Gastautor 06.09.2012 13:44 +Feedback
Draghi schreibt die Lehrbücher um
Ulli Kulke
Viel Volkswirtschaft musste man nicht lernen im Volkswirtschaftsstudium an der Freien Universität Berlin in den 70er Jahren. Sauber hatten die studentischen Mitbestimmer aus der 68er Zeit erkämpft, dass, wer will, ein rein marxistisches Studium ablegen konnte. In allen Fächern. Die Exegese des Kapitals von Karl Marx, der tendenzielle Fall der Profitrate. Sozialökonomie der Entwicklungsländer, das reichte schon fast. Wer es darauf anlegte, bekam so gut wie nichts mit von dem, wie Wirtschaft bei uns funktionierte.
Eines aber haben wir dann doch gelernt und hat sich bei mir ins Gedächtnis eingebrannt: Die Trennung von Fiskal- und Geldpolitik. Das eine erledigte die Regierung, mit dem Plazet des Parlamentes, sie setzte Steuern fest und die Ausgaben des Staates. Das andere erledigte die Zentralbank. In unserem Fall die Bundesbank, die mit einem komplexen Instrumentenkasten dafür sorgen musste, dass die richtige Geldmenge in Umlauf ist für alle Transaktionen der Wirtschaft, damit weder Inflation noch Deflation herrsche. Dafür, soweit ging die Erkenntnis auch unserer marxistischen Lehrmeister dann immerhin, musste die Bundesbank unabhängig sein in ihren Entscheidungen, ist sie quasi per definitionem nicht an Weisungen des Finanzministeriums gebunden, als Axiom.
Eine Vermengung von beidem, etwa indem sich die Regierung ihre Defizite von der Notenpresse der Bundesbank finanzieren würde, brächte das System zum Einsturz – zum Nachteil des Kapitals, so hieß es damals natürlich, andernfalls hätte dasselbe natürlich längst dafür gesorgt, dass es vorbei wäre mit der Unabhängigkeit. Die Trennung jedenfalls zwischen Geld- und Fiskalpolitik gehörte zu den Grundfesten der kapitalistischen Volkswirtschaft, so sicher, wie die D-Mark rund war. Als kleiner Sündenfall galt, dass sich die Regierung stets den Gewinn der Bundesbank unter den Nagel riss. Schlimm genug, aber das Recht dazu hatte sie, dafür musste ja die Bundesbank auch kein neues Geld drucken, es war ja schon da.
In einigen Staaten des „Trikont“ (so hieß die Dritte Welt damals, um sie nicht zu beleidigen), funktionierte die Trennung nicht so reibungslos, lernten wir damals. Die „Kompradorenbourgeoisie“, die den Staat dort in der Hand habe, würde sich auch die Gelder der Notenbank unter den Nagel reißen und sie einfach immer wieder neues drucken lassen. Drei-, vierstellige Inflationsraten waren die Folge, unter denen die Bevölkerung zu leiden hatte, vor allem die Armen, klar.
Allerdings, daran kann ich mich auch noch erinnern, war damals hin und wieder auch von Italien die Rede, wo die Inflationsraten zwar nicht dreistellig waren, aber doch nahe an die 20 Prozent heranreichten. Und das lag eben daran, dass man es damals mit der Trennung von Geld- und Fiskalpolitiknicht ganz so ernst nahm, dass man aus dem Finanzministerium an der Via XX.Setembre öfters in die Via Nazionale zur Zentralbank ging, um deren Präsidenten dank bester Beziehungen zu überreden, doch bitteschön Staatsanleihen aufzukaufen, die die Regierung in Rom ansonsten nicht mehr an den Mann brachte, weil niemand mehr der Regierung traute. Nur durch hohe Zinsaufschläge hätte das Finanzministerium seine Anleihen noch verkaufen können – logisch, allein schon die Inflation erforderte das, ansonsten hätte ja jeder Käufer Geld verloren statt Renditen gewonnen. Also drückte der Zentralbankpräsident beide Augen zu, gab dem Finanzminister „frisches“ Geld und legte dafür dessen wertlose Papiere in den Tresor. Natürlich musste der Minister an die Zentralbank nicht so hohe Zinsen zahlen, wie es der Markt erfordert hätte, man war ja unter Freunden und alles gehörte doch sowieso dem Staat, oder? Viele Unternehmen gehörten jaschließlich auch dem Staat, also bitte, soll man sich doch nicht so haben.
