Vera Lengsfeld 17.12.2009 17:52 +Feedback
Die ukrainische Provinz und Europa
Der Wunsch der Ukraine, Mitglied der Europäischen Union zu werden, liegt der Gemeinschaft wie ein Stein im Magen. Nicht nur die Größe des Landes schreckt viele überzeugte Europäer ab. Seit sie Bestandteil des sowjetischen Imperiums war, ist auch das Bewusstsein verloren gegangen, wie eng die ukrainische mit der europäischen Geschichte verknüpft ist. Nehmen wir Luzk, eine ukrainische Provinzstadt nahe der polnischen Grenze, die heute kaum dem Namen nach bekannt ist, obwohl sie in ihrer bewegten Vergangenheit eine wichtige Rolle in Europa gespielt hat. Die Kopenhagener Gipfelkonferenz des Mittelalters fand 1429 auf Einladung des polnischen Königs Wladyslaw II Jagiello und Jadwigas von Polen in Luzk statt. Nur ging es damals nicht um nebulöse Klimafragen, sondern um ein handfestes Problem mit den einfallenden Tartaren. Alle europäischen Könige kamen, außerdem ein Gesandter des Papstes, um zu beraten, wie die drohende Gefahr abzuwenden sei. Unter den Konferenzteilnehmern befanden sich der deutsche Kaiser Sigismund, der russische Großfürst Wassili II., der dänische König Erich von Pommern, der Großmeister des Schwertbrüderordens Zisse von Rutenberg, der pommersche Herzog Kasimir V., Dan III., Herrscher der Walachei, und weitere deutsche Fürsten. Die Stadt wuchs rasant und zählte in der Mitte des 17. Jahrhundert etwa 50.000 Einwohner. Um diese Zeit lebten im herzoglichen Weimar gerade 8000 Menschen. In ihrer wechselvollen Geschichte gehörte Luzk zu Polen, Russland oder der Ukraine, war immer auch mal deutsch besetzt. Zuletzt ab 1941. Damals gab es etwa 39000 Einwohner, davon 17 500 Juden. Die Umgebung wurde mehrheitlich von Ukrainern bewohnt. Die Wehrmacht fand im KGB-Gefängnis der Stadt an die 2000 erschossene Gefangene vor, die umgebracht worden waren, weil sich die Rote Armee aus der Stadt zurückziehen musste. Diesen Massenmord nahmen die Nazis zum Anlaß, um die ukrainische Bevölkerung zu einem Progrom gegen die Juden anzustiften. Am 2. Juli 1941 erschoss dann das Sonderkommando 4a der Einsatzgruppe C 1.160 männliche Juden zwischen 16 und 60 Jahren. Die verbliebenen jüdischen Bewohner der Stadt wurden in ein Ghetto umgesiedelt und später am in der Nähe der Stadt gelegenen Polankahügel ermordet. An die massakrierten KGB- Gefangenen erinnert heute ein Gedenkstein an der Katholischen Kirche. Ob es am Poljankahügel ein Mahnmal für die dort umgebrachten Juden gibt, weiß ich nicht. In Stryj, einem anderen vergessenen ukrainischen Städtchen, einst lieblich, heute verwahrlost, war es die Initiative von Adam Zielinski, Sohn eines der ermordeten jüdischen Rechtsanwalts, der dafür sorgte, dass an der heute als Müllkippe genutzten ehemaligen Hinrichtungsstätte eine Gedenktafel an das Geschehen erinnert. Bezahlt wurde sie von Privatgeld. Keine Kopeke vom ukrainischen Staat, kein Cent aus Deutschland. In Luzk kann man von den ehemals über 20 orthodoxen und katholischen Kirchen noch einige bewundern. Von einer Synagoge ist , zumindest im Zentrum, nichts zu sehen. Auch kein Hinweis darauf, wo eine stand. Die Burg hat die Stürme der Zeit recht gut überlebt und bietet einen schönen Rundblick über die Stadt. Auch das ehemalige Gefängnis, heute eine Musikschule, ist gut zu erhalten. Vom jüdischen Leben, das bis 1941 die Stadt prägte, ist nichts mehr zu spüren. Mehr noch, mit den Juden scheint der Unternehmergeist aus der Stadt verschwunden zu sein. Einige Häuser im Stadtzentrum sind bereits restauriert und lassen die ehemalige Eleganz der Stadt erahnen. Vorherrschend ist aber immer noch die sowjetische Verwahrlosung und die mit ihr einhergehende Tristesse. Die Jugendlichen sind chic gekleidet, besonders die Mädchen. Aber von Innovation ist wenig zu spüren. Eher ein Abwarten, ob die erhoffte bessere Zukunft kommt, oder ob die Stadt dazu verurteilt ist, im vergessenen Hinterhof Europas zu verharren.
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Kategorie(n): Ausland


