Vera Lengsfeld 08.05.2009 10:34 +Feedback
Doppeltagebuch 1989/2009- 8. Mai
In der Leipziger Nikolaikirche findet anlässlich des Kriegsendes ein Friedensgebet statt. Erstmals bildet die Volkspolizei einen Cordon sanitaire um die gesamte Kirche . Niemand soll unerkannt die Kirche verlassen dürfen. Nach der gestrigen Wahldemonstration liegen die Nerven der Staatsmacht blank.
Das Neue Deutschland meldet , dass 98,85% der Wahlberechtigten für die Kandidaten der Nationalen Front gestimmt hätten. Es wird diesmal von Leuten gekauft, die sonst nie diese Zeitung in die Hand nehmen. Sie wird als Beweismittel für die Wahlfälschungen bei der Staatsanwaltschaft eingereicht.
„Bild“ beschäftigt sich in seiner Titelgeschichte nicht mit den Vorgängen im anderen Teil Deutschlands. Abtreibungsarzt Theissen ist der Held des Tages. „Jetzt rede ich! Sogar eine Nonne macht mir Mut!“
Das Kriegsende vor spielt unter den heutigen Topthemen keine Rolle. Eher schon die bevorstehende Auslieferung von Iwan Demjanjuk, dem Mittäterschaft am Tod von tausenden Häftlingen vorgeworfen wird. In der stalinistischen Sowjetunion war der Mann Traktorfahrer. Er hat also die stalinistische Willkür gegenüber der ländlichen Bevölkerung miterlebt. Dann wurde er Soldat. An der Front hat er mitansehen müssen, wie die Soldaten der Roten Armee verheizt wurden. Als er gefangen genommen wurde, wusste er, dass seine Familie daheim verhaftet und in die Lager deportiert werden würde. Nach einem stalinistischen Gesetz war nicht nur der kriegsgefangene Soldat ein Verräter, sondern eben auch seine Familie. Er hat sich dann von den Nazis anwerben lassen und als Aufseher in Vernichtungslagern gearbeitet. Als „Iwan der Schreckliche“ soll er dort unzählige Gräueltaten begangen haben. Die Israelis haben ihn dafür zum Tode verurteilt, nach sieben Jahren Haft wegen Mangel an Beweisen freigelassen. Demjanjuk kehrte nach Amerika zurück. Was bleibt vom Leben, wenn die frühere Existenz von den beiden totalitären Diktaturen so vollständig zerrieben wurde? Nun will ihn die deutsche Justiz und man wird das Gefühl nicht los, sie will ein Exempel statuieren, um von ihrem Versagen bei der juristischen Bewertung der Verbrechen der beiden totalitären Diktaturen des letzten Jahrhunderts abzulenken.
Permanenter Link | Druckversion
Kategorie(n): Inland


