Hannes Stein 01.02.2012 14:35 +Feedback
Dreimal Kino
Drei Geschichten über den Tod: Steven Spielbergs Film über den Ersten Weltkrieg, eine “9/11"-Roman-Verfilmung, Angelina Jolies Bosnien-Drama
Ein Jahr nach dem Ende des Ersten Weltkriegs entdeckte Sigmund Freud den Gott Thanatos. In seinem Buch über die Traumdeutung, das um die Jahrhundertwende erschienen war, hatte er noch das Dogma aufgerichtet, dass Träume der Erfüllung von Wünschen dienten - immer und ohne Ausnahme. Doch nun gab es plötzlich jede Menge ehemaliger Soldaten, die immer wieder davon träumten, sie seien im Schützengraben vor Verdun verschüttet worden; und Freud ging auf, dass dies mit “Wunscherfüllung” dann wohl doch nicht erklärt werden konnte.
Die ehemaligen Soldaten träumten ganz offenkundig ein Trauma ab. Auf diesem verschlungenen Weg gelangte der Wiener Seelendoktor zu der Erkenntnis, dass im Unbewussten nicht alles Licht, Jubel, Freude und Eros ist. Es gab da, schloss er messerscharf, auch noch einen anderen Teil: einen Trieb zu Zerstörung und Selbstzerstörung, eine tiefdunkle Sehnsucht nach dem Tod.
Die Amerikaner - so will es jedenfalls das Klischee - haben Freuds Entdeckung aus dem Jahr 1919 nie nachvollzogen. In ihrer Kultur gibt es schlicht keinen Todestrieb, weil es keinen geben darf. Darum gehen alle Geschichten in der Neuen Welt immer gut aus; auch historische Katastrophen werden vornehmlich (und pragmatisch) daraufhin gemustert, was sich aus ihnen “lernen” lasse. Undenkbar, dass einmal etwas im großen Maßstab schiefgeht ohne nachfolgende pädagogische Lektion; undenkbar, dass es etwas geben könnte, das einfach nur schwarz, finster und schrecklich ist.
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Kategorie(n): Kultur


