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  08.01.2012   07:24   +Feedback

Die zweite Vertreibung aus Ägypten

Zu den wenig erzählten Geschichten aus dem Nahen Osten gehört diese: In allen arabischen Ländern gab es einst jüdische Gemeinden. In Bagdad und Tripoli, in Aleppo und Damskas, in Kairo und Alexandrien. Diese Gemeinden waren uralt—viel älter als der Islam. Im Irak etwa konnten die Juden auf eine 3000jährige Geschichte zurückblicken; der babylonische Talmud entstand im Zweistromland.

Die jüdischen Gemeinden in den arabischen Ländern wurden nach 1948 binnen weniger Jahre zerstört. Es gab nach dem ersten israelischßarabischen Krieg nicht nur eine Flüchtlingsbewegung—jene der arabischen Palästinenser, von der heute noch tout le monde redet --, sondern deren zwei. Es wird geschätzt, dass damals vielleicht eine Million arabische Juden vertrieben wurden. Die meisten von ihnen gingen ins frisch gegründete Israel, das damals ein bitterarmes Land war, ungefähr auf demselben ökonomischen Stand wie Titos Jugoslawien (übrigens auch ungefähr so sozialistisch). Sie lebten erst einmal in den berüchtigten ma´abarot (Barackenlagern, Zeltstädten) und hatten so gut wie nichts. In ihren Herkunftsländern hatten viele zur Bourgeoisie gehört. Sie ließen Villen, Schmuck, Geld zurück—Schätze, die von den arabischen Regimes geplündert wurden.

In Ägypten lebten vor 1948 etwa 80.000 Juden. Die meisten, wie schon angedeutet, in Kairo und Alexandrien. Unter der Monarchie ging es ihnen gut, sogar nach 1948 blieben die meisten noch da. Aber als 1952 die Offiziere unter Gamal Abd el-Nasser putschten (einem Hitlerverehrer, der ein Porträt des Gröfaz in seinem Büro hängen hatte), entschlossen sich viele zu gehen; noch prekärer wurde die Lage der ägyptischen Juden, als Israel, Frankreich und Großbritannien im Sinaifeldzug versuchten, Nassers Regime zu stürzen.

Die Familie von Lucette Lagnado hat es noch bis in die Sechzigerjahre ausgehalten, dann musste auch sie gehen—erst nach Paris, dann nach Brooklyn. Lucette Lagnado hat über ihre Familiengeschichte zwei biografische Bücher geschrieben, die ich bedingungslos weiterempfehlen kann: ”The Man in the White Sharkskin Suit” und ”The Arrogant Years”. Dieser Tage—nach dem überwältigenden Wahlsieg der Islamisten—fühlt sie sich, als würde sie zum zweiten Mal aus Ägypten vertrieben. Ich habe Lucette Lagnado im koscheren Steakhaus ”Le Marais” getroffen. Hier ein Bericht über unser Gespräch.

(Hannes Stein)


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Kategorie(n): Ausland 

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