet hatte.
Am Sonntag den 7. Januar 1951 versammelten sich 4000 Menschen in Landsberg zu einer „Kundgebung gegen die Unmenschlichkeit“, etwa ein Drittel der damaligen Stadtbevölkerung. Es sprach unter anderem der CSU-Bundestagsabgeordnete Richard Jaeger, der einige Jahre zuvor noch in der SA tätig war. Die Amerikaner sollten auf die „Stimme des Herzens“ hören, rief er der Menge zu. Jedes Menschenleben sollte „als absoluter Wert geachtet werden“.
Kleiner Einschub für Leser, bei denen der Name Jaeger Erinnerungen weckt: Ja, das war der Jaeger, der in en 60er Jahren als „Kopf-ab-Jaeger“ bekannt wurde, weil er sich so vehement für die Wiedereinführung der Todesstrafe einsetzte.
Gebhard Seelos, Fraktionsvorsitzender der Bayernpartei im Bundestag, erklärte, das deutsche Volk lehne jegliches Unrecht ab, egal „ob vor oder nach 1945 “. „Hört auf mit diesem grausamen Spiel,“ rief er den Amerikanern zu, „zerschlagt nicht die heiligen Güter des Christentums, der Menschlichkeit und des Rechts!“
Leider kam es auf der Kundgebung auch zu Misstönen. Am Rand demonstrierten etwa 300 Menschen, die einfach nicht vergeben wollten und stattdessen die Todesurteile für Naziverbrecher richtig fanden. Es waren die Überlebenden der 30 000 KZ-Häftlinge, die rund um Landsberg in provisorischen Lagern gehaust hatten und Zwangarbeit in der Rüstungsindustrie verrichtet mussten. Die Landsberger empfingen diese Gegendemonstration mit „Juden raus!“ Rufen.
Erschienen in DIE WELT am 06.05.2011


