Burkhard Müller-Ullrich 22.07.2009 11:35 +Feedback
Dunbesverkriestdeunz
Auf der linken Brustseite hat es ganz rechts außen zu hängen: das Bundesverdienstkreuz. So bestimmt es das Gesetz über Titel, Orden und Ehrenzeichen vom 26. Juli 1957 in Paragraph 12 unter dem Stichwort „Trageweise“. Erst danach kommen an der Ordensschnalle auf der linken Brust nach links fortschreitend die Eisernen Kreuze, die Kriegsauszeichnungen aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg (wobei von denen aus dem Zweiten gemäß Paragraph 6 desselben Gesetzes die Hakenkreuze zu entfernen sind), weitere staatlich genehmigte deutsche Auszeichnungen und schließlich „ausländische Auszeichnungen in der Reihenfolge ihres Klassenverhältnisses“. Von wegen ungenehmigte! Es ist eine Ordnungswidrigkeit und kann mit bis zu 5.000 Euro Geldbuße bestraft werden, wenn man sich ein Ehrenzeichen – und sei es auch ein frei erfundenes – selbst bastelt, es trägt oder jemand anderem überläßt. Orden und Ehrenzeichen kann nämlich nur der Staat verleihen und genehmigen.
Der Staat: das sind wir alle, in der Theorie. Aber unser Staat ist auch eine Machtphantasie, ein Verwaltungsapparat, ein leviathanisches Gebilde, ein Stückchen Fürstenhof – und genau daher kommt die Tradition der Orden, Kreuze und Medaillen. Es sind Gunstbezeigungen des Herrschers. In der Schweiz, dem einzigen Staat weit und breit, der wirklich gut und demokratisch funktioniert, gibt es konsequenterweise keine Verdienstorden, und es ist den Bürgern untersagt, bei offiziellen Anlässen diejenigen, die sie vielleicht im Ausland erhalten haben, zu tragen.
Damit die Deutschen aber schön Staat spielen können, hat ihnen Papa Heuß vor 57 Jahren den Verdienstorden der Bundesrepublik geschenkt: achtfach abgestuft von der einfachen Verdienstmedaille (Durchmesser 38 Millimeter, das Band ist 30 Millimeter breit) bis hinauf zur Sonderstufe des Großkreuzes (Sterndurchmesser 90 Millimeter, in der Damenausführung 60). Die Verleihung findet meist durch die Regierungspräsidenten statt: eine herrlich verkrampfte Amtshandlung oft in den häßlichsten Behördengebäuden des Landes. Dabei kommt es bei solchen Hoheitsakten ja gerade auf die Inszenierung an. Denn es handelt sich um eine Art Bürgertheater, bei dem der Staat für einen Augenblick so tut, als halte er den Bürger nicht für seinen Feind.
Der Anteil dieser Braven, deren Gutsein sich durch politische, geschäftliche oder mediale Erfolge und etwas Sozialklimbim erweist, nimmt allerdings beständig ab. In fünfzehn Jahren hat sich die Zahl der mit den bundesrepublikanischen Verdienstorden Ausgezeichneten fast halbiert; in den letzten Jahren lag sie unter zweieinhalbtausend. Gott wollte zwar den Weltuntergang schon aufschieben, wenn sich bloß zehn Gerechte fänden, aber damals lebten auch sehr viel weniger Menschen. Die deutsche Verdienstkreuzquote ist einfach unverhältnismäßig mager, und dafür gibt es bloß zwei mögliche Erklärungen: entweder hat uns der Staat nicht mehr so lieb oder wir werden allmählich immer böser. Wichtiger als Erklärungen ist freilich Abhilfe, und da empfiehlt sich vor allem eine Maßnahme, nämlich die Lockerung der Vorschrift, daß man sich nicht selber für ein Bundesverdienstkreuz vorschlagen darf. Daß der der Staat ein Selbstbedienungsladen ist, weiß schließlich jeder.
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Kategorie(n): Inland


