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  23.01.2012   17:25   +Feedback

Die zersägte Jungfrau

Der Tsunami in Japan und die damit verbundene Reaktor-Katastrophe von Fukushima jährt sich in gut einem Monat. In Deutschland war das Unglück der Auslöser für den rasanten Atomausstieg und die „Energiewende“. Wie sieht es nach einem Jahr damit aus? Politiker und Umweltaktivisten hatten ja eine rosige Zeit vorausgesagt: Ein grünes Jobwunder sollte über uns kommen und ein ökologisches Wunderland aufscheinen, das auf Atomkraft verzichtet und gleichzeitig Vorreiter beim Klimaschutz sein würde.

Heute lässt sich sagen: Es war die große Stunde der Illusionisten, die der Bevölkerung eine großartige Variete-Nummer vorführten. Ein Illusionist ist ein Künstler, der bei seinem Publikum Sinnestäuschungen erzeugt. Eine beliebte Parade-Nummer heißt die „zersägte Jungfrau“. In Zukunft wird vielleicht auch die „Energiewende“ in das magische Repertoire aufgenommen. Der weibliche Zauberer heißt Angela Merkel und führt dem Publikum vor, wie der Strom ohne eine Leitung oder sonstige technische Hilfsmittel einfach aus der Steckdose kommt. Hokus Pokus Fidibus.

Aber schauen wir doch einmal hinter die Kulissen. Die Requisiten für Merkels Energiewende-Nummer heißen: Wind, Wasser und Sonne. Tatsächlich verlässt sich Magier Angela aber auf etwas ganz anderes: Der wahre Treibstoff für ihrer Wende ist Kohle - und zwar viel, viel mehr als bisher. Schließlich scheint die Sonne nicht immer und der Wind weht wann er will. Im Herbst 2011 überraschte er die Deutschen beispielsweise mit einer vierwöchigen Flaute. Nun wäre das kein Problem, wenn man zuvor erzeugte überschüssige Windenergie irgendwo speichern könnte. Theoretisch könnte man Wasser in hochgelegene Speicher pumpen. Doch um eine vierwöchige Flaute künftig mit Wasserkraft abpuffern zu können, benötigte man das rund Tausendfache der heute in Deutschland installierten Pumpspeicherleistung.

Deshalb wird statt Kernkraft die Kohlekraft für eine halbwegs sichere Energieversorgung sorgen müssen - und zwar für viele weitere Jahrzehnte. Und weil man diese Kraftwerke nicht einfach an und ausknipsen kann, müssen sie als Backup-System die ganze Zeit mitlaufen. Selbst eingemottete Uralt-Anlagen werden derzeit reaktiviert um die Illusion der segensreichen Energiewende aufrecht zu erhalten. Die deutschen Klimaschutz- und CO2-Einsparungsziele sind von den Versprechungen damit weiter entfernt als die Erde vom Mond. Und dafür, dass es auch so bleibt, sorgte kürzlich der deutsche Bundesrat: Er lehnte einen Gesetzesvorstoß ab, abgetrenntes CO2 unterirdisch zu deponieren. Die Technik ist damit künftig noch nicht einmal versuchsweise erlaubt. Um diese klimapolitische Bankrotterklärung zu verschleiern, wird ein bewährter merkelscher Trick angewandt. Und der heißt: Wir reden einfach nicht mehr darüber.

Ein weiterer von Angelas Zauberformeln lautet: „Deutschland benötigt keinerlei Stromimporte.“ In Wahrheit muss mittlerweile bis zur Hälfte des bislang im Lande produzierten Atomstroms aus dem Ausland eingeführt werden - meist ebenfalls als Atomstrom. Auch da reden wir nicht drüber. Aber die Franzosen reden darüber. Frankreich heizt überwiegend mit Atomstrom und kann den Deutschen im Winter nichts abgeben. Also müssen andere Nachbarn einspringen - womit auch immer. Der sorgsam austarierte europäische Stromverbund gerät in der Folge aus den Fugen. Das bedeutet ein steigendes Risiko von Netz-Zusammenbrüchen und macht zusätzliche technische Maßnahmen erforderlich. Die Bürger der Nachbarländer - die Schweiz eingeschlossen - dürfen die deutsche Illusionsnummer - Hokus Pokus Fidibus - deshalb künftig mit höheren Strompreisen mitfinanzieren.

Derweil schreitet der Ausbau der Windenergie munter voran. Weil der Strom oft im falschen Moment am falschen Ort anfällt, steigt der Anteil, der davon nicht gebraucht wird, allerdings noch rasanter an. Im letzten Jahrzehnt hat sich die Menge des „abgeregelten“ Windstroms in Deutschland beinahe verzehnfacht. Die Deutschen missbrauchen das Stromnetz der Nachbarn deshalb ganz gern als Ausgleichpuffer für ihren überschüssigen Windstrom - wo dieser nichts als Unheil anrichtet. Deutschland zahlt deshalb sogar dafür, wenn das Zeug abgenommen wird. Trotzdem will Polen als erstes Land keine grünen Strom-Spitzen aus dem deutschen Phantasialand mehr hereinlassen - zu groß ist die Angst vor einem Blackout. Immer häufiger kämpfen die Netzbetreiber mit starken Schwankungen durch Solar und Windkraft, die Beschwerden aus der Industrie über für Produktionsanlagen gefährliche Schwankungen häufen sich. 

Der Bau von Leitungen um immer mehr Alternativstrom durch die Lande zu schicken, kommt indes nicht voran. Es fehlen tausende Kilometer. Die Kosten wurden weit unterschätzt - und die Länge von Planungs- und Genehmigungsverfahren ebenfalls. Was Windradbetreiber und Solarfarmer aber nichts ausmacht: Ihr Strom wird in jedem Fall zu weit über dem üblichen liegenden Garantie-Preisen abgenommen - oder sie werden fürs Nicht-Liefern bezahlt. Die ökonomischen Folgen dieses Hokus Pokus lassen sich bereits beziffern: Von der merkelschen Illusionsnummer gebeutelte Stromkonzerne streichen zehntausende Stellen. Auf der anderen Seite treten noch nicht einmal die industriepolitischen Verheißungen ein: Solarzellen und Windradshersteller entlassen ebenfalls massenhaft Mitarbeiter, weil die chinesische Konkurrenz billiger produziert. Die deutschen Verbraucher ächzen unter explodierenden Strompreisen. Sie zahlen sogar dafür, dass Alternativenergie nicht geliefert wird - und subventionieren obendrein chinesische Arbeitsplätze. Um das als Zukunftskonzept zu verkaufen, bedarf es wahrhaft magischer Fähigkeiten.

Erschienen in der Basler Zeitung vom 20.1.2012

(Dirk Maxeiner)


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Kategorie(n): Klima-Debatte  Wissen  Wirtschaft 

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