Burkhard Müller-Ullrich 30.03.2008 15:52 +Feedback
Dunkelstunde
Agenda heißt das zu Tuende, zu Schaffende. Agenda heißt der Kalender mit den Aufgaben. Aber wie nennt man den Kalender mit den Dingen, die man nicht macht? Omittenda? Jedenfalls hat auch das Unterlassen seine Rhythmen und Regeln: An manchen Tagen sollen wir fasten, an anderen nicht arbeiten. Es gibt den Shut-down-day, an dem der Computer aus bleiben soll, und den Buy-nothing-day, an dem man nichts kaufen soll. Bald hat jeder Tag des Jahres außer einem Heiligen auch ein Verzichtsgebot, denn der Katalog der Negationen ist gigantisch: du sollst nicht rauchen, nicht trinken, nicht fluchen, nicht fernsehen, nicht Auto fahren und neuerdings kein Licht anmachen.
Natürlich dient das alles guten Zwecken, und insbesondere das einstündige globale Lichtlöschen, das gestern zelebriert wurde, trug zweifellos zur Rettung unseres Planeten bei. Sogar Prinz Charles ließ auf seinem Landsitz Highgrove die Lampen abschalten, und seitdem brechen beim ZDF weniger Schelfeisberge vom Südpol ab. Es sind eben diese faszinierend komplexen Kausal-Konnexionen, die uns das Umweltdenken lehrt. Der Grundsatz der Ökologie: „Alles hängt mit allem zusammen“ hat zu einer generellen geistigen Vermengungslust geführt, bei der Logik und Halluzination zuweilen Hand in Hand gehen.
Unter den vielen wahnhaften Aktionen, die aufgrund dieser vulgärökologischen Wirkungsverwirrung ständig stattfinden, besitzt freilich die Dunkelstunde den höchsten ästhetischen Reiz. Denn seit der Mensch das Licht hat, liebt er die Dunkelheit besonders. Die Dunkelheit beschäftigt uns, regt die Phantasie an, wird zum Ereignis – nicht das Licht. Wenn die Sonne scheint, schreiben nicht die Zeitungen darüber, recken die Leute nicht die Hälse, wohl aber, wenn sie sich verfinstert. So ist es auch mit der künstlichen Beleuchtung: nicht ihr tagtägliches Funktionieren wird zum Medienthema, sondern der Blackout. Und ein wohlorganisierter Blackout wie der gestrige bringt statt Zivilisationspanik bloß ein wenig Lust am Ausnahmezustand mit sich.
Wie Kinder, die im Dunkeln spielen wollen, haben sich die Einwohner von mehr als 300 Städten in 35 Ländern daran erfreut, daß sie eine zeitlang nicht mehr so viel sehen mußten. Schon das Licht der Aufklärung wurde als so gleißend hell empfunden, daß viele Zeitgenossen zum Abblenden rieten. Heute heißt dieses Reaktionsmuster Klimaschutz.
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Kategorie(n): Bunte Welt

