Richard Wagner 14.09.2009 14:49 +Feedback
Duell-Discount
Ein Duell soll es gewesen sein? Dafür fehlte allein schon die Voraussetzung, nämlich die Beleidigung, um nicht zu sagen, das Thema.
Das war schon mal anders. Lassalle, einer der Gründer des „Allgemeinen deutschen Arbeitervereins“ starb 1864 in Genf an den Folgen eines Duells. Er hatte von dem Verlobten einer durch ihn begehrten bayerischen Diplomatentochter, dem rumänischen Bojar Janko von Racowitza, Satisfaktion gefordert. Der fatale Streit war nicht mehr durch die Sekundanten zu schlichten gewesen, zumal Lassalle die zur Debatte stehende schöne Helene als „verworfene Dirne“ bezeichnet hatte. So blieb nichts weiter zu tun, als die Wahl der Waffen zu entscheiden. In jenem Fall ging es um glatte oder gezogene Pistolen. Lassalle allerdings versäumte es, ein paar Schießübungen vorzunehmen.
Was die beiden Duellanten des gestrigen Abends angeht, Angela Merkel und ihr Herausforderer Walter Steinmeier, so muss man sagen, sie haben zwar hinreichend geübt, ihre Ehrenangelegenheiten hätten aber allesamt auch von den Sekundanten stillschweigend erledigt werden können.
Gerade das aber widerspricht den Erfordernissen der Erlebnisgesellschaft, in der zwar kaum etwas aufgeklärt, dafür aber alles Mögliche ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt wird.
Heute sind die Sekundanten, Journalisten und Kommentatoren, und was früher einmal zu den Vorbereitungen eines Schlagabtauschs gehörte, die Verhandlung, ist jetzt zur Fragestunde erklärt, zur Tat. Das Duell, das früher an abgelegener Stelle im Wald ausgetragen wurde, findet aktuell im Fernsehen statt. Man könnte sagen, die Begleitumstände haben über die Sache gesiegt.
Dass man aus naheliegendem Grund auf die Wahl der Waffen verzichtete, um sie durch die Wortwahl zu ersetzen, ist nachvollziehbar, mittlerweile aber auch Geschichte.
Denn es ist heute nicht nur so, dass man grundsätzlich nicht mehr aufeinander schießt, man streitet sich nicht einmal mehr. Das beleidigende Wort wurde längst durch die Worthülse ersetzt. Es ließe sich auch sagen, Merkel und Steinmeier haben sich gestern Abend gegenseitig ihre Worthülsen gezeigt, aber machen sie das in der Koalition nicht täglich?
Oder war es wegen uns, den Zuschauern? Ein ganzer Abend, Worthülse für Worthülse, und nicht einmal die schönsten? Auch sie, die dafür nichts können, wurden von den Sekundanten, die sich glatt in Kommentatoren verwandelt hatten, auf ihren Sammlerwert geprüft. Als hätten wir tatsächlich das Ende der Geschichte erreicht, und alles wäre unverkennbar zum Spiel geworden, und auch der Kommentar nur noch Teil des dieses Spiels.
Im Grunde unterhielten sich am gestrigen Abend zwei Buchhalter über die Buchführung, und alle taten so, als ginge es ums Ganze, und als verstünden sie was davon. Wo das Duell auf die soziale Gerechtigkeit trifft, ist der Discount nicht weit. Der Discount des Duells.