Da die Inflation aber dafür sorgte, dass der Regierung bald schon wieder das Geld ausgegangen war, ging der Finanzminister wieder in die Via Nazionale, deponierte wieder Staatsanleihen, die keiner mehr haben wollte und bekam wieder frisch gedrucktes Geld, das sich dadurch natürlich wie wundersam vermehrte – und die Inflation heizte sich weiter an.
Wir lachten damals viel im Hörsaal, weil wir das eben als italienisches System ansahen, und es lief ja doch irgendwie in Italien. Immer wieder fuhren wir hin in den Semesterferien, und sahen, dass die Italiener auch lachten, Vinamoremaccarone und Dolcevita funktionierten weiter, es gehörteeinfach zu dem lässigen, spielerischen Lebensstil in Italien, wo ja auch noch schlimmeres passierte, Mafia und so weiter. Irgendwann trat tatsächlich mal ein Notenbankpräsident zurück, Guido Carli, weil er das Ganze nicht mehr mitmachen wollte. Sein Nachfolger machte dann einfach weiter, so war Italien, das weiter lachte, bei immer höheren Inflationsraten.
Bis ich dann, da hatte ich mein Diplom längst in der Tasche, als Wirtschaftsredakteur, mitansehen musste, wie den Italienern das Lachen verging. Weil die Wirtschaft international nicht mehr mithalten konnte, weil nun äußerst schmerzhafte Anpassungsprozesse notwendig waren, um das Land wieder konkurrenzfähig zu machen.
Das war vor etwa einem Vierteljahrhundert. Inzwischen geht es der italienischen Wirtschaft wenigstens ein bisschen besser, und die Menschen in Europa kaufen auch wieder Fiat. Auch in anderen einst inflationsträchtigenStaaten Europas achtet man seit langem konsequenter auf die Geldwertstabilität.
Zwischendurch, muss man nun wohl sagen.
Jetzt, im Herbst 2012, wird es interessant. Wenn ich nicht so staubige Erinnerungen hätte an die Uni-Räume in Berlin-Dahlem würde ich ja gern mal wieder hingehen, und schauen, ob dort weiter gelehrt wird, dass Fiskal- und Geldpolitik streng getrennt sind. Ob man dort immer noch von fernen Ländern erzählt, bei denen man es nicht mehr so genau nimmt. Heute, da wir nicht auf Italien schauen, weit hinter den Alpen, sondern da Italien zu uns gekommen ist, in Person von Mario Draghi, dem Präsidenten der Europäischen Zentralbank. Er will jetzt in ganz großem Stil Staatsanleihen der kriselnden Staaten des Euroraumes aufkaufen. Papiere, die niemand mehr haben will, die man ansonsten nur für horrende Zinsen losschlagen könnte. Er will dafür frisch „gedrucktes“ Geld aus seinem Haus hergeben, und natürlich nicht so hohe Zinsen verlangen. Warum auch, gehört ja sowieso alles dem Staat, dem zwar nicht mehr dem italienischen dieses Mal, sondern dem europäischen. Vor allem aber wohl die Regierung in Rom wird ihm nun ihre ansonsten unverkäuflichen Papiere anbieten.
Auch Mario Draghi hat in den 70er Jahren studiert, in Rom, später am MIT in Massachusetts. Würde mich interessieren, ob er da auch gelernt hat, dass Geld- und Fiskalpolitik getrennt sind, als Axiom. Aber alles fließt, und letztlich hat man in den vergangenen zwei Jahren sowieso alle eisernen Regeln, die man sich im Euroraum genau und extra für eine solche Krisensituation gegeben hat, einfach gebrochen. Es herrscht ja schließlich jetzt wirklich Krise, und da muss man flexibel sein.
Richten wir uns auf harte Zeiten ein, in jedem Fall auf Inflation. Vielleicht kommt ja auch ein bisschen Dolcevita ins Land, und wir lachen ein wenig. Vor allem aber: Wir müssen, mal wieder, die Bücher umschreiben. Dieses Mal nicht die Geschichtsbücher, sondern die volkwirtschaftlichen Lehrbücher. Vielleicht kommt auch die Zeit zurück, da man in Berlin (und in Rom?) wieder mit einem rein marxistischen Studium einen Abschluss in Volkswirtschaft erzielen kann. Mit Mario Draghi als Gastdozent.
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Kategorie(n): Wirtschaft

